Älter aber kein bisschen leiser: „Bōsōzoku“, die Motorradrebellen Japans

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    1978

    Irgendwie mag ich sie, auch wenn sie wirklich einen ohrenbetäubenden Lärm machen: Die japanischen 暴走族 Bōsōzoku, wörtlich: „rasen – Familie/Clan“, die japanische Variante der „Motorradrocker“. Diese funktionieren jedoch etwas anders, als man es sich in europäischen Gefilden so vorstellt. Die japanischen Motorradgangs nehmen bevorzugt Motorräder wie die Honda CBX400F oder Kawasaki Z400FX (Hauptsache japanische Produktion, und weder zu viel noch zu wenig Hubraum), schrauben ein sogenanntes „Rocket Cowl“ vorn dran, installieren sehr hochgezogene Sitze und entfernen den Schalldämpfer. Das Ergebnis sind wahnsinnig laute und meist sehr farbenfrohe Mopeds, mit denen dann ordentlich stufenweise Gas gegeben wird. Es geht keinesfalls um Geschwindigkeit, sondern ausschliesslich um Lautstärke. Das steigert sich meist noch, da sie gern in Pulks fahren. Natürlich ist das ganze verboten – allein das Absägen des Auspuffs ist, verständlicherweise, verboten, und die Fahrweise (Schlängellinie, Autos umzingeln, im Kreis fahren und dergleichen) ist freilich auch meistens nicht koscher. Dementsprechend spielt man gern mit der Polizei Katz und Maus, aber ganz offensichtlich bekommt die Polizei das Problem nicht in den Griff, denn die Banden gibt es seit Jahrzehnten, und Gerüchten zufolge gibt es immer mehr ältere Mitglieder – gestandene Männer, die früher auf lauten Maschinen unterwegs waren und das ganze wieder neu entdecken.

    Auf dem Land findet man sie häufig, und in Küstennähe: Die Shōnan-Gegend (rund um Enoshima/Kamakura) ist sehr beliebt, aber auch die Pazifikküste von Chiba zum Beispiel. Dort hatte ich gestern das Vergnügen, einen Pulk von rund 100 Motorrädern aus nächster Nähe zu betrachten. Der hielt sich allerdings ganz gesittet an rote Ampeln und entrichtete auf der mautpflichtigen Küstensstraße bei Kujūkurihama den Wegzoll. Mit viel Lärm wurden die Münzen in den Geldtrog geworfen. Gewalttätig sind die meisten Bōsōzoku nicht direkt, aber untereinander gibt es mitunter schon Fehden, und viele Mitglieder sind stramm national ausgerichtet – die kaiserliche Kriegsflagge zählt zur Standardausrüstung, und als Ausländer betrachtet man die Gangs sicherheitshalber mit etwas Abstand, da man nie weiss, was die Gruppendynamik so bewirken kann. Viele machen das Ganze jedoch einfach nur als ihre Form der Rebellion gegen die Gesellschaft, in der große Lautstärken, egal ob beim Sprechen oder bei der Musik und allem anderen als unangemessen gilt. Krach machen als Rebellion gegen das Establishment, quasi.

    Typisches Bōsōzoku-Outfit
    Typisches Bōsōzoku-Outfit

    8 COMMENTS

    1. Leider bringen diese Jungs und Maedels auch Motorradfahrer in Verruf, die sich gepflegt auf „normalen“ Maschinen durch die Gegend bewegen. Ich kann fuer diese „Gesellschaftsgruppe“ kein Verstaendnis zeigen und es waere schoen, wenn die Polizei hier mal „schlagkraeftiger“ durchgreifen wuerde!

      • Hast Du da schon schlechte Erfahrungen gemacht? Normalerweise sieht man ja mit einem flüchtigen Blick aufs Moped, ob der Fahrer zu den Bosozoku gehört oder nicht…

    2. Große Lautstärke gibt in Japan als unsittlich? Ich finde Japan und Japaner_innen viel lauter als Deutschland. In der Uni wird auf den Fluren trotz Unterricht rumgebrüllt (da klingt es eher wie in D. an der Oberschule), aus jedem Geschäft und Auto kommen laute Melodien, und im die Bibliotheken sind auch lauter, als ich sie in Deutschland in Erinnerung habe.

      • Hängt vielleicht davon ab, wo man sich aufhält. Ich finde es aber zum Beispiel in Zügen, Bahnhöfen, Kaufhäusern und den meisten Herbergen wesentlich leiser als in Deutschland.

    3. Der Lärm ist schon ziemlich nervig, besonders tief in der Nacht. Wenn einen dann aber so ein Töff passiert und es dabei Ponyo Ponyo pubst, dann kann man sich ein Schmunzeln kaum verkneifen.

    4. Früher hab ich mal in der Nähe von der Chuo Autobahn gewohnt, die waren richtig nervig. Wenn es gutes Wetter war, hörte man sie jeden Tag…

      Viele Grüße
      Tessa

      • In der Nähe der Autobahn ist natürlich böse. Bei gutem Wetter höre ich sie auch fast täglich, aber zum Glück sind sie meistens sehr weit weg.

    5. eine ältere schöne japanische Maschine ohne sehr viel Geschwindigkeit natürlich „Made in Japan“ würde ich mir auch natürlich wünschen, aber man kommt ja so selten an die Raritäten ran in Europa

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