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Schneechaos (letzter Teil)

Februar 18th, 2014 | Tagged , | 16 Kommentare | 2950 mal gelesen

Normal auf Hokkaido - aber ungewöhnlich in Tokyo

Normal auf Hokkaido – aber ungewöhnlich in Tokyo

Drei Beiträge hintereinander Schnee… aber es ist trotzdem einen weiteren Beitrag wert. Tokyo und Umgebung haben in den vergangenen Tagen die heftigsten Schneefälle seit 45 Jahren erlebt: Am 8. Februar fielen rund 30 cm Schnee im Stadtzentrum von Tokyo, und am 14. Februar noch mal eine ähnliche Menge. Das führt natürlich in Tokyo selbst auch zum Verkehrschaos, doch wesentlich arger hat es andere Präfekturen getroffen. In der Präfektur Yamanashi und selbst im Westen von Tokyo fielen nicht centimeterweise, sondern meterweise Schnee. Zentrale Bahnlinien fahren nicht mehr, Autobahnen und zahlreiche andere Strassen sind auf Dauer gesperrt, und tausende Haushalte sind seit Tagen ohne Strom.

Einige Orte in Yamanashi und Tokyo sind komplett von der Aussenwelt abgeschnitten, und überall stecken Autos und LKW’s seit Tagen im Schnee fest. Hallendächer brachen zusammen und etliche Bäume stürzten um. 23 Tote zählte man soweit¹, und die gesperrten Verkehrswege beginnen sich auszuwirken: Es gibt erste Lieferengpässe. In den Supermärkten zum Beispiel, aber auch bei den grossen Autokonzernen – etliche Werke mussten vorübergehend schliessen, da die Zulieferer irgendwo im Schnee feststecken. Und als ob das noch nicht reicht, soll es am Mittwoch und Donnerstag schon wieder schneien. Dieser Winter gestaltet sich damit recht dramatisch für die Hauptstadtregion. In den Präfekturen am Japanischen Meer und auf Hokkaido kämpft man jedes Jahr gegen die Schneemassen, aber für eine Region, in der pro Jahr im Durchschnitt nur ein paar Zentimeter zusammenkommen, war das einfach mal zuviel. Mit anderen Worten: Es wird langsam Zeit, dass es etwas wärmer wird…

¹ Siehe unter anderem hier

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Rekordverdächtige Schneefälle in Tokyo

Januar 14th, 2013 | Tagged | 9 Kommentare | 1808 mal gelesen

Gut, dass das Wetter heute, am „Tag des Erwachsenwerdens“ (ein nationaler Feiertag) nicht optimal werden würde, war uns bekannt. Starker Wind und Regenschauer bei +6 Grad wurden vorhergesagt. Das ist nicht schön, aber man kann ja nicht alles haben. Kurz vor Mittag wurde der strömende Regen jedoch irgendwie flockig. Meine Tochter sagte „schau mal, das bleibt da sogar liegen“, und ich sagte noch „Quatsch, das glänzt nur so vom Regen“. Dann fiel die Temperatur um ein paar Grad, und keine Stunde später war alles weiß. Der Unterschied zum vorherigen Tag könnte grösser nicht sein – gestern waren es gute 12 Grad, es war sonnig und definitiv zu warm für eine Jacke.

Schneemänner und -frauen

Schneemänner und -frauen

Im Raum Tokyo sind heute um die 20 Zentimeter Schnee gefallen (wenn nicht sogar mehr). Natürlich sieht man die 20 cm nirgendwo direkt, da es dann doch zu warm ist, aber selbst unsere Hauptstraßen waren verstopft, die Busse fuhren mit Schneeketten und zahlreiche Autos blieben stecken. Glücklicherweise war es ein Feiertag: Selbst bei weniger Schnee ist das Verkehrsnetz in Tokyo oftmals überlastet. Doch mit dem starken Wind zusammen sorgte das Wetter heute dafür, dass zahlreiche Bahnlinien nicht verkehrten, hunderte Flüge gestrichen wurden – und viele Brücken und Strassen gesperrt wurden. So viel Schnee – und vor allem unangekündigt – gab es schon eine geraume Weile nicht mehr. Zumal es in Tokyo, wenn überhaupt, oft erst Ende Februar / Anfang März schneit (wir erinnern uns: maritim geprägtes Klima – Jahreszeiten zeitlich etwas versetzt).
Der Schneefall hat mittlerweilen aufgehört, aber nachts sollen es knapp 0 Grad werden, und so dürfte der Berufsverkehr morgen ebenfalls recht abenteuerlich werden. Da es hier ja nicht oft schneit und erst recht nicht wirklich kalt wird, fehlt es natürlich am Winterdienst. (obwohl – der fehlt, wie es scheint, auch in Gegenden Japans, in denen es oft schneit).
So, und jetzt alle: „I’m dreaming of a White Coming-of-Age-day ♪“

P.S.: Rubrik „Was man schon immer wissen wollte“: Schneemänner bestehen in Japan in der Regel aus zwei Segmenten, in Deutschland hingegen aus drei.

 

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Wirbelstürme verwüsten Ortschaften bei Tokyo

Mai 6th, 2012 | Tagged , | 3 Kommentare | 1033 mal gelesen

Sieht irgendwie bedrohlich aus: Sturmfront über Tokyo

Ja, es müssen nicht immer Erdbeben sein. Man kann auch anders: Heute verwüsteten mehrere ausgewachsene Tornado bewohnte Gebiete in den Präfekturen Ibaraki und Tochigi. Mindestens drei Tornados wurden gezählt – darunter in 真岡市 Mōka-shi (-shi = Stadt) rund 100 km nördlich von Tokyo und in つくば市 Tsukuba-shirund 50 km nördlich von Tokyo. Besonders in Tsukuba waren die Schäden verheerend, da der Tornado direkt durch ein Wohngebiet fegte. Über 50 Menschen wurden teils schwer verletzt, ein 14-jähriger kam ums Leben, als der Sturm sein Haus samt Betonfundament (!) aus der Verankerung riss und ein paar Meter daneben verkehrt herum fallen liess. Des weiteren gab es in anderen Präfekturen Hagelschäden und auf Hokkaido weitflächige Stromausfälle. Eine Bewohnerin filmte den Wirbelsturm aus der Nähe, und man kann ihr nur Respekt zollen für ihren Mut. Nun ja, eigentlich handelte es sich dabei eher um Naivität, denn an ihrer Stelle wäre ich mit Sicherheit geflüchtet:

Wirbelstürme kamen in Japan schon immer vor (auch in Deutschland – wenn auch in beiden Ländern eher selten), aber die heutige Wetterlage war schon aussergewöhnlich. Eine lange, aber schmale Regenfront fegte heute über das Land und schob bereits Stunden vor dem Erscheinen einen kräftigen Sturm vor sich her. Das sah von uns aus gesehen so aus wie auf dem Bild oben rechts. Die Wand und die Blitze am Horizont sahen so beeindruckend aus, dass ich sofort Töchterchen vom Roller riss, sie auf mein Fahrrad setzte (zwischen Lenker und Sattel, auf der Querstange – sowas sieht man in Japan interessanterweise überhaupt nicht) und nach Hause radelte. Wenig später flogen bei uns die Fahrräder nur so durch die Gegend.

Wie so oft ist natürlich die Ruhe und die klare Luft nach dem Sturm erfrischend – so zeigte sich heute abend der nagelneue Tokyo Sky Tree in beachtlicher Klarheit (der Turm ist genau 10 km von uns entfernt).

Tokyo Sky Tree in der Abenddämmerung

Hier mal wieder zum ersten Mal seit langem das Wort des Tages: 竜巻 tatsumaki – der Wirbelsturm. Setzt sich aus 竜 tatsu = „Drachen“ (das alte Zeichen dafür wird auch noch häufig benutzt: 龍) und 巻く maku = „drehen, wirbeln“ zusammen.

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Frühjahrssturm / Wetter für Japanbesucher

April 4th, 2012 | Tagged , , , | 5 Kommentare | 2262 mal gelesen

Verkehrsinfo-Display im Bahnhof: Rot bedeutet kompletter Stillstand, gelb bedeutet Verspätung

Das Sturmtief, das heute über fast ganz Japan zog, hatte es in sich. Es war kein Taifun, aber es stand einem Taifun in nichts nach: Es legte den Verkehr von Kyūshū bis nördlich von Tokyo lahm, es gab Überschwemmungen, zahlreiche umgekippte Bäume und LKW, mindestens 3 Tote und Hunderter Verletzte. Selbst im Stadtzentrum von Tokyo wurden Windgeschwindigkeiten bis 110 km pro Stunde gemessen. Alle Bahnen, die nicht unter der Erde fahren, standen still, etliche Flüge wurden gestrichen. In der Präfektur Fukui strandete ein grosser, unbemannter Frachter, der sich losgerissen hat.

Rekordverdächtig für diese Jahreszeit? Nicht ganz – ca. ein Mal in zehn Jahren passiert so etwas im Frühling. Dieses Mal waren die Leute recht gut gewarnt: Sehr viele Firmen, auch die unsere, schickten ihre Leute am Nachmittag nach Hause. Ich hatte um 15 Uhr leider ein wichtiges Meeting, und mein Gegenüber entschuldigte sich mehrmals, dass es keinen Tee geben werde, da die Leute alle schon auf dem Heimweg sind. Nun gut – nach dem Meeting war es voraussichtlich schon zu spät, und so ging es zurück zum Büro, Sturm aussitzen. Da ich ja nun schon zahlreiche Taifune hier erlebt habe, weiss ich ungefähr, wann und wo welche Züge ausfallen. Und ein bisschen Thrill zum Feierabend tut auch ganz gut. Also ging es abends kurz vor 8 Uhr zum Bahnhof Ebisu. Erwartungsgemäss fuhr meine Linie nicht, also ging es mit der Yamanote-Ringlinie nach Ōsaki. Die Linie von dort fuhr – erwartungsgemäss, da sie fast die ganze Strecke unterirdisch verläuft (nein, keine U-Bahn!).

In Shin-Kiba hiess es umsteigen, aber natürlich fuhr die Linie nicht, denn die Linie von dort verläuft auf Stelzen und immer an der Küste entlang. Ein leichter Luftzug, und die Linie steht. Seit 14 Uhr. Also raus aus dem Bahnhof und zum Taxistand. Erstaunlicherweise warteten dort nur 3 Leute. Der Vordermann, ein junger Japaner, fragt mich ganz selbstverständlich auf Japanisch, wo ich hinmöchte. „Nach Urayasu!“ antworte ich, und er sagt freudestrahlend „Ich auch! Wollen wir uns das Taxi teilen?“. Aber gern doch. 15 Minuten später teilen wir die Rechnung – 1,300 yen für jeden. Letztendlich dauerte die Heimfahrt damit sogar etwas kürzer als üblich. Geht doch. Vor 9 Uhr war ich zu Hause. Meine Linie nahm erst nach 23:30 wieder den Betrieb auf.

Jüngst fragte ein Japan-Besucher und Leser verständlicherweise, woher man als Japan-Besucher im Voraus von solchen Wetterlagen erfahren kann. Nun, die JMA (Japan Meteorological Agency) unterhält eine sehr umfangreiche englische Webseite zum Thema, und ein gelegentlicher Blick darauf kann bei der Reiseplanung sehr nützlich sein:

http://www.jma.go.jp/jma/indexe.html

Insbesondere sind folgende Seiten darin wichtig:

Aktuelle Unwetterwarnungen
Taifunwarnungen (Juni bis November)
Wettervorhersage
Für Fortgeschrittene: Regenradar (mit Vorhersage-Simulation)

Bei allen Karten kann man Gebiete anklicken.

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70%-Chance für ein Hauptstadtbeben in den nächsten vier Jahren?

Januar 24th, 2012 | Tagged , , | 15 Kommentare | 3121 mal gelesen

Es ist mal wieder einer solcher Tage, an denen alles zusammenkommt. Nachrichten am Morgen durchgeschaut – und da fällt mir die folgende Nachricht ins Auge: Chance für ein schweres Hauptstadtbeben innerhalb der nächsten 4 Jahre steht bei 70 Prozent. Vor dem schweren Beben im letzten Jahr hiess es diesbezüglich: 70% innerhalb der nächsten 30 Jahre. Von diesen Berechnungen mag man halten, was man will, aber die Tatsache, dass die Plattengrenzen und Verwerfungen seit dem Beben am 11. März 2011 an Stabilität eingebüsst haben, ist nicht von der Hand zu weisen. In den vergangenen 10 Monaten gab es im Schnitt 1.5 Erdbeben der Stärke 3 bis 6 in der Hauptstadtregion – das sind 5 mal mehr als vor dem schweren Beben. Das allseits befürchtete 首都直下地震 shuto chokka jishin – Erdbeben direkt unter der Hauptstadt wird schon lange erwartet, denn auch in der Hauptstadt gibt es zahlreiche Verwerfungen – so zum Beispiel im Nordwesten von Chiba sowie bei Hachiōji. Bei einem Erdbeben rechnet man mit einer Stärke von 6.7 bis 7.2 und einer Opferzahl von ca. 11’000 Menschen – zum Teil verursacht durch Großbrände, die man mit Sicherheit erwarten kann in einem solchen Ballungsgebiet.

Nun gut. Abends kurz vor 9 – ich war gerade in einem Meeting – gab es auch gleich noch mal einen Denkzettel – das Büro fing etwas länger an, zu wackeln. Aber dieses Beben war nicht in Tokyo, sondern in Fukushima, und es war auch „nur“ eine 5.1. Dafür ging es draussen jedoch allmählich zur Sache: Heftiger Schneefall, zum Teil begleitet von Blitz und Donner, setzte ein. Nein, langweilig wird es hier wirklich nicht.

Wird am 12. Februar 2012 eröffnet und ist hoffentlich erdbebensicher: Die 2'933 m lange Tokyo Gate Bridge

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Schwerer Taifun im Anmarsch: Warnung für Nagoya, Großraum Tokyo etc.

September 21st, 2011 | Tagged , | 4 Kommentare | 2927 mal gelesen

Taifun Roke: Erwartete Route

Taifun Roke: Erwartete Route

Der Taifun, der just im Anmarsch ist, verdient es allemal, hier erwähnt zu werden: Taifun Nr. 15 (will heissen, der 15. in dieser Taifunsaison im Ostpazifik), von der Internationalen Taifunbehörde „Roke“ (gesprochen: Rookie) genannt, ist bereits jetzt dabei, schwere Verwüstungen anzurichten – und dabei hat er noch nicht mal Land betreten. Momentan zieht der Taifun östlich der Pazifikküste entlang und wird morgen, am 21. September, womöglich direkt über den Großraum Tokyo ziehen. Heute hat er bereits vor allem auf Shikoku und bei Nagoya seine Spuren hinterlassen: Allein in Nagoya gingen an 890,000 Einwohner Evakuierungswarnungen heraus, da aufgrund des schweren Regenfalls der 庄内川 (Shōnai-gawa, -gawa = Fluss) über das Ufer getreten ist.
Das Besondere an diesem Taifun ist die Tatsache, dass er seit seinem längeren Aufenthalt bei Okinawa nochmal an Kraft zugelegt hat. Momentan beträgt die Windstärke nahe des Zentrums rund 160 km/h, mit Spitzen von bis zu 200 km/h. Mittlerweilen wurde der Taifun deshalb zur höchsten Kategorie heraufgestuft. Im Großraum Tokyo rechnet man mit bis zu 400 mm Regen innerhalb der kommenden 24 Stunden (Berlin: 571 mm pro Jahr).
Wer noch nicht in den zweifelhaften Genuß eines Taifuns bzw. Zyklons bzw. Hurrikans kam: Das Ausmaß der Schäden hängt stark von der Topographie des betroffenen Gebietes ab. Im Falle Japans ist es meist weniger der Wind, der Schaden anrichtet, sondern die enormen Wassermengen: Da sich der Großteil über oder vor dem Gebirge im Landesinneren ergiesst, ist quasi jedes Gebiet in Flußnähe in Gefahr, erst recht, wenn es sich um ehemalige Auen handelt. Leider sind Taifunrouten nachwievor relativ schwer voraussagbar. Mit etwas Glück verschont dieser Taifun Tokyo, aber es sieht momentan nicht gut aus.

Unwetterwarnung am 21. Sep 2011

Taifun Nr. 15: Unwetterwarnung am 21. Sep 2011

Was tun, wenn man gerade in Tokyo ist? Nicht viel. Es sollte einfach jeder prinzipiell davon ausgehen, dass der Nahverkehr morgen abend zum erliegen kommt. Desweiteren empfiehlt es sich, das Auto stehenzulassen und tiefe, flussnahe Bereiche zu vermeiden.
Dieses Jahr ist übrigens wirklich beachtlich in Sachen Taifune: In den 1970ern gab es 4 schwere Taifune in Japan, in den 1980ern keinen nennenswerten Taifun, in den 1990ern und 2000ern jeweils wieder 4 – doch „Roke“ hat das Zeug dazu, der zweite schwere Taifun in diesem jungen Jahrzehnt zu werden: Nr. 12 in diesem Jahr, „Talas“, war etwas weniger stark, richtete aber im August/Septemver schwere Schäden vor allem in der Präfektur Wakayama an: 67 Menschen kamen ums Leben, 26 werden noch vermisst.
Tausend mal verlinkt, aber zur Sicherheit nochmal: Den aktuellen Taifunstatus auf Englisch gibt es hier.

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Zwei Tage Kyōto, ein Erdbeben und ein Taifun

September 6th, 2011 | Tagged , , | 1 Kommentar | 1155 mal gelesen

Am Sonntag morgen ging es nach Kyōto – mit dem ersten Shinkansen des Tages, morgens um 6:00 Uhr. Nein, nicht zur Verlustierung, sondern zur Arbeit: In Kyōto stand der erste „Extensive Reading World Congress“ an (ja, sowas gibt es auch), mit zahlreichen illustren Figuren aus der „Szene“. Und was kann ein Sonntag schon bringen, der morgens um 4:30 mit dem Aufstehen beginnt? Ein paar Minuten vor Abfahrt stieg ich in den Shinkansen ein. Wie immer gab es eine lange Lautsprecheransage auf Japanisch und Englisch, damit die Zugreisenden gewarnt seien, wo der Zug überall halten wird und wo die armen Raucher eigentlich noch rauchen dürfen usw. usf. 5:55 begann der Zug bedächtig vor sich hin zu wackeln. Ohne loszufahren. Es fuhr auch nichts vorbei. Die Lautsprecheransage endete abrupt, und die Passagiere und Leute auf dem Bahnsteig schauten sich etwas verdutzt an. Alle hatten den gleichen Gedanken, da bin ich mir sicher: „Ist das ein Erdbeben oder bilde ich mir das nur ein?“ Nein, es war eindeutig ein Erdbeben, Stärke 4.7 und unmittelbar bei Tokyo. Egal, jetzt bloss nicht verwirren lassen.
Eine Stunde nach Abfahrt, hinter Shin-Fuji, wurde das Wetter interessant: Wir fuhren in die Ausläufer von Taifun Nr. 12 hinein. Der Shinkansen bremste ab, und man sah stellenweise draussen rein gar nichts mehr. Trotzdem ging es bald mit 320 km/h weiter. Und es gab ellenlange Entschuldigungen vor Kyoto – aufgrund der widrigen Witterungsverhältnisse hätte man leider 2 Minuten Verspätung – „お忙しいところ申し訳ございませんでした“ – „Gerade wo Sie es doch so eilig haben, fällt uns keine passende Entschuldigung ein“: Nein, das ist keine blühende Phantasie, sondern schlichte, sehr gebräuchliche Höflichkeitssprache in der Demutsform.
Kyōto? Da war doch was. Ach ja, Tempel, Kultur, viel zu sehen. Bei Taifun – Regen. Bei einer Konferenz: Regen, von innen betrachtet, in einer wunderschönen Universität weitab vom Geschehen.
Nein, keine Pointe in dieser Geschichte. Taifun Nr. 12 war übrigens etwas aussergewöhnlich: Bis vor einer Woche sah es so aus, als ob er direkt auf Tokyo treffen sollte. Dank eines Hochs östlich von Japan wurde er jedoch plötzlich nach Westen gedrückt. „Dank“ ist hier aus der Perspektive der Hauptstädter zu sehen. Zwar wurde der Taifun zunehmend schwächer, aber er war allein von der Grösse her zu einem Monster herangewachsen. Wie so oft war nicht der Wind verheerend, sondern die Regenmengen, die vor allem auf dem Land in den Bergen regelmässig ganze Weiler durch Schlammlawinen verschütten. Ergebnis soweit: 37 Tote, 55 Vermisste. Die Opferzahlen steigen stündlich.
Ach ja: Das mit den Taifunbezeichnungen ist so eine Sache. Die von Taifunen betroffenen Pazifikanrainer haben sich auf eine Liste von insgesamt 140 Namen geeinigt: Jedes Land durfte dabei eigene Namen einbringen, selbst Hongkong und Makao. Erreicht ein Taifun eine gewisse Grösse, wird ein Name aus der Liste gewählt. Ist die Liste erschöpft, wird wieder von vorn begonnen. Taifune können Japan übrigens jederzeit heimsuchen – selbst im Winter. Taifunsaison ist allerdings die Zeit zwischen Juni und Oktober, mit der Spitzenzeit im Frühherbst.

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Rekordsommer und was so dazugehört

September 2nd, 2010 | Tagged | 14 Kommentare | 3335 mal gelesen

Jetzt ist es laut JMA (気象庁 – Japanese Meteorological Agency) also amtlich: Dies ist der heisseste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1898 – die Temperaturen lagen zwischen Juni und August im Landesschnitt 1.61 Grad über dem Durchschnitt. Einen grossen Anteil daran hatte der Monat August – vielerorts, so auch in Tokyo, lag die Temperatur knapp 3 Grad über normal, und 3 Grad sind eine ganze Menge: Seit Wochen regnet es nicht, die Tagestemperaturen liegen permanent bei 35 und die Nachttemperaturen bei 27 Grad. Gemessen in 1 m Höhe über einer bewachsenen Freifläche, versteht sich. Mit anderen Worten: Es ist unerbärmlich heiss, und noch immer ist kein Ende in Sicht.

Na mein Kleiner, hast du dich verlaufen?

 

In den Medien tauchen im Zusammenhang mit dem Sommer auch immer neue, weniger appetitliche Nachrichten auf: So befinden sich wohl sonst eher weiter südlich angesiedelte Kakerlakenarten auf den Vormarsch gen Norden – darunter die bis 5 cm langen Wamon-Kakerlaken (jene sind recht angriffslustig und fliegen auch nicht selten) sowie die bis 4 cm langen Satsuma-Kakerlaken. Schon gewusst, dass einige von denen bis zu 1.5 m pro Sekunde zurücklegen können? 5 cm – das berechtigt beinahe eine Ausweistragepflicht!

Die Hitze scheint den Tieren wirklich gut zu bekommen. In unserer alten Wohnung hatten wir seit Einzug 5 Jahre lang Ruhe vor den Viechern – keine einzige haben wir zu Gesicht bekommen – aber Anfang August tauchten gelegentlich welche auf (und zwar zwei Tage, nachdem die Mieter über uns ausgezogen waren…Zufall!?). In der neuen Wohnung haben wir noch keine gesehen, wohl aber im untersten Stock neben der Treppe. Umziehen hilft übrigens bei Kakerlakenplage selten weiter: Hat man wirklich häufig solche Tiere in der Wohnung, ziehen jene meistens mit – in Form von Eiern, an Kleidung, Taschen, Tüten usw. usf.

Das Wort des Tages: 繁殖する hanshoku suru. Sich vermehren, sich ausbreiten.

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Frühling überspringen

April 15th, 2010 | Tagged | 7 Kommentare | 664 mal gelesen

Momentan scheint es, als ob der Frühling dieses Jahr übersprungen wird: Schon das Kirschblütenfest war dieses Jahr wettertechnisch eher ein Reinfall – die Temperaturen lagen oft bei ca. 10 Grad, dazu gab es noch viel Wind und Regen (was aber kampferprobte Kirschblütenschautrinker nicht davon abhielt, das alljährliche übliche Ritual durchzuziehen). Nun war es wenigstens vergangenes Wochenende halbwegs normal (normal bedeutet um diese Zeit herum 11 Grad nachts und knapp 20 Grad am Tag), aber in dieser Woche geht es wieder ganz klar zurück in den Winter. Die Wettermeldung von Yahoo im iPhone/iPod Touch mit den ohnehin schon sehr unzuverlässigen Werten bringt das Ganze auf den Punkt: Tiefsttemperatur 7 Grad, Höchsttemperatur 9 Grad. Momentane Temperatur: 5 Grad. Liebe IT’ler bei Yahoo for iPhone: Könntet Ihr bitte die folgende Zeile in Euer Programm hinzufügen:

if recentTemperature < lowestTemperature then lowestTemperature = recentTemperature

Ganz einfach, und der logisch denkende Durchschnittsuser muss sich nicht jedes Mal in die Wange kneifen um zu merken, dass ansonsten alles echt ist.

Auch den Leuten bei der U-Bahn und den Zügen scheint das Wetter aufs Gemüt zu schlagen: An drei von vier Tagen in dieser Woche herrschte Chaos auf etlichen Linien, an einem Tag mit der Begründung, „weil es regnet“. Sind wir in Abu Dhabi oder was!? So. Das musste mal gesagt werden. Wer auch immer momentan in Tokyo auf Besuch weilt: Sorry, Pech gehabt! Ist nicht immer so! Wird aber bis Sonntag wohl auch nicht besser…

Das Wort des Tages: 愚痴 guchi. “dumm – belanglos“. Zusammen: Nörgelei, Klagen.

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Irgendwie…busy

Februar 9th, 2010 | Tagged , | 8 Kommentare | 873 mal gelesen

Nicht, dass auf Arbeit nicht schon die Luft brennen würde – da haben sich zahlreichere grössere Projekte auf einem Haufen versammelt (warum nur) und das bedeutet oftmals mehr als die üblichen zehn Stunden im Büro zu verbringen. Das sollte eigentlich ausfüllend genug sein.

Stattdessen schlage ich mich momentan auch noch mit dem „tabibito Japan podcast“ Folge 1 herum (fast fertig), was ich aber bestimmt schnell bereuen werde. Eigentlich hält mich dieser Blog und die anderen Seiten genug auf Trab. Und da das alles noch nicht reicht, klopfte vergangene Woche auch schon der Einsendeschluss für einen neuen Artikel in der Zeitschrift Midori an der Tür – dieses Mal wurde es ein Artikel ausschliesslich für die Zeitschrift. Aber mal schauen, vielleicht findet er auch irgendwann den Weg hierher.

Immerhin gibt es diese Woche einen Feiertag – der Donnerstag ist frei. Ach ja, und wo ich doch vor genau einer Woche so schön über Neuschnee in Tokyo geschrieben habe: Heute waren es hier 19 Grad und blauer Himmel (die ich freilich im Büro aufs vollste ausschöpfen konnte). Kleiner Trost für alle Mitteleuropäer: Das Intermezzo dauert wohl nur einen Tag, ab morgen wird es wieder kalt. Naja, also fast. Wahrscheinlich knappe 10 Grad oder so.

Das Wort des Tages: 多忙 tabō. Zu deutsch: Schwer beschäftigt.

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