Premium-Freitag

Januar 16th, 2017 | Tagged | 3 Kommentare | 768 mal gelesen

Ganz tolles Ding: Der Premium Friday

Ganz tolles Ding: Der Premium Friday

Überstunden bis der Arzt kommt. Oder wieder geht. Noch immer ist das leider Alltag in Japan – wider aller Bemühungen, Firmen und Ämtern zu erklären, dass (zu viele) Überstunden weder dem Arbeitgeber noch dem Arbeitnehmer gutes tun. Beide Seiten verlieren, wenn die Angestellten zu viel arbeiten. Und so gibt es immer mal wieder neue Ideen, wie man das Problem lösen könnte. Vor ein paar Jahren zum Beispiel tauchte das Wort ノー残業デー No zangyō day auf – der „überstundenfreie Tag“. Als in meiner Firma damals noch viele Japaner arbeiteten, führten wir auch einen überstundenfreien Tag ein – jeweils am Mittwoch sollte es Punkt 7 („定時“ – teiji, „zur regulären Zeit) nach Hause gehen. Die Angestellten schafften es exakt eine Woche lang, sich daran zu halten.

Nun geistern wieder diverse karōshi-Fälle durch die Presse, also wird es mal wieder Zeit, etwas Aktionismus zu zeigen. So tauchen zum Beispiel die ersten Firmen auf, die ihren Angestellten Geld bezahlen, wenn sie sich mit Überstunden zusammenreißen (in einem konkreten Fall war davon die Rede, Angestellten 10’000 Yen (rund 80 Euro) pro Monat zu bezahlen, wenn sie weniger als 30 Stunden Überarbeit pro Monat leisten). Immerhin besser als das, was manche Firmen machen: Für eine Pauschale von 10’000 Yen pro Monat 25 oder mehr Überstunden verlangen.

Ende vergangenen Jahres nun entwarf das Wirtschaftsministerium eine neue Kampagne: Man propagiert nun den プレミアムフライデー Premium Friday. Firmen sollen demzufolge ihre Angestellten am letzten Freitag des Monats um 15 Uhr nach Hause schicken. Die Idee: Die Angestellten sollen sich dann um ihre Familien kümmern können. Oder einkaufen gehen – um die Wirtschaft anzukurbeln. Oder was auch immer. Wie üblich hat man aus diesem Grunde auch eine nagelneue Webseite ins Leben gerufen. Wesentlicher Bestandteil dieser Webseite ist es, den Besuchern zu erklären, was sie tun müssen, um das tolle Logo benutzen zu dürfen. Sicher sind bei der Erstellung des Logos, der Webseite und der Erklärungen zum rechtmäßigen Benutzens des Logos zahllose Überstunden draufgegangen, weil man während der vielen Meetings zur Vorbereitung in der regelmäßigen Arbeitszeit nicht zu Potte kam.

Ob das was bringt? Ein paar Firmen werden da vielleicht mitmachen. Aber was würde es schon bringen, wenn sich zum Beispiel ein Drittel aller Firmen im Raum Tokyo daran halten würde? Alle Geschäfte, Kinos, Restaurants und dergleichen würden brechend voll sein. Schöne Erholung! Anstatt also solche albernen Aktionen ins Leben zu rufen, sollte man lieber die Energie darauf verwenden, striktere Regeln für Firmen in Sachen Überstunden einzuführen – beziehungsweise die eigentlich schon bestehenden Regeln durchzusetzen.

 

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3 Responses to “Premium-Freitag”

  • Rainer Stobbe sagt:

    Neben den altbekannten Gründen, wie „ich kann doch nicht vor meinem Vorgesetzten nach Hause gehen“, verbesserungswürdige Arbeitsorganisation, etc. könnte es ja auch noch andere Gründe für die oftmals sehr große Zahl an Überstunden geben: Ein guter Freund von mir hat gerade bei einer (Tochterfirma einer) international bekannten und renommierten Werbeagentur (nicht Dentsu…) angefangen. Sein eigentlicher Arbeitsvertrag lautet über 35 Stunden in der Woche, 30 Stunden Überstunden im Monat sind damit auch abgegolten, dennoch ist seine „normale“ Arbeitszeit täglich von ca. 9:30 bis ca. 23:00 Uhr. Alle Überstunden werden aufgeschrieben und wenn die genannten 30 Stunden überschritten sind, auch extra bezahlt. So genau kenne ich mich mit den japanischen Steuerregeln nicht aus, aber kann es sein, dass Überstundenabgeltungen anders (d.h. niedriger) besteuert werden als die „normale“ Arbeitszeit? Sollte das der Fall sein, so wäre dort ein Ansatz, wenn man es wirklich Ernst meint mit der Überstundenreduzierung – aber so ganz bin ich noch nicht davon überzeugt, dass ernsthaft daran gearbeitet wird…

  • Julia sagt:

    Das Schlimmste ist ja noch, dass gar nicht mehr gearbeitet wird als bei uns, sondern man einfach nur länger im Büro bleiben muss. Weil man auf Zuarbeit von einem langsamen Kollegen wartet oder die Chef ungern in ihr leeres Zuhause geht oder wieso auch immer.

  • Erik Sieven sagt:

    Ich frage mich manchmal ob es nicht sinnvoll wäre auch in Deutschland die Wochenarbeitszeit zu reduzieren, zum Beispiel auf 36 Stunden. So könnte man allen Vorgestellten vielleicht einen freien Vormittag in der Woche zugestehen. Den könnten die Leute nutzen um mal auszuschlafen, ohne dass wie am Wochenende die Kinder ab 6:30 morgens gerne unterhalten werden möchten. Oder noch wichtiger: man könnte Bankgeschäfte, Arzttermine und ähnliches erledigen ohne sich extra Urlaub nehmen zu müssen oder sich irgendwie abzumelden. Gut wäre es es wenn das ganze per Zufall zugeteilt würde, so dass nicht zum Beispiele alle am Dienstag morgen Gleichheit zu den Ärzten gehen. Man könnte z.B. sagen alle mit einer 1 oder 2 als letzter Ziffer der Steueridentifikationsnummer haben Montag vormittags frei, mit 3 oder 4 haben Dienstag vormittag frei usw.