BlogYabai und andere Sprachumbrüchlichkeiten

Yabai und andere Sprachumbrüchlichkeiten

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yabaiAlljährlich, seit 1995, führt das 文化庁 bunkachō Amt für kulturelle Angelegenheiten eine Erhebung durch, mit der man feststellen möchte, wie sich die Japanische Sprache ändert. Gefragt werden meist gute 3’000 Japaner in allen Altersgruppen über 16 Jahren, und das Ergebnis wird unter anderem als handlicher Exzerpt von gut 20 Seiten, gespickt mit den obligatorischen Excel-Grafiken, zur freien Verfügung ins Netz gestellt. Der Bericht nennt sich 国語に関する世論調査の結果について Über Resultate der Haushaltsbefragung zum Thema Landessprache und kann heruntergeladen werden¹.
Der letzte Bericht ist aus dem Jahr 2014 – aber der heisst nur so, denn die Befragung wurde Anfang diesen Jahres durchgeführt, und danach brauchte man noch etliche Monate Zeit, um die tollen Excel-Grafiken herzustellen. Kaum war der Bericht erschienen, pickte sich die Presse die Rosinen aus dem Kuchen und veröffentlichte das, was die meisten Japaner eigentlich schon wussten, sich jedoch noch nie ernsthaft Gedanken darüber machten. In diesem Jahr war es zum Beispiel das Wörtchen やばい yabai. Dieses Adjektiv hatte ursprünglich die Bedeutung „gefährlich“ beziehungsweise „nicht zu retten“, doch rund 90% der Befragten gaben an, das Wort nunmehr auch als Wort der Anerkennung zu verstehen. Sicher, die ursprüngliche Bedeutung gibt es noch immer, aber in der Tat wird „yabai“ schon seit einigen Jahren mit positiver Konnotation versehen. Ganz nach dem Motto „furchtbar lecker“ zum Beispiel. Aus nostalgischen Gründen schaue ich natürlich in mein allererstes Japanisch-Deutsches Wörterbuch (Shinzinger, Sanshusha, 150. Auflage, 1996), mein treuer Begleiter auf den ersten Jahren Irrfahrt durch die japanische Sprache, und der Eintrag für yabai lautet wie folgt:

ya⎡ba⎤i やばい ⦅俗⦆Murks! 〜商売 ein verfluchtes Geschäft

und das erinnerte mich sofort an meine Kämpfe mit diesem Wörterbuch, denn oftmals bot es keine richtige Übersetzung an, sondern nur eine Ahnung dessen, was das Wort bedeuten könnte. Murks! Wer in drei Teufels Namen benutzt den „Murks“ – und dann noch, wenn das zu übersetzende Wort ein Adjektiv ist. Dabei fällt mir ein, dass die mit Abstand lustigste Übersetzung, die ich jemals in einem Wörterbuch gesehen habe – und ich habe sehr, sehr viele Wörterbücher gewälzt – ebenfalls aus dem oben genannten stammt:

ノーパンで泳ぐ ⦅俗⦆nackto-arschio schwimmen.

(zur Erklärung: ノーパン (noopan) stammt von „no pants“, also ohne Hosen). Nackto-Arschio-Schwimmen? Ich habe keine Ahnung, in welchem Teil Deutschlands man so spricht. Aber ich schweife ab.
Interessant war der Kommentar eines Lesers über oben genannte Untersuchung und das Wort „yabai“ auf Yahoo! Japan²: そのヤバイが褒め言葉って、凄い時代になりました。 „‚Yabai‘ gilt also nun als Lobeswort – was für Zeiten das doch geworden sind!“ Dabei benutzt der Kommentator das Wort „sugoi“ – doch gerade dieses Wort hat vor gut 20 Jahren den gleichen Prozess durchgemacht wie „yabai“, denn „sugoi“ bedeutete dereinst „furchtbar, schrecklich“ – heute jedoch „erstaunlich“, aber auch „sehr“. Welche Bedeutung der Kommentator wohl meinte?
Interessant sind an dem Bericht jedoch nicht nur die Ergebnisse, welche Worte neu sind oder neu definiert wurden, sondern wie sich zum Beispiel auch die Schreibweise von Kanji ändert:

Kanji mit alter Handschriftweise (links) und häufig anzutreffender, neuer Schreibweise: Blau: Nur die linke Schreibweise ist richtig. Rot: Nur die rechte Schreibweise ist richtig. Gelb: Beide sind richtig. Quelle: Ebenda
Kanji mit alter Handschriftweise (links) und häufig anzutreffender, neuer Schreibweise: Blau: Nur die linke Schreibweise ist richtig. Rot: Nur die rechte Schreibweise ist richtig. Gelb: Beide sind richtig. Quelle: Ebenda

Diese Feinheiten werden über die Jahre hinweg verfolgt. Wie man sieht, ist man sich oftmals ziemlich unsicher, wie ein Zeichen eigentlich geschrieben werden sollte. Soll der Bereich rechts unten im Schriftzeichen 保 nun 木 oder ホ geschrieben werden? Soll das Element ノ im Schriftzeichen 女 aus dem waagerechten Strich herausbrechen oder nicht? In vielen Fällen ist beides richtig, aber die Befragten hielten dabei das eine oder das andere für definitiv falsch. Leider sind sich da selbst so manche Lehrer nicht einig.
Für Japanisch-Lerner ist die Untersuchung durchaus aufschlussreich. Und: Für im Ausland lebende Japanischlehrer sollte dieser Bericht alljährlich Pflichtlektüre sein. Mein erster Japanischlehrer lebte bereits seit Jahrzehnten in Deutschland und hatte, wie ich bei meiner ersten Japanreise leider entsetzt feststellen musste, vom modernen Japanisch keinen blassen Schimmer mehr. Die paar gelernten Sätze und Vokabeln waren zu einem guten Teil völlig antiquiert.
¹Siehe hier (PDF).
² Siehe hier.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

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