Grün. Wolken. Onsen. Hitze. Grün. Kyushu II

August 28th, 2012 | Tagged , | 7 Kommentare | 1463 mal gelesen

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1.

Wäre ich eine Kuh, würde ich hier übernachten wollen

Weiter ging es, immer weiter weg von Kumamoto, immer am Kraterrand entlang, der Milchstrasse folgend. Oder wie man die sogenannte Milk Road auch sonst übersetzen möchte. Die heisst so, weil es dort aufgrund der wahrhaft saftig aussehenden Wiesen auf der rund 1,000 m hoch gelegenen Hochebene viele Kühe gibt. Von den Bauern kann man teilweise direkt Milcherzeugnisse kaufen, aber die Preise haben sich gewaschen. Für einen Liter Milch zahlt man da schon mal locker knapp 10 Euro. Nicht, dass man das wirklich rausschmecken würde (alles schon mal probiert), aber was tut man nicht alles für glückliche Kühe. Es ging weiter bis 奥阿蘇 (Hinter-Aso), zu einem kleinen Dorf namens 産山 Ubuyama, und dort ist die Welt zu Ende. Eine Strasse führt hinein, und die gleiche Strasse wieder hinaus. Das wars. Zahlreiche Straßen in der Umgebung wurden bei den sintflutartigen Regenfällen im Juni diesen Jahres weggespült und sind noch immer nicht brauchbar. Unterwegs kamen wir dabei an ein paar prächtigen Schlamm- und Gerölllawinen vorbei, die breite Schneisen in die Wälder geschnitten hatten. Relativ junger Vulkan gleich hohe Hangneigung gleich instabile Hänge gleich Schwerkraft in Aktion: Für Geomorphologen ist der Aso ein Paradies.
In Ubuyama steht eine alte Herberge, und in der gibt es sprudelndes, heißes Wasser aus dem Untergrund. Das kann man gleich am Eingang testen, denn dort fließt ein bisschen heißes Wasser aus einem Bambusrohr. Die Herberge ist nahezu komplett aus Holz und sehr geschmackvoll eingerichtet. Überrascht war ich nur, zu lesen, daß das heiße Quellwasser erst vor ein paar Jahren dazu kam. Die Besitzer haben dafür tief bohren lassen – erst in fast 1,000 m Teufe wurden sie fündig. Aber das war offensichtlich eine gute Idee: Die Herberge gilt heute als 秘湯 hitō – als „Abgelegene heiße Quelle“ (das hi bedeutet eigentlich „geheim“), und ist somit ein Schatz für Onsen-Fans. Zudem ist das Wasser ideal: Es ist genug, um kein Wasser hinzufügen zu müssen, und warm genug, so dass man es nicht weiter erhitzen oder herunterkühlen muss.

Die schönsten Onsen sehen oft recht unspektakulär aus: Das Wasser hier war auf jeden Fall sehr gut

Ach, Onsen! Das erste Mal hatte ich eine solche heiße Quelle 1997 besucht. Das war in einem kleinen Dorf in Nagano. In heißen Quellen wird meistens nach Männlein und Weiblein getrennt. Manchmal gibt es auch Familienräume (家族風呂 kazoku-buro). Im Onsen in Nagano damals gab es nur getrennte Räume, und ich war mit weiblicher Begleitung dort. Die Instruktionen waren denkbar knapp: Ausziehen, waschen, rein ins heiße Bad, und zwar nackt, versteht sich, und entspannen. Nochmal richtig gründlich waschen danach und fertig. Als ich meine Begleiterin fragte, wie lange man denn so im heißen Bad bleibe, wurde mir gesagt „na, so 30 Minuten“. Gesagt, getan. Ich war damals der einzige im Männerbereich. Und das Wasser war verdammt heiß. Nach ein oder zwei Minuten aber wieder aus dem Wasser zu steigen hielt ich für eigenartig: Wenn 30 Minuten gesagt wird, werde ich das wohl durchziehen müssen, um ein Onsen zu verstehen, dachte ich so. Nach noch nicht einmal 10 Minuten wurde mir allerdings irgendwie blümerant. Immerhin bemerkte ich es rechtzeitig und kroch aus dem Wasser. Es kostete mich einiges an Selbstbeherrschung, nicht umgehend zu kollabieren: Bäder im Onsen gehen kräftig auf den Kreislauf, und zwar erst recht dann, wenn man starrsinnig länger als nötig sitzen bleibt. Ach ja, damals war ich noch jung, und offensichtlich schön blöd… Diese erste Begegnung mit einem Onsen prägte erstmal. Kreislaufkollaps? Nein, danke. Aber natürlich ging es später wieder in Onsen, und wenn man sich nicht so dämlich anstellt und auf seinen Körper hört (Heiß! Ganz heiß! Raus hier!), machen Onsen großen Spaß. Allerdings sind die Onsen in der Tat sehr verschieden: Einige sind warm, andere heiß, wieder andere brühend heiß.

Süß-sauer eingelegtes Gemüse gefällig?

Das Bad in der Herberge in Ubuyama passte. Es gab auch zwei kleine 露天風呂 rotenburo (Bäder im Freien), und hätten mich dort nicht umgehend zwei Bremsen gestochen, wäre ich wohl eine ganze Weile dringeblieben.
Das Abendessen in der Herberge war ebenfalls nicht zu verachten. Die Gegend ist bekannt für 漬け物 tsukemono – auf Neudeutsch „pickles“. Und zwar all-you-can-eat. Natürlich gab es noch viel, viel mehr, und vor allem reichhaltig. Unser Sohn hatte später irgendwie seinen Essnapf aus dem Eßraum geschmuggelt und stand plötzlich mit selbigem vor uns – darin: Gemahlenes Eis. „Nanu, wo hat der denn plötzlich gemahlenes Eis her?“ dachten wir noch so. Und dann: Wieso ist das Eis nicht kalt?! Des Rätsels Lösung: Im Raum stand ein großer Behälter mit Geleekugeln, die dazu dienen sollten, der Luft Feuchtigkeit zu entziehen. Das hatte man arg nötig, da es vorher, wie eingangs erwähnte, wochenlang ohne Unterlaß geregnet hatte. Die Geleebrocken waren nun überall. In seinen Haaren, im Bett, auf seinen Sachen, und eins… wo sonst, im Mund. Leicht angesäuert riefen wir die Herbergsmutter. Die fand jedoch den richtigen Ton, machte alles schnell sauber und rief auch noch einen Arzt an, um zu hören, was der zum Thema „Kleinkind vs. feuchtigkeitsentziehende Geleebrocken“ zu sagen hatte. Nun – nichts Neues. Kind beobachten. Kind nicht zu sehr erhitzen (onsen!). Falls Schaum aus dem Mund kommt (was normalerweise auch so schon der Fall ist), anfangen, Sorgen zu machen. Das Ende vom Lied: Entwarnung. Sohn quietschmunter (nach um 10 Uhr abends sogar munterer als sonst um diese Zeit – mein Gott, was war im Gelee drin?) und alles im grünen Bereich. Und er sollte uns am nächsten Tag auch wieder viel Freude machen.
Dann ging es nämlich zu einer berühmten Quelle in der Nähe (池山水源 Ikeyama Suigen), mit glasklarem, trinkbaren Wasser. Das richtig gut schmeckte. Daneben gab es einen kleinen Teich. Für ein paar hundert Yen kann man dort kleine Fische (Saiblinge) fangen, denen man dann gleich vor Ort ein langes Stäbchen in den Anus rammt, sie dann in Salz rollt, um sie anschliessend über Kohle zu grillen. Nein, Fisch möchte ich in diesem Land nicht sein. In dem kleinen Tümpel tummelten sich dutzende, wenn nicht gar hunderte dieser Fische. Los ging es: Angelroute für 100 Yen geliehen. Dazu gab es einen großen Klumpen Futter. Tochter mit Angel vertraut gemacht. Jemand rief „(Schwieger)mutter, pass mal kurz auf den Kleinen auf!“. Der Kleine liess sich nicht lumpen und schaffte es in den zwei Sekunden Aufseherwechsel, den grossen Futterklumpen zu krallen und mit Schwung in den Tümpel zu werfen. Und schon verwandelte sich der kleine Teich in einen Whirlpool! Welch ein Spaß!

Kaltes, klares Wasser in der Ikeyama-Quelle

Wir sprachen kurz mit jemandem von der Quelle. Die spuckt pro Sekunde angeblich 30 Tonnen allerfeinstes Trinkwasser aus, und das ist beachtlich. Dieses Wasser wird auch verkauft – und nach der Erdbebenkatastrophe machte man den großen Reibach. Auch wir bezogen nach dem Beben unser Wasser von hier, da ja das Trinkwasser in Tokyo zeitweise (?) radioaktiv belastet war. Eine eiserne Notreserve Ikeyama-Quellwasser steht noch immer bei uns im Schuhschrank. O-Ton: „Wir hoffen natürlich nicht, dass sich so etwas wiederholt, aber…“

Forsetzung folgt.

P.S. Ihr kennt ein schönes Onsen? Dann mal her damit! Nach 47 Präfekturen bin ich auf der Suche nach neuen Reisezielen!

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