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Chefplaner der Olympischen Spiele in Tokyo meint: Meetings mit Frauen dauern zu lange

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Er hat es gesagt, er hat es wirklich gesagt: Als der Ausschuss des Nationalen Olympischen Komitees in der vergangenen Woche darüber beriet, die Zahl der Frauen in den beschlussgebenden Ausschüssen der Sportverbände mindestens zu verdoppeln (zur Zeit sind es ca. 20%), warf der Vorsitzende ein, dass man dann die Redezeit der Frauen begrenzen sollte, da diese zu viel reden. Seine Theorie: Frauen sind sehr wettbewerbsorientiert. Wenn eine Frau die Hand hebt, machen es ihr die anderen Frauen gleich, und so ziehen sich die Meetings in die Länge.
Die Folge war ein grosses und ziemlich eindeutiges Echo in der Presse – leider vor allem in der ausländischen Presse. Sicher, auch aus Japan gab es Kritik, aber nicht ganz zu stark, und die Kritik war zu einem guten Teil darauf ausgerichtet, dass die Bemerkungen das Ansehen Japans in der Welt schädigen würden.
Bei dem vermeintlichen Frauenversteher handelt es sich um 森喜朗 Yoshiro Mori, einem rüstigen, 83-jährigen Ex-Ministerpräsidenten, der das Land von 2000 bis 2001 regierte und es damals schaffte, die Zustimmungsrate auf sensationelle 9% zu drücken. Er war also äußerst unbeliebt, und den Rekord hat er jetzt mit seiner Bemerkung sogar noch getoppt: Nur 6 bis 8% der Befragten sind mit ihm als Chefkoordinator der Olympischen Sommerspiele zufrieden. Diesen Posten hat er übrigens seit 7 Jahren inne, und die Stelle ist ehrenamtlich, aber das hat in Japan nicht unbedingt viel zu sagen, denn man kann sich sicher sein, dass er mit seinem Titel diverse Nebeneinkünfte verbuchen kann.
Mori entschuldigte sich am nächsten Tag auch vor der versammelten Presse, weigerte sich aber, zurückzutreten. Am Wochenende dann gab er zu verstehen, dass er eventuell doch zurücktreten werde, wenn es denn gewünscht werde, nur um dann wieder vorzugeben, dass er von verschiedenen Stellen angehalten wurde, weiterzumachen.
Kritik an Mori gab es auch schon vorher, denn der Rückhalt in der Bevölkerung zum Thema Olympische Spiele ist nicht gerade berauschend: Weniger als 20% der Japaner sind der Meinung, dass die Spiele in diesem Sommer stattfinden sollen. Die Mehrheit wünscht sich eine erneute Verschiebung des Datums, da man – berechtigterweise – nicht an eine rechtzeitige, grundlegende Verbesserung der COVID-Lage glaubt.
Mori gab bei einer Pressekonferenz an, bereits genug von seiner Frau, seiner Tochter und seinen Enkelkindern für die Bemerkung gescholten worden zu sein. Dabei gab er allerdings auch zu, in jüngster Zeit nicht sehr viel mit dem anderen Geschlecht zu reden.
Viele Politiker halten in der Tat an Mori fest. Er koordiniert die Arbeit von über 5,000 Menschen, die mit der Organisation der Spiele betraut sind, und man befürchtet, dass das bisher Aufgebaute regelrecht zusammenfallen würde.
Japaner und Japankenner sind ob der Aussagen wenig überrascht. 2020 lag Japan beim Global Gender Gap Index auf Platz 118 (von 147 Ländern) – hinter Liberia, Guatemala oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Aussagen wie die von Mori bestätigen da nur die Gedanken und Vorbehalte der japanischen Männer gegenüber Frauen.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

3 Kommentare

  1. Kleine Ergänzung:
    Jetzt isser wohl zurückgetreten; wohl auch weil der Druck zu groß wurde: NHK meldete gestern, daß nicht nur 500 Volunteers gegangen sind sondern auch der erste der Fackel-Läufer angekündigt hat, daß er das jetzt nicht mehr machen will

  2. Mir scheint es eher so als würde er zurücktreten weil seine Aussagen im Ausland so hohe Wellen geschlagen hat und das indirekt auch bei den Japanern schlecht ankam („die Ausländer denken schlecht über uns“ oder so ähnlich). Das passt aber ganz gut zur derzeitigen Cancel Culture, da kennt man keine Gnade.

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