Blog Wissenschaftskrimi live

Wissenschaftskrimi live

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Obokata bei der Arbeit. Photo von 伊藤壽一郎, veröffentlicht hier: http://bizmakoto.jp/makoto/articles/1401/30/news037.html
Obokata bei der Arbeit. Photo von 伊藤壽一郎, veröffentlicht hier
In Japan kann man zur Zeit einen echten Wissenschaftskrimi live verfolgen, denn die Medien haben Geschmack daran gefunden und so geistert die Geschichte durch alle Zeitungen und Kanäle. Es geht um sogenannte STAP-Zellen – und es ist gut, dass es diese Abkürzung gibt, denn den vollen Namen merkt man sich so leicht nicht: Stimulus-triggered acquisition of pluripotency cell. Als Laie würde ich mal fast behaupten, STAP-Zellen sind in der Biochemie das, was in der Physik lange Zeit das Higgs-Teilchen war: Man vermutet, dass es so etwas gibt, aber gefunden hat man es noch nicht. Gut, das Higgs-Teilchen wurde nun endlich gefunden, und die Stammzellforscherin Haruko Obokata vom renommierten RIKEN-Forschungszentrum gab an, STAP-Zellen hergestellt zu haben. Ach so: STAP-Zellen sind Stammzellen, die man aus ganz normalen, bereits spezialisierten Zellen gewinnt, indem man sie auf die eine oder andere Weise (Druck, Chemikalien usw.) Stress aussetzt. Würde dies tatsächlich gelingen, wäre dies auf jeden Fall eine Sensation, denn momentan ist es noch sehr schwierig und kostspielig, echte Stammzellen zu gewinnen. Könnte man körpereigene Stammzellen dadurch gewinnen, dass man sein eigenes Haar sagen wir mal bei 48 Grad in 0.5%iger Salpetersäure unter UV-Licht eine Minute liegen läßt, würde dies die Medizin revolutionieren.
Obokata’s Forschungsergebnisse brachten es bis in das wohl bekannteste Wissenschaftsmagazin Nature, doch dann kam Teruhiko Wakayama, einer der Mitautoren, und zog die Bremse: Die Artikel sollten zurückgezogen werden, da es zu viele Ungereimtheiten gäbe. Es begann ein Streit vor der entzückten Presse. Hier die 30-jährige, gut aussehende Stammzellforscherin, da der schon etwas ältere Wissenschaftler im Schlabberlook. Wer hat recht? Es scheint wohl wirklich sehr viele Ungereimtheiten zu geben. Zumal es niemandem auch nur annähernd gelungen ist, das Experiment, das zur Entstehung von STAP-Zellen geführt haben soll, zu wiederholen. Heute wurde auch noch veröffentlich, dass die Zellproben, die im Forschungsbericht analysiert wurden, von Mäusen stammten, die gar nicht am Experiment beteiligt waren.
Sehr merkwürdig, das Ganze. Was mich jedoch verblüffte, war die Darstellung der Forscherin in den Medien: Da stand sie, mit wallender Mähne und ohne Handschuhe im Biochemielabor. Ich hatte ein Mal das Vergnügen, ein Labor von innen zu sehen, in dem DNA und andere Sachen erforscht wurden. Da war nichts mit nackten Händen und wallenden Haaren – zu gefährlich. Die in solchen Laboren zum Einfärben von DNA verwendete Chemikalie Ethidiumbromid zum Beispiel durchdringt in wenigen Sekunden sogar ganz normale Latexhandschuhe – von nackter Haut mal ganz zu schweigen.
Natürlich würde ich der Forscherin den Erfolg gönnen. Aber das ganze mutet schon sehr merkwürdig an…

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

6 COMMENTS

  1. Schön,
    dann dachte ja nicht nur ich beim Lesen des Artikels „Wah, die so bei der Arbeit im Labor mit DNS?“. ;) Da kommt dann wieder das „Sex sells“ zum Tragen. Oder so.
    Und klar, sie vollauf motiviert, vielleicht aber nicht ganz involviert – und auf der anderen Seite der „alte Wissenschaftsmief“, der erst einmal penibel alles überprüft.
    Gute Nachrichten braucht das Land, sonst verfallen die Leut in Depression. Und wenn es denn Fake war, erinnert sich in 2 Wochen eh niemand mehr daran.

  2. Nur zur Klarstellung, der „obige“ Klaus bin ich nicht … Kommentar hat ja auch nicht allzuviel mit dem Thema zu tun.
    Dennoch, auch mein 1 Yen zu der guten Dame.
    Hatten wir doch schon alles mal gehabt – in Deutschland meine ich. Und auch zu meiner Jugendzeit gab es das – abschreiben vom Nachbarn. Was die Dame betrifft: gut aussehen alleine hilft nicht immer dabei, die Karriereleiter zu erklimmen, da muss schon mit etwas mehr nachgeholfen werden. Na, irgendwann ist auch diese Geschichte vergessen, man macht ein paar Verbeugungen und das war’s dann auch schon. Eventuell hilft das Aussehen ja doch?

    • Da bin ich jetzt aber beruhigt :)
      Andererseits weiss man auch immer nicht, ob die Wissenschaftlerin wirklich schuld an dem Foto ist. Das ist ja mehr als offensichtlich gestellt und war vielleicht nur ein Wunsch des Fotografen.

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