Region: 関東 Kantō
Präfektur: 埼玉 Saitama

川越 Kawagoe

3 von 5 Sternen: Durchaus sehenswert
Name:

Kawagoe – wörtlich: „Fluß“ und „überqueren“, also „Furt“. Wer in den Ort wollte, kam nicht darum herum, den Irima-Fluss zu überqueren.

Lage:

35 Kilometer nordwestlich von Tokyo, auf halbem Wege zwischen Tokyo und Takazaki. Vom Zentrum der Hauptstadt gute 20 km entfernt. Die Stadt ist die Endhaltestelle der Seibu-Shinjuku-Linie 西武新宿線.

Ansehen:

Die Speicherstadt von Saiwai-chō, auch Klein-Edo genannt, nebst Glockenturm. Der Kita-in (Tempel) mit den 500 Rakan-Statuen. Die alte Burganlage nebst Schrein.

Kawagoe – Beschreibung

Die Stadt befindet sich inmitten der Präfektur Saitama – von Tokyo aus gesehen „hinter“ der Präfekturhauptstadt Saitama. Auf die gut 100 Quadratkilometer Stadtgebiet verteilen sich rund 350’000 Einwohner – und die Tendenz ist steigend, da man von Kawagoe relativ bequem nach Tokyo pendeln kann. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten hier über 15’000 Einwohner. Damit war Kawagoe zu jener Zeit die einzige Stadt mit mehr als 10’000 Einwohnern im Gebiet der heutigen Präfektur Saitama. Heute gehört Kawagoe zu den 3 bedeutenden historischen Städten in der Kanto-Region – zusammen mit Nikkō in der Präfektur Tochigi und Kamakura in der Präfektur Kanagawa. Das beschert der Stadt rund 7 Millionen Besucher pro Jahr, wobei die Zahl der ausländischen Besucher seit ein paar Jahren stark angestiegen ist.

Der Grund für die Beliebtheit von Kawagoe liegt in der Tatsache, dass die Stadt während des Zweiten Weltkrieges von Luftangriffen verschont blieb. Das Gebiet rund um die Stadt war damals weniger industriell sondern mehr landwirtschaftlich geprägt und ergab somit kein lohnendes Ziel. Im Vergleich zu Kamakura und Nikko fehlen jedoch große Sehenswürdigkeiten als solche, weshalb die Stadt für Ausländer eigentlich nicht ganz oben auf der Liste steht — allerdings ist Kawagoe von Tokyo aus sehr schnell erreichbar und damit besonders für Kurzbesucher interessant.

Einer der Bahnhöfe von Kawagoe
Einer der Bahnhöfe von Kawagoe

Wer mit der Bahn in Kawagoe eintrifft, wird erstmal nichts Besonderes vorfinden – das Bahnhofsviertel rund um das Dreieck der Bahnhöfe Kawagoe, Kawagoe-shi und Hon-Kawagoe ist unspektakulär und wartet mit den üblichen Kaufhäusern und Geschäften auf. Um in das historische Zentrum zu gelangen, muss man vom Bahnhof 本川越, Endhaltestelle der Seibu-Shinjuku-Linie, rund 10 Minuten die Hauptstrasse entlang nach Norden laufen. An Wochenenden kann das etwas länger dauern – dann ist, vor allem bei schönem Wetter, scheinbar die Hälfte der Einwohner von Tokyo auf der Strasse in Richtung Speicherstadt.

蔵造りの街並み Kurazukuri no Machinami (Speicherstadt)

Eindeutig am bekanntesten ist in Kawagoe ein Straßenabschnitt mit dem klangvollen Namen „Kurazukuri no Machinami“, was man am kürzesten mit „Speicherstadt“ übersetzen kann. Hier reihen sich dutzende, teilweise sehr prachtvolle, traditionelle Häuser aneinander, die ursprünglich teils als Geschäft, teils als Speicher angelegt wurden. Die ersten Häuser wurden in der Mitte der Edo-Periode (1603-1868) angelegt – Kawagoe war eine wichtige Zwischenstation kurz vor der alten Hauptstadt Edo. Leider fielen jedoch viele der Häuser einem Großbrand im Jahr 1893 zum Opfer. Bei dem von starken Winden verstärkten Großbrand gab es wie durch ein Wunder weder Tote noch Verletzte, doch rund ein Drittel der Stadt – vor allem das Zentrum – lag danach komplett in Schutt und Asche. Schnell begann man jedoch wieder mit dem Aufbau, und man setzte dabei die zu jener Zeit modernsten Methoden zur Brandverhütung ein. Der Baustil orientierte sich dabei vor allem an den der Hauptstadt Edo, weshalb man Kawagoe auch bald den Spitznamen 小江戸 Ko-Edo (Klein-Edo) verpasste. Nicht ohne Stolz verbreiteten die Bewohner das Sprichwort:

世に小京都は数あれど、小江戸は川越ばかりなり
[yo ni ko-kyōto wa kazu aredo, ko-edo wa kawagoe bakari nari]
Klein-Kyōto gibt es viele, doch ein Klein-Edo gibt’s nur einmal: Kawagoe

Während der große Nachbar Edo bzw. Tokyo im 20. Jahrhundert gleich zwei Mal in Schutt und Asche versank (das erste Mal beim Großen Erdbeben von 1923, zum zweiten Mal während der Luftangriffe 1945, entwickelte sich Kawagoe ganz normal und ohne grössere Verwüstungen weiter, und so kann man in Kawagoe heute Straßenzüge sehen, wie es sie in Tokyo schon lange nicht mehr gibt. Da so etwas relativ selten ist in Japan, weckt die Stadt nostalgische Gefühle, auch bei jungen Japanern – so gibt es nicht wenige, die sich extra für einen Bummel in der Stadt den Kimono anlegen oder den Ort für ein Date nutzen. Der Großteil des Geschehens spielt sich dabei in der 中央通り Chūō-dōri (Mittelstasse), auch unter der Bezeichnung 昭和の町 Shōwa-no-machi ab (Shōwa-Stadt; Shōwa ist die Zeit von 1925 bis 1989). Unverständlicherweise ist diese Strasse allerdings für den Verkehr freigegeben – das Viertel wäre um einiges attraktiver (und sicherer), wenn man es zur Fußgängerzone erklären würde.

Historische Speicherstadt in Kawagoe
Historische Speicherstadt in Kawagoe

Es gibt natürlich sehr viele traditionelle Restaurants in der Gegend, aber wirklich empfehlenswert ist 食べ歩き tabearuki – herumlaufen und essen, soll heißen, an diesen und jenen Ständen eine Kleinigkeit kaufen und dort im Stehen zu verzehren – so kommt man gleich in den Genuss mehrerer Spezialitäten (beim Laufen Essen ist allerdings in Japan eher unbekannt).

Mitten im Zentrum der Altstadt steht der kleine 時の鐘 Toki-no-kane („Zeitglocke“) genannte Uhrenturm. Erstmals gegen Ende des 17. Jahrhunderts gebaut, ist der heutige Turm ein Neuaufbau aus dem Jahr 1894, da das Original während des Großbrandes zerstört wurde. Vier Mal am Tag läutet die Glocke in der Holzstruktur. Und vier Mal wurde der Turm insgesamt bisher neu aufgebaut. Heute gilt der Uhrenturm als das bekannteste Wahrzeichen von Kawagoe.

Der alte Uhrenturm in Saiwai-cho
Der alte Uhrenturm in Saiwai-cho

Unweit des Uhrenturms befinden sich kleine, versteckte Gassen – darunter die 菓子屋横丁 Kashi-ya Yokochō – der „Naschwarenmarkt“. Seit Ende des 18. Jahrhunderts werden hier typisch japanische Naschwaren wie Chitose-Ame (lange Zuckerstangen), Karintō (frittierte Teigteile mit Braunzuckerglasur, Yōkan (süsses Bohnengelee) hergestellt und verkauft. Die Gassen sind so eng, dass Feuersbrünste immer noch eine große Gefahr darstellen – erst im Jahr 2005 gab es einen größeren Brand in der Kashi-ya-Yokochō, bei dem 5 Häuser in Windeseile niederbrannten.

喜多院 Kita-in Tempel

Kawagoe wartet auch mit einigen Tempeln auf – der bekannteste davon ist der Kita-in, gegründet im Jahr von 830 von keinem geringeren als Ennin, einem der berühmtesten Mönche in der japanischen buddhistischen Geschichte. „Kita“ bedeutet Norden, doch die Schriftzeichen, die heute für den „Kita-in“ benutzt werden, stehen für „viel Glückseligkeit“. Die ursprüngliche Bedeutung war allerdings wirklich „Norden“ – es gab nämlich auch einen „Mitteltempel“ und „Südtempel“, doch die bestehen als solche nicht mehr. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde der Tempel während eines Krieges zerstört. 1638 brannte der Tempel nieder, doch genau zu jener Zeit wurde er vom einflussreichen Mönch Tenkai geleitet (der Aufzeichnungen zufolge 107 Jahre alt wurde) – dieser diente damals als Vermittler zwischen dem Shogunat in Edo und dem Kaiserlichen Hof in Kyoto.

Der altehrwürdige Kita-in-Tempel
Der altehrwürdige Kita-in-Tempel

Nach dem Brand des Tempels beschloss der damalige Shogun Iemitsu, beim Wiederaufbau behilflich zu sein, indem er Bauten aus der damals gewaltigen Festung von Edo ab- und im Kita-in wieder aufbauen liess. Die Burg von Edo wurde beim Großen Erdbeben von Kantō im Jahr 1923 vernichtet – und so ist der Kita-in von Kawagoe der einzige Ort, an dem man noch Originalbauten der Burg von Edo sehen kann – dazu zählen eine Küche, ein Studierzimmer, ein Badezimmer sowie der Raum, in dem Iemitsu (wahrscheinlich) geboren wurde. Wer also noch etwas Originales von der einst prächtigsten Festung Japans sehen möchte, muss sich nach Kawagoe zum Kita-in begeben.

Detailansicht der 500-Rakan-Statuen
Detailansicht der 500-Rakan-Statuen

Heimliches Highlight der ausgedehnten Tempelanlage ist ein kleiner, abgegrenzter Bereich – mit den 五百羅漢 gohyaku rakan, den 500 Rakan. Genauer gesagt sind es 533 kleinen Statuen, an denen zwar der Zahn der Zeit schon genagt hat, aber das macht sie um so liebenswerter. Rakan ist der japanische Name für buddhistische Jünger — und alle Statuen sehen anders aus (einer der gut 500 Rakan trägt zum Beispiel eine Brille – viel Spaß beim Suchen). Die Figuren entstanden wohl innerhalb von 30 Jahren, wobei die älteste Figur auf das Ende des 18. Jahrhunderts datiert wurde. Während der Zutritt zum Kita-in-Tempel kostenlos ist, zahlt man für die Steinstatuen (und die oben erwähnten Räumlichkeiten der alten Festung von Edo) 400 Yen Eintritt – eine lohnende Investition.

新河岸川 Shingashi-Fluß

Nördlich des Stadtzentrums fliesst der sehr kleine Shingashi-Fluss, ein insgesamt knapp 35 Kilometer langer Fluss, der in Tokyo schliesslich in den Arakawa-Fluss fliesst. Normalerweise lohnt sich ein Abstecher an den Fluss kaum, mit Ausnahme von Ende März, wenn die zahlreichen Kirschbäume am Fluss blühen und das Wasser mit einem Blütenteppich bedecken. Allerdings ist dann auch entsprechend viel los — dann legen sich viele junge Japaner einen Yukata (Sommerkimono) an und spazieren durch die Altstadt bis zu dem kleinen Flüsschen.

Die Kirschblüten am Fluss in Kawagoe sind auch nicht zu verachten
Die Kirschblüten am Fluss in Kawagoe sind auch nicht zu verachten

Direkt an dem kleinen Fluss liegt ein grösserer Schrein – der 三芳野神社 Miyoshino-Jinja. Der Legende nach handelt es sich bei diesem Schrein um jenen, der in dem schönen Wiegenlied 通りゃんせ Tōryanse besungen wird — ein Lied aus der Edo-Zeit, das auch heute noch sehr populär ist. Es gibt allerdings einen Schrein in der Präfektur Kanagawa, der die selbe Ehre für sich beansprucht. Das Hauptgebäude des Schreins stammt aus dem Jahr 1624. Die Anlage ist relativ gross, etwas verwinkelt und einen kurzen Abstecher wert.

Detailansicht des Miyoshi-no-jinja-Schreins
Detailansicht des Miyoshi-no-jinja-Schreins

Anreise

Kawagoe ist ausgezeichnet von Tokyo aus zu erreichen — drei Linien fahren direkt in die Stadt. Mit der 東武東上線 Tōbu-Tōjō-Linie kann man bequem von Ikebukuro bis Kawagoe durchfahren – der Schnellzug braucht für die Strecke nur eine halbe Stunde und kostet knapp 500 Yen für die einfache Fahrt.

Auch die JR (Japan Railway) fährt direkt in die Stadt, der Japan Railpass kann also benutzt werden. Die Linie nennt sich passenderweise 川越線 Kawagoe-Linie und fährt bis Ōmiya, dem Zentrum der Präfektur – dort halten auch mehrere Shinkansen. Von Ōmiya braucht man gut 20 Minuten, die einfache Fahrt kostet 324 yen.

Die 西武新宿線 Seibu-Shinjuku-Linie fährt, der Name lässt es erahnen, direkt von Shinjuku (genauer gesagt vom Bahnhof Seibu-Shinjuku) nach Kawagoe. Mit dem Schnellzug dauert das ziemlich genau eine Stunde und kostet knapp 500 yen für die einfache Fahrt. Allerdings fahren nur wenige Züge durch – oft muss man zum Beispiel in Kodaira umsteigen.

Übernachtung

Die üblichen Businesshotels. Nahezu alle Besucher erledigen den Besuch als Tagesausflug. Zu allgemeinen Übernachtungstipps siehe Übernachtungstipps Japan.

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