Galapagos

November 21st, 2009 | Tagged | 10 Kommentare | 1471 mal gelesen

Liest man englische Artikel über Japan, trifft man gelegentlich auf das Kunstwort „Galapagosnization“ . Galapagos? Genau, die Inseln draussen im nichts mit den berühmten Darwinfinken, die sich von Insel zu Insel unterschiedlich entwickelt haben.

Japan mit Galapagos gleichzusetzen ist dabei in der Regel der Versuch, bildlich darzustellen, dass in Japan die Uhren anders ticken. Ein Paradebeispiel in der Wirtschaft: Der Mobilfunkmarkt. Er ist einfach anders. Leute benutzen hier ihre Mobiltelefone anders – zum Beispiel ausgiebigst zum Fernsehen, Shoppen (auf Seiten, die man nur auf Mobilfunktelefonen aufrufen kann) und zum bargeldlosen Bezahlen. Aus diesem Grund wurden dem iPhone und Google Android in Japan schlechte Chancen eingeräumt (was allerdings im Falle des iPhones widerlegt werden konnte – beim Android muss man abwarten; der Verkauf begann erst diesen Herbst).

Anderes Beispiel: KitKat. Oder Fanta. In so ziemlich allen Ländern dieser Welt ist KitKat ein geschichteter Keksriegel mit Schokolade drumherum. Der nach Keks und Schokolade schmeckt. Nur (?) in Japan lässt man sich nicht lumpen: Da gibt es auch die Geschmacksrichtungen grüner Tee, Sojasauce, Erdbeerkäsekuchen, Süsskartoffel, Kinako usw. usf. Auch Fanta wartet mit vielen lustigen Sorten auf. Selbst McDonalds, KFC usw. lassen sich was für Japan einfallen.

Warum ich ausgerechnet auf dieses Thema komme? Ich habe gerade durch Zufall zum ersten Mal seit langem Countdown TV auf TBS gesehen – dort werden die aktuellen Charts gezeigt. Als ehemaliger Formel 1 (Sendung)-Fan mochte ich sowas schon immer. Als ich bei meinem ersten Japanbesuch 96 die gleiche Sendung sah, dachte ich damals: „Gut, das waren die einheimischen Bands. Mal schauen, wie die allgemeinen Charts aussehen“. Pustekuchen! Das waren die Charts! Und daran hat sich nichts geändert: Man findet in den japanischen Charts in der Regel nur japanische Bands (und einige sind dort seit Jahrzehnten zu finden – wie z.B. Mr. Children oder Shiina Ringo usw.).
Dann wiederum gibt es Bands aus dem Ausland, die im Ausland kein Schwein mehr hören mag – die jedoch nachwievor in Japan hohes Ansehen geniessen. Beispiel: Mr. Big. Aber das ist ja kein japanisches Phänomen – Anne Clark oder Sisters of Mercy waren ja auch in Deutschland vielen Leuten ein Begriff, aber in ihrer Heimat kannte sie so ziemlich keiner.
Darwin hätte jedenfalls an Japan seine Freude gehabt.

Das Wort des Tages: ガラパゴス化 Galapagosu-ka. Galapagos und der Suffix -ung, also in etwas „Galapagosierung“. Von vielen Japanern auch selbst gern benutzt, um mal wieder darauf hinzuweisen, dass Japan etwas ganz, ganz besonderes ist.

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10 Responses to “Galapagos”

  • Stefan sagt:

    Das macht Japan allerdings sehr spannend, weil eben alles so anders ist. Und dass sie gerne Musik in japanischer Sprache hören und machen ist für mich als Fan japanischsprachiger Musik (Stil kann gerne auch westlich sein) ja auch ein Vorteil :D

    Nur für Auswanderer wie dich macht es die Sache vielleicht ein bisschen schwieriger – aber eben auch spannender.

  • Hamu-Sumo sagt:

    Diese Kleinigkeiten sind doch, was den Reiz noch verstärkt sich für Japan zu interessieren und das Land mal zu besuchen (und wenn ich dann mal da bin, werde ich garantiert Kitkat quer durch die Bank kaufen ;) ). Sehe darin also nichts schlechtes.

  • Günter sagt:

    Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, wie das mit dem Handy und dem 2D-Barcode zusammenpasst. Über die Infrarot- oder die Bluetoothschnittstelle?

    Apropos KitKat – über die japanische KitKat-Orgie berichtete seinerzeit BigAl schon sehr ausführlich. Sehr interessant! Muß doch mal in Düsseldorf den japanischen Supermarkt mit meiner Anwesenheit quälen und ein wenig rumnerven, ob man so was nicht besorgen kann.

  • Charly sagt:

    Witzig, bin vor ein paar Tagen in einem Kombini über KitKat Ginger Ale gestolpert und war doch sehr überrascht. Schmecht übrigens gar nicht so schlecht. Auch sowas wie Hamburger, die statt Fleisch nur einen großen Pilz drauf haben, ist eine dieser Merkwürdigkeiten, denen man hier schonmal begegnet.

  • Juergen sagt:

    @Günter

    Ich hab auch vor ein paar Wochen in Düsseldorf nach diversen Kitkat-Sorten vergeblich gesucht :-)

  • Marcus sagt:

    @KitKat:
    Jo, unter den Mitbringseln meiner letzten Reise befanden sich auch KitKat しょうゆ (Sojasauce, sehr lecker), KitKat とちおとめ (Erdbeer – dachte immer, das hieße イチゴ, jedenfalls die volle Chemie-Dröhnung) und KitKat grüner Tee … :D
    http://xelonir.wordpress.com/files/2009/11/kitkats.jpg

    Wenn man mal bedenkt, dass Japan im Ranking der Industrienationen auf Platz 2 liegt, dann ist dieser einzigartige Binnenmarkt schon ein kleines Wunder.

  • Anonymous sagt:

    @Hamu-Sumo
    Das ist nichts Schlechtes. Es gibt allerdings auch (bzw. gerade hier) in Japan Menschen, die das Ganze für die irrsinnige Theorie, ihr Volk sei besser als jedes Andere, zu missbrauchen suchen.

    @Marcus
    Keine Sorge – Erdbeere ist und bleibt いちご! Es gibt in Japan aber zwei berühmte Erdbeermarken: (Tochi)otomo aus der Präf. Tochigi und Amaou (steht für Amai=süss, MArui (rund), Ookii (gross) und Umai (lecker)) aus Fukuoka. Die Otome sind aber mit Abstand am bekanntesten.

  • Thomas sagt:

    Wenn man nur zwei Sätze hätte, um Japan zu erklären:

    1. Japan ist eine Insel („Galapagos-Syndrom“).
    2. Tokyo ist das größte Dorf der Welt.

  • Sehr schöner Artikel. Ich werde jetzt sicher öfter hier vorbeischauen. Ein Freund war schon in Japan und er hat einige lustige Sachen erzählt, z.B: über die öffentlichen Toiletten, die es in Großstädten, im Unterschied zu Deutschland, an jeder Ecke gibt. Ich habe auch schon mehrere Japaner persönlich kennen gelernt und die meisten sind doch etwas anders als die Leute hier – sehr ruhig und in sich gekehrt – so ist zumindest meine Erfahrung.
    Warum haben sich die Japaner eigentlich Galapagos ausgesucht? Ein „näherliegendes“ Beispiel war nicht verfügbar? :-)

  • Kiri sagt:

    Japan und KitKat ist schon ein Phänomen. Oder wenn ich nur an Pocky denke, tausende Geschmacksrichtungen und hier in Deutschland nur in Schokolade zartbitter oder Vollmilch. Ich frage mich, wie diese Firmen solche Sachen nicht auch der ganzen Welt teilen können… Aber der Vergleich mit Galapagos trifft es meiner Meinung nach super gut! Das macht das Land für viele ja auch so interessant, weil es vieles gibt, das einfach GANZ anders ist, als in irgend einem anderen Land :)