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Was den Europäern das Mittelmeer…

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Nordkoreanisches Boot in Japan. Quelle: Mainichi Shimbun
Nordkoreanisches Boot in Japan. Quelle: Mainichi Shimbun
…ist den Japanern mehr und mehr das Japanische Meer. Oder das Ostmeer, je nachdem, von wo aus man die Sache betrachtet (Südkorea unternimmt momentan alles, um eine Umbenennung des Meeres von „Japanisches Meer“ in „Ostmeer“ zu erreichen – eine sehr alberne Angelegenheit, die ganz sicher nicht zur Verbesserung der koreanisch-japanischen Freundschaft beitragen wird). Während nun schon seit Jahren unzählige Flüchtlinge versuchen, meistens von Libyen aus das Mittelmeer zu überqueren, so sind es im hiesigen Fall nordkoreanische Schiffe, die vermehrt an japanischen Gestaden anlanden. Die Dimension der Tragödie im Mittelmeer ist zwar völlig anders, aber möglicherweise zeichnet sich hier ein Trend ab: Laut japanischer Küstenwache erreichten in den 5 Jahren von 2013 bis 2017 insgesamt 328 Boote aus Nordkorea Japan – doch im November diesen Jahres allein waren es 28 Boote. 47 Menschen überlebten die Überfahrt, 60 überlebten sie nicht. Das ist kein Wunder — die Boote legen mindestens 600 Kilometer, in den meisten Fällen jedoch gut 1’000 Kilometer zurück, und bei den Booten handelt es sich überwiegend um regelrechte Nußschalen – mühsam zusammengehaltene Holzboote ohne jegliche Sicherheitseinrichtungen und mit fragilem Aufbau.
Es sieht momentan auch nicht danach aus, dass die gestrandeten Nordkoreaner auf der Flucht sind — die meisten wurden aufs offene Meer getrieben und erreichten irgendwann ungewollt das verhasste, imperialistische Japan. Deshalb geschehen diese Anlandungen zum großen Teil zwischen November und Februar, wenn ein starker Westwind das Meer aufpeitscht und antriebslose Schiffe zwangsläufig Richtung Japan schickt. Der Umgang mit den Gestrandeten gestaltet sich kompliziert. So war man anfangs zögerlich, 10 Besatzungsmitglieder eines nordkoreanischen Bootes festzunehmen, obwohl es den Verdacht gab, dass sie von einer unbewohnten Insel einen Generator und anderes Gerät gestohlen haben könnten. Doch als die Besatzung, im Schlepptau der japanischen Küstenwache, plötzlich die Leinen kappte und versuchte, zu fliehen, nahm man die Mannschaft letztendlich fest, da nun offensichtlich akuter Fluchtversuch bestand. Wie gestrandete Nordkoreaner wieder in die Heimat überführt werden wird nicht bekanntgegeben. Sie in ihren Kuttern wieder auf die hohe See zu schicken wäre allerdings auf jeden Fall lebensgefährlich.
Die übermäßige Zunahme in diesem Jahr könnte verschiedene Gründe haben – möglicherweise liegt es am verhältnismäßig rauen Wetter in diesem Winter, vielleicht sind aber auch die küstennahen Gebiete in Nordkorea überfischt, so dass die Fischer weiter ins Meer fahren müssen, als ihnen womöglich lieb ist.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

1 Kommentar

  1. Bei der NZZ ist neulich auch ein Artikel darüber erschienen und da hieß es, dass in einem der vorhergehenden Fälle die Nordkoreaner auf offener See übergeben worden sind.

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