Lviv (Lwow, Львів)

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Name

Львів (L’viv) ist der ukrainische Name der Stadt und die korrekte Transkription mit lateinischen Buchstaben. Die russische Schreibweise Львов (L’vov) ist ebenfalls sehr verbreitet – findet man so aber nur ausserhalb der Stadt. Andere Schreibweisen sind ‚Lwiw‘, ‚Lviv‘, ‚Lvov‘ und die oft in Deutschland gebräuchliche Schreibweise Lwow. Den Habsburgern sei dank, gibt es auch einen deutschen Namen: ‚Lemberg‘. Es sei jedem Besucher geraten, vor Ort nur den Ukrainischen Namen L’viv zu benutzen (der Apostroph kennzeichnet das ukrainische „Weichheitszeichen“ ь). ‚Lwow‘ ist der polnische respektive russische Name der Stadt, und einige Ukrainer sind keine grossen Fans besagter Völker, wobei sich die Lage jedoch zu bessern scheint. Ach ja – einen lateinischen Namen gibt es auch: Leopolis.

Lage

L’viv ist das Zentrum der Westukraine und die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Einwohner

Etwas mehr als 800’000 Einwohner.

Geschichte

Lwow war einst Hauptstadt von Galizien (bzw. Galizien-Wolhynien)- einer Region, die sich über Teile der Westukraine, Ostpolens und zu einem kleinen Teil auch der Slowakei erstreckte – nicht zu verwechseln mit dem spanischen Galizien. Galizien war kein Land – es war vom 14. Jhd. bis zum 1772 Teil des Polnischen Königreiches, danach bis 1918 die nordöstliche Provinz Österreich-Ungarns und bis 1939 wieder Teil der Republik Polen. Danach wurde Galizien zwischen Deutschland bzw. sechs Jahre später Poleneinerseits und der Ukraine bzw. der Sowjetunion andererseits aufgeteilt – womit ein Drama begann. Denn bekannt war Galizien durch die Vielschichtigkeit seiner Bewohner, nämlich Polen, Ukrainer, Juden, Deutsche, Russen, Tataren, Armenier, Griechen, Franzosen u.v.m. – natürlich mit der dementsprechenden Diversität bei den Religionen.

Die Altstadt von Lemberg - von der 'Hohen Festung' gesehen
Die Altstadt von Lemberg – von der ‚Hohen Festung‘ gesehen

Was nach 1918 geschah, prägte die Region und die Stadt Lwow: Es kämpften Ukrainer gegen Polen und umgekehrt, die Deutschen vertrieben und ermordeten die Juden, dann wurden die Deutschen vertrieben usw. usf. – Galizien wurde „entmischt“ und nationalisiert. Heute ist Lwow und die Umgebung die „ukrainischste“ Region der Ukraine – hier wird nur Ukrainisch gesprochen, und wer Russisch spricht wird schief angesehen. Es gibt aber immerhin eine Tendenz zur Normalisierung der Beziehungen zu Polen.

Lwow wurde Mitte des 13. Jhd. vom galizischen König gegründet und nach dessen Sohn „Lev“ bzw. „Leo“ (also „Löwe“) benannt – daher auch der Löwe im Stadtwappen. Zu schnellem Wachstum verhalf der Stadt die Tatsache, dass es im Zentrum einen kleinen Berg gibt, auf dem eine sichere, schützende Feste gebaut werden konnte (siehe Photo rechts und Erklärung zur „Hohen Festung“ weiter unten. Seitdem war Lwow nahezu ständig Hauptstadt des wenn auch nie richtig unabhängigen Galiziens. Die Stadt blühte vor allem während der Habsburger Monarchie auf – wovon aufgrund relativ geringer Kriegsschäden sehr vieles erhalten blieb.

Der Marktplatz von Lemberg - es gibt nicht ein neues Haus, das die Atmosphäre stört
Der Marktplatz von Lemberg – es gibt nicht ein neues Haus, das die Atmosphäre stört

Die Altstadt ist klein, überschaubar und innerhalb eines Tag erlaufbar. Lwow ist freilich mehr – grosse Industriegebiete und tausende hässliche Betonsilos in den Aussenbezirken prägen den repräsentativeren Anteil an der Stadtfläche. Mit einem Überbleibsel der K.u.K.-Zeit haben die Einwohner der Innenstadt wie auch der Aussenbezirke gleichermassen zu kämfen: Um das Jahr 1900 wurde die Infrastrukur der Stadt bezüglich der Strom- & Wasserversorgung geschaffen – nur hat sich seitdem nicht viel daran geändert. Kanalisation und Wasserversorgung sind völlig überlastet, weshalb zu einer dauerhaften Massnahme gegriffen wurde: Es gibt jeden Tag nur von 6 bis 9 Uhr morgens und nochmal von 6 bis 9 Uhr abends Wasser – mit Glück sogar warmes.

Die ganze Altstadt von Lwow ist UNESCO-geschützt und wimmelt nur so von Sehenswürdigem – daher nur eine kurze Auflistung besonders interessanter Stellen (siehe unten).

Anreise

L’viv hat gute Zugverbindungen – bis nach Polen, der Slowakei, Ungarn und Russland. Es gibt zahlreiche Direktverbindungen nach Kyiv (Kiew). Jenes ist rund 540 km entfernt, die Fahrt dauert um die 11 Stunden. Ein Platz im Abteil kostet ab €7. Züge Richtung Südwesten durchqueren die Waldkarpathen und fahren bis nach Ushgorod (Uzhhorod) an der slowakischen Grenze. Bis dorthin sind es ca. 300 km, mit dem Zug braucht man dafür 7½ Stunden, die Fahrkarte kostet ab €4 im Abteil. Die gesamte Strecke ist wunderschön. Achtung: Züge nach Ungarn (und weiter heraus) fahren nicht durch Ushgorod.

Sehenswertes

Lwow alias Lviv, Lwiw, Lvov oder Lemberg in der Westukraine ist eine Stadt mit 13 Theatern bzw. Philharmonien, 20 Ausstellungen und Museen, 22 Instituten und Akademien, 63 Kirchen und 2 Synagogen – bei gut 800 Tausend Einwohnern eine enorme Dichte. Viele vergleichen diese Stadt mit Prag und Krakow – dies mag dahingestellt sein, doch eins fällt auf: Während man in den Zentren Prags und Krakows mehr Touristen als Einwohner trifft, ist dies in Lwow nicht der Fall – allerdings wird sich das in naher Zukunft wohl ändern, denn mehr und mehr Touristen zieht es hierher.

просп. Свободи (Prosp. Svobodi – Prospekt der Freiheit)

Das mittelalterliche Stadtzentrum ist klar umrissen – an der Westseite durch den Prospekt Swobodi – dem Prospekt der Freiheit. Prospekt in Osteuropa bedeutet eine sehr, sehr breite Strasse. Hier sind es zwei – mit einem langen Park in der Mitte. Hier stehen die teuren Hotels und Restaurants, hier tobt das Leben. In der Mitte etwa befindet sich das seltsam anmutende Denkmal des ukrainischen Dichters und Nationalhelden Taras Schewtschenko (hier gibt es eine gute Biographie: http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~wsgn1/sevcenko.html), dem gerade in der Westukraine (aber eben nicht im Osten des Landes) zahlreiche Lenindenkmäler weichen mussten.

Die Svobodi-Allee- Die Prachtmeile von Lemberg mit einem interessanten Denkmal in der Mitte
Die Svobodi-Allee- Die Prachtmeile von Lemberg
mit einem interessanten Denkmal in der Mitte

Театр Опери та Балету ім. І. Франка (Teatr Operi ta baletu im. i. Franka – Theater für Oper und Ballett Iwan Franko)

Noch ein Nationalheld der Ukraine, nämlich Ivan Franko, taucht im Namen der grössten Oper der Stadt auf: Das Theater für Oper und Ballett Iwan Franko am Nordende des besagten Freiheitsprospekts. Das Opernhaus wurde 1900 vollendet und ist innen wie aussen bombastisch. Dem laufenden Programm zufolge geben sich auch viele international bekannte Musiker hier die Ehre. Der Vorplatz ist ständig belebt und scheinbar beliebter Treffpunkt.

Die berühmte Oper von Lemberg
Die berühmte Oper von Lemberg

Пл. Ринок (Pl. rinok – Marktplatz)

Lässt man sich vom Prospekt der Freiheit Richtung Osten an Café’s vorbei in die Altstadt treiben, stösst man unweigerlich auf den Marktplatz – auf dem es ruhiger zugeht, als man denken mag. Im Mittelpunkt steht das Rathaus, darum herum befinden sich viele Häuser aus dem 16. Jhd. – darunter zahlreiche Museen. Persönlich sehr beeindruckend fand ich das Haus Nr. 4 an der Ostseite – ein komplett aus rabenschwarzen Steinen gebautes Haus, das heute das Historische Museum der Stadt beherbergt.

Das historische Stadtzentrum: Marktplatz mit Rathaus in der Mitte und dem Dom im Hintergrund
Das historische Stadtzentrum: Marktplatz mit Rathaus in der Mitte
und dem Dom im Hintergrund

Am Nordostende befindet sich eine Museumsapotheke, in der sogenannter Eisenwein verkauft wird. Soll wohl gut für die Gesundheit sein. Da ich das nicht selbst trinken wollte, hab ich das als Souvenir verschenkt. Die Leute leben auch noch… Das ganze Ensemble am Markt ist sehr gut erhalten und bietet einen wirklich schönen Einblick in die Stadtgeschichte.

Mein Favorit: Das pechschwarze Haus am Marktplatz
Mein Favorit: Das pechschwarze Haus am Marktplatz

Латинський кафедральний Собор
(Latinskii Kafedralnii Sobor – Lateinische Kathedrale)

Am Südwestende des Marktplatzes befindet sich die Lateinische Kathedrale – ein grosser Dom, der im 14/15. Jhd., also in der Zeit, als Galizien Teil des Polnischen Königreiches war, erbaut wurde. Diese Kirche ist ursprünglich römisch-katholisch, und davon gibt es nicht allzu viele in Lwow: 22 Kirchen sind ukrainisch-orthodox, 34 sind griechisch-katholisch, weitere 5 sind protestantisch. Man möge das passende wählen…

Домініканський Собор (Dominikanskii Sobor – Dominikaner-Kirche)

Wer gerade schon mal dabei ist, sich Kirchen anzuschauen – früher oder später steht man an der Dominikaner-Kirche am östlichen Altstadtrand. Die fällt allein schon durch ihre grosse runde grüne Kuppel auf (siehe Photo ganz oben rechts – die Kuppel am linken Bildrand). Die Kirche wurde zu Sowjetzeiten als Museum für „Atheismus und Religionen“ genutzt – das ist heute grösstenteils verschwunden (hätte ich mir gern mal angesehen). Nahe des Doms befindet sich ein Denkmal für Iwan Fedorow – bücherlesend – und rundherum ein Strassenmarkt für Bücher. Südlich dieser Kirche trifft man auf restaurierte Teile der mittelalterlichen Stadtmauer.

Haupteingang der barocken Dominikanerkirche
Haupteingang der barocken Dominikanerkirche

Високий Замок (Visokii Zamok – Hohe Festung)

Wer sich das ganze von oben ansehen möchte, ist bei der Hohen Festung genau richtig. Das ist ein grüner Hügel nördlich des Zentrums – leicht innerhalb von 15 Minuten zu erreichen. Der Hügel ist zwar nicht gross, aber dank einer Riesenantenne ist er einfach nicht zu verfehlen. Auf diesem Hügel stand einst eine Feste, welche die Stadt beschützte. Diese Feste aus dem 13. Jhd. stellt den Beginn der Stadt dar. Davon ist allerdings nicht viel übrig. Allerdings gibt es eine Plattform auf gut 400 m Höhe, von der man die Altstadt, das komplette Ausmass der ganzen Stadt inkl. Vororte und bei gutem Wetter sogar die Gipfel der Waldkarpathen sehen kann. Dementsprechend gross ist der Andrang dort bei gutem Wetter.

Вірменський Собор (Virmenskii Sobor – Armenische Kirche)

Wer sich mal kurz wie in Armenien fühlen will, kann sich zur Armenischen Kirche begeben. Die befindet sich ein Stückchen nördlich des Marktes an der Ecke Armenische/Galizisiche Strasse. Wie eingangs erwähnt, gab bzw. gibt es in Galizien auch eine armenische Minderheit (wie in vielen anderen Ländern auch – die armenische Diaspora ist recht gross). Die Kirche wurde im 14. Jhd. errichtet und gerade restauriert – man kann sie nun wieder betreten. Bei der Eröffnung im Mai 2003 waren auch zahlreiche armenische Würdenträger zu sehen. Die Kirche ist stilecht und hebt sich deutlich von den anderen Sakralbauten der Stadt ab.

Es gibt sogar eine schmucke armenische Kirche, die erst unlängst rekonstruiert wurde
Es gibt sogar eine schmucke armenische Kirche, die erst unlängst rekonstruiert wurde

Личаківське кладовище (Lichakivske Kladovishtshe – Litchakiv-Friedhof)

Sehr beeindruckend ist der Lyczakowski-Friedhof östlich des Stadtzentrums. Der ist sehr, sehr gross, sehr grün und hügelig – man kann sich dort relativ schnell verlaufen. Dieser Friedhof ist ein beeindruckender Zeuge der Vergangenheit des multinationalen Galiziens: Man findet tausende Gräber von Ukrainern, Russen, Polen, Österreichern, Slowaken, Ungarn, Deutschen usw. usf. – darunter zahlreiche Gräber bekannter Persönlichkeiten. Sehr viele Gräber sind wahre Kunstwerke. Alles ist mehr oder weniger stark überwuchert – einen gewissen morbiden Charme kann man diesem Ort nicht absprechen.

Stille Momente im überwucherten Litchakiv-Friedhof
Stille Momente im überwucherten Litchakiv-Friedhof

Der Friedhof wird jedoch gepflegt und nach wie vor benutzt. Denkmäler, Familiengruften, einfache Eisenkreuze – auf mehreren Hektar. Man vergisst hier schnell die Zeit. Mir fiel auf, dass zahlreiche Gräber – hauptsächlich russische – beschädigt waren – einige waren einfach umgeworfen, bei anderen war das Gesicht auf den Grabsteinen zerkratzt worden. Galizische Vergangenheitsbewältigung? Ich hoffe nicht. Immerhin wurde den Polen jetzt gestattet, auf dem Friedhof ein Mahnmal für die polnischen Opfer des Kampfes um Lwow 1918/19 gegen die Ukrainer zu errichten. Vor der Friedhofsmauer gibt es eine lange, flache Treppe – in den Randsteinen sind zahllose Namen von Kriegsopfern graviert worden.

Eine der grossartigen Skulpturen auf dem Litchakiv-Friedhof - fast jeder Grabstein ist ein Kunstwerk
Eine der grossartigen Skulpturen auf dem Litchakiv-Friedhof –
fast jeder Grabstein ist ein Kunstwerk

Man muss am Eingang Eintritt zahlen, was allerdings niemand kontrolliert, da es zahlreiche Seiteneingänge gibt. Wenn es dem Erhalt dient… Auffällig sind Busladungen meist älterer polnischer Touristen, die hier aufkreuzen.

Mehr noch als die genannten Sehenswürdigkeiten ist die Gesamtheit der Stadt einfach ergreifend. Eine moderne, pulsierende und doch alte und gemächliche Stadt gleichermassen. Wer in der Ukraine war ohne in Lwow gewesen zu sein, hat den wesentlichen Teil verpasst. Dies ist ein anderes Land – kein Vergleich zu Odessa, Kiew oder der Krim.

Übernachtung

Wir haben bei einem Freund übernachtet – deshalb keine persönlichen Empfehlungen. Es gibt jedoch zahlreiche Hotels verschiedener Preislagen, viele davon befinden sich in der Altstadt sowie der Gegend zwischen Altstadt und Bahnhof.

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