BlogZollfreier Käse und Wein im Anmarsch

Zollfreier Käse und Wein im Anmarsch

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Das sind doch mal – zumindest für Wein- und Käsegourmets – erfreuliche Nachrichten: Offensichtlich haben sich heute Vertreter der EU und Japans bei wichtigen Streitpunkten des 日本・EU経済連携協定 Japan-EU-Wirtschaftspartnerschaftsabkommens miteinander geeinigt. Seit 2013 wird das Abkommen verhandelt, und vor allem bei Käse stellten sich die Japaner lange Zeit stur – um, so läuft das ja bei anstehenden Freihandelsabkommen nun mal, die heimische Produktion zu schützen. Was in Sachen Molkereiprodukte wohl eher ein Scherz ist, wenn man die Butter- und sonstigen Engpässe in Japan in den letzten Jahren so betrachtet.
Nun ist man also übereingekommen, den Importzoll für Weichkäsesorten (wie Camembert, Mozzarella usw.) aus der EU von 29,8% auf 0% zu reduzieren – allerdings nur für die ersten 20 Kilotonnen pro Jahr. Das entspricht in etwa der Menge, die momentan alljährlich nach Japan importiert wird. Auf die Bevölkerung heruntergerechnet sind das gerade mal 150 Gramm pro Person und Jahr, also keine besonders grosse Menge. Bei Hartkäsesorten soll die Importsteuer ebenfalls komplett fallen – ohne Begrenzung, dafür aber nur schrittweise im Laufe der nächsten 15 Jahre.

Japanisches Käseregal: Einfach nur furchtbar
Japanisches Käseregal: Einfach nur furchtbar

Bei Wein soll der Importzoll von momentan 15% (mindestens aber 125 Yen, also rund 1 Euro, pro Liter) entfallen – und zwar sofort. Auch die Zollabgaben für Pasta, Schweinefleisch usw. sollen mit dem Abkommen entfallen.
Was hat die EU davon? Da geht es mehr um Hardware: Der Importzoll von 10% auf japanische Autos soll spätestens 7 Jahre nach Inkrafttreten des Abkommens entfallen, und da können sich einige europäische Autobauer schon mal warm anziehen, denn japanische Autos sind und bleiben eine ernstzunehmende Konkurrenz. Auch Zölle für Haushaltselektronik wie Fernseher zum Beispiel sollen fallen – innerhalb von 5 Jahren von 14% auf 0%.
Schön, das alles. Aber wie bei anderen Freihandelsabkommen auch bleiben natürlich immer Zweifel. Sind das wirklich Win-Win-Abkommen? Sollte man wirklich Waren bevorzugen, die 10,000 Kilometer oder gar mehr weit gereist sind? Im Falle von Käse muss ich leider (als absoluter Käsefan) sagen: Ja, sicher! Aber hallo! Aber das ist natürlich nur eine extrem egoistische, wenn auch wohlschmeckende Ansicht.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

9 Kommentare

  1. Wenns hier nur um Käse-Zölle ginge, wärs ja gut.
    Aber es dürfte auch wieder der andere Käse drin sein, nur ist dieses Abkommen noch geheimer as TTIP.

  2. Jaja, da wurde mal wieder etwas zusammengeschustert. Im Endeffekt wird sich der Preis fuer „den Kaese“ wohl nicht allzusehr fuer den Endverbraucher reduzieren. Herr Abe und Co haben sich bestimmt noch ein Hintertuerchen offengehalten!

    • Das ist ja nichts Neues, aber ich bin trotzdem (jetzt mal allein als Käse-Fan gesprochen) optimistisch. Vor 20 Jahren war es nahezu unmöglich, etwas anderes als processed cheese zu bekommen. Heutzutage gibt es selbst in Supermärkten ausserhalb Tokyos mitunter sehr überraschende Sorten. Der Anteil der Käsekenner und -schätzer in Japan ist definitiv gewachsen.
      Allerdings war ich überrascht, dass processed cheese wohl nur rund die Hälfte ausmacht. Sieht mir dann doch eher wie 90% aus.

  3. In japanischen Zeitungen wird gerne so getan als ginge es um Autos und Käse und Wein.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Japan-EU_Free_Trade_Agreement
    Der ganze „Käse“ ist in der Tat mit drin, und zwar noch mehr als bei anderen frei verhandelten Abkommen.
    Das ganze ist so unter dem Radar verhandelt und abgefertigt, dass es nicht mal einen englischsprachigen Wikipedia-Artikel gibt… (Gut, GB ist nicht mehr in der EU… Oder doch noch?)
    Erwartetes zusätzliches Wirtschaftswachstum: 0.08% für die EU, 0.03% für Japan.

  4. Ich habe mich bei der Berichterstattung ueber das Thema immer gefragt, ob da keinem die Schieflage auffaellt? Wirtschaftlich gesehen sind Autoimporte wesentlich wichtiger als Kaese und Wein, soviel ist klar.
    Da ich aber nicht davon ausgehe, dass die EU Japan einfach so ein paar Milliarden Euro schenkt, waere es schon gut zu wissen, was genau denn da nun verhandelt wurde ….
    (Es waere Aufgabe der Medien, das herauszufinden und zusammenzufassen.)

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