Blog(Un)gleichberechtigung, von der Pike auf gelernt

(Un)gleichberechtigung, von der Pike auf gelernt

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Neulich kam unser pubertierendes Töchterchen ganz aufgelöst von ihrer Juku1 nach Hause: Sie hatte ihr „nanchare“2 vermasselt.

Jukus haben, so sie eine gewisse Grösse erreicht haben, mehrere Klassenstufen, und je nachdem, wie gut die Schüler sind, können sie aufsteigen oder absteigen. Dafür gibt es zahlreiche, über das Jahr verteilte Prüfungen. Bei einem Aufstieg ist der Jubel gross, bei einem Abstieg ist es der Frust, und die Juku-Lehrer befeuern das ganze mit einem ordentlichen Leistungsdruck. Manche Kinder mögen das, andere wiederum mögen das nicht, und wenn man sich entscheidet, sein Kind auf eine Juku zu schicken, sollte man sich das gut überlegen und genau ansehen, denn 1) kosten die Schulen einen Haufen Geld, und 2) setzt man sein Kind eventuell einem Druck aus, dem man es nicht aussetzen möchte.

Doch zurück zur vermasselten Prüfung: 130 Punkte, so lautete das Ergebnis. Und das reichte leider nicht aus, um in der jetzigen Klasse, in die sie erst vor ein paar Monaten aufgestiegen war, zu bleiben, denn dazu hätte sie 150 Punkte gebraucht. So weit, so gut. Der Punkteschnitt wird übrigens schulübergreifend bestimmt: Nur ein bestimmtes Kontingent darf in der Klasse bleiben, will heissen, wenn alle eine gute Prüfung ablegen, steigt die erforderliche Punktzahl, ansonsten sinkt sie. Schwer zu verdauen ist jedoch, dass Jungen für die gleiche Prüfung lediglich 110 Punkte brauchen, um zu bleiben. Das bedeutet also, dass unsere Tochter, so sie ein Junge wäre, ganz bequem die Prüfung geschafft hätte. Leider hat sie in diesem Fall jedoch das falsche Geschlecht erwischt. Eigentlich ist das ein Skandal, und dementsprechend hatten wir früher in einer ähnlichen Situation schon mal mit der Juku-Leitung gesprochen.

Die Begründung der geschlechterspezifischen Unterschiede ist dabei eigentlich noch skandalöser. Denn die Juku reagiert mit diesem haarsträubenden Verteilungssystem nur auf die wirkliche Lage: Das Kontingent für Jungen an den besten Schulen der Region ist nämlich wesentlich höher als das für Mädchen. Da Jungs und Mädchen jeweils rund 50% der Menge ausmachen, ist damit der Konkurrenzdruck bei den Jungen geringer als bei den Mädchen. Während also das gleiche Prüfungsergebnis für einen Jungen locker ausreichen kann, ist ein Mädchen da schon längst raus.

Dass Japan in Sachen Gleichberechtigung nicht gerade gut dasteht, ist hinlänglich bekannt, doch mich erschrecken manche Sachen auch nach Jahrzehnten in Japan noch immer. Welche Botschaft will man denn damit den heranwachsenden Mädchen mitgeben? Es ist ja nicht nur so, dass es für Mädchen schwerer ist, an eine gute Schule zu gelangen. Beispiel Elite-Universität Todai3. Selbst wenn sie an eine hervorragende Schule gelangen, werden sie später sehr schnell an gläserne Decken stossen.

Aus der Ferne betrachtet, erscheint mir das ganze Herumgegendere in Deutschland etwas dubios, erst recht, wenn es darum geht, die Sprache mit irgendwelchen Gendersternchen und dergleichen zu verkomplizieren. Doch ein gewisses Grundmass an Gleichberechtigung in Japan vermisse ich immer wieder, und natürlich wächst dieses Unverständnis, wenn man sieht, wie die eigenen Kinder gegen unsichtbare, aber stahlharte Mauern rennen.

  1. Juku (塾) sind in der Regel Abendschulen, in die die Schüler nach dem regulären Schulbetrieb gehen. In manchen Fällen handelt es sich um Nachhilfeunterricht, doch in den meisten Fällen eher um Paukfabriken, in denen man sich auf die Prüfungen renommierter Schulen und Universitäten vorbereitet – diese verlangen wesentlich mehr Wissen, als an öffentlichen Schulen vermittelt wird.
  2. Auch Japan ist bekannt für seinen AKÜFI! „Nanchare“ ist die Kurzbezeichnung für 難関チャレンジ „Nankan challenge“, wobei „Nankan“ für die „schwierigen (sprich: sehr renommierten) Schulen der Region Tokyo steht.
  3. Kurz für Tokyo Daigaku (Tokyo University)
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

10 COMMENTS

  1. Gendersternchen zu benutzen ist wirklich keine so große Sache wie manche denken.
    Diese Geschichte finde ich aber echt schockierend. Ist das denn den anderen Eltern egal?

  2. Dankeschön für diesen Einblick in das Mädchen- und Eltern-Leben in Japan. Liefert mir neuen Stoff zum Grübeln (im Prinzip, meine Hauptbeschäftigung).
    Liebe Grüße
    Natalia

  3. An gendergerechte Sprache kann man sich wirklich schnell gewöhnen. Mir fällt es mittlerweile extrem auf wenn das jemand nicht macht obwohl es so einfach wäre. Es gibt auch Menschen, die das sprechend so gut hinbekommen, dass es nicht negativ auffällt.

    Die Ungleichbehandlung in Japan ist aber wirklich skandalös. Warum bitte gibt es mehr Plätze für Jungen als für Mädchen? Weil die später Kinder bekommen könnten und dann keine 18 Stunden mehr arbeiten können oder wie?

    Ich persönlich finde auch, dass dieses starren Denken keinem Geschlecht gut tut am Ende. Männer verpassen das Leben ihrer Kinder, fühlen den Druck, die Familie zu ernähren und Frauen stoßen schnell an Grenzen, wo keine sein müssten.

  4. Damit erweist sich das Land ja auch einen Bärendienst. Wenn die Motivation für so ein System darin bestehen soll, dass Frauen Kinder bekommen sollen, funktioniert das in Japan schon mal nicht gut.
    Außerdem befördert es vermehrt untalentierte Männer in Positionen, die besser mit einer talentierten Frau besetzt worden wären. Talentierte Frauen jedoch werden so absichtlich davon abgehalten Ihren Beitrag zu leisten.
    An solchen Regelungen ist klar erkennbar, warum Japan seit den 80igern so tief abgestürzt ist und wahrscheinlich auch dort bleibt wo es jetzt ist.

  5. Das sind wirkliche Probleme. Hier in Deutschland wird dagegen versucht, über die Sprache die nächste Spaltung herbeizuführen.

    Ich verwende statt gendergerecht den Ausdruck „separierende Sprache“. Dieser Begriff ist vor allem beschreibend, so dass man mir nicht vorwerfen kann, ich würde abwertend betiteln. Passt er?

    Nun, zum einen verwendet die Sprach ganz offensichtlich Trenn- also Separationssymbole; sei es der Stern, der Doppelpunk, Unter- oder Schrägstrich, Binnen-I oder eben „und“ bei ständiger Doppelnennung. Dass also eine Separierung im Formalen vorliegt, kann nicht abgestritten werden. Ebenso trennt die Sprache ja auch bewusst die Geschlechter voneinander. Es sollen eben nicht mehr alle Menschen mit einem Wort bezeichnet werden, sondern die jeweiligen Gruppen immer schön getrennt voneinander. Deswegen finde ich „separierende Sprache“ sehr passend.

    Im weiteren Schritt kann dieser Sprache der Anschein von Progressivität und „Gerechtigkeit“ genommen werden. Dies geschieht durch zwei Überlegungen:

    Zum einen ist diese Sprache schwerer verständlich als vereinendes Deutsch. Das fiel mit vor allem in dieser Zeit auf, als die Schule unseres Kindes uns mit notwendigen Briefen in dieser nicht notwendigen Sprache überschüttete. Schon mir fiel es schwer, in diesem Symbolwust zügig die wichtigsten Informationen herauszulesen. Als ich mitbekam, dass unser Kind einer Mitschülerin diese Briefe erklären musste, weil deren Eltern Deutsch eben nicht als Muttersprache sprechen (oder lesen), war mir klar, dass die separierende Sprache fremdenfeindlich ist.

    Das sollte man ganz klar so sagen. Eventuell verfolgen ja die verwendenden Institutionen auch das Ziel, unsere migrierten Mitbürger so zu benachteiligen und dadurch vielleicht aus der entsprechenden Organisation (Schule, Unternehmen, Verein …) herauszumobben. „Was, sie haben den Prüfungstermin verpasst? Wir haben Ihnen aber einen Brief dazu geschrieben.“

    Zum anderen ist diese Sprache auch frauenverachtend. Haben sie schon einmal das Argument gehört, dass wir auch auf Worte wie „Person“, „Koryphäe“, „Ikone“ oder „Gestalt“ verzichten sollten, weil Männer sich bei diesen weiblichen Begriffen „nicht mitgemeint“ füllen würden? Nein? Wahrscheinlich, weil die Befürworter der separierenden Sprache davon ausgehen, dass Männer das Abstraktionsvermögen besitzen, das grammatische Geschlecht vom biologischen zu unterscheiden. Frauen und Mädchen jedoch wird von den Befürwortern der separierenden Sprache diese Fähigkeit abgesprochen.

    Zusammengefasst: Die separierende Sprache ist fremdenfeindlich und frauenverachtend und verdient wohl eher das Label „rechts“ statt „links“.

  6. Schade dass es vielen Ländern so schwer fällt einfach mal fair zu sein und beiden Geschlechtern Chancengleichheit zu bieten. Während in Deutschland Frauen bezielt bevorzugt und Männer benachteiligt werden ist es in Japan umgekehrt, sehr traurig. Anderseits: Bei uns muss man sich mit dem Genderwahnsinn beschäftigen den die Ewiggestrigen aka Grüne Spinner seit Jahrzehnten einführen wollen, obwohl sie sich selbst nicht konsequent daran halten. Probleme über Probleme, aber ich drücke der Tochter die Daumen dass es künftig für alle gleich bewertet wird.

    • Hast du dich mal mit neueren Richtlinien zur gendergerechten Sprache befasst? Deine Erwähnung von einem Wust von Trennungssymbolen zeigt, dass du evtl. nicht auf dem neuesten Stand bist.

      Bei Worten wie „Person“, „Koryphäe“ etc. gibt es im Gegensatz zu Berufsbezeichnungen keine zwei Formen, daher ist eine Nicht-Nennung eines Geschlechts (und die Heraushebung des biologischen Geschlechts) damit nicht möglich. Gleiches gilt aber auch für „der Star“ – Scheinargument.

      Ich frage mich immer: Alles was man machen muss, ist ein bisschen mehr Feingefühl beim Formulieren, warum kann man das aus Höflichkeit nicht einfach machen? Das hat für mich denselben Stellenwert wie Großschreibung und sinnvolle Verwendung von Satzzeichen – Respekt vor denen, die auf der anderen Seite die Texte lesen sollen.
      Wenn man privat schreibt, ist mir das Gendern egal, aber bei offiziellen Stellen (wo eh schon Arbeit in die Formulierung in die Texte gesteckt wird), sollte das zu erwarten sein.

      Darin jetzt eine Verschwörung zu sehen und mit den Holzhammern „Fremdenfeindlichkeit“, „Frauenverachtung“ zu kommen…

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