BlogUnd wieder verschwindet ein Katzenhabitat

Und wieder verschwindet ein Katzenhabitat

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Ich mag Hinterhöfe. Ein Hinterhof kann mehr über eine Stadt und ihre Bewohner erzählen als alle Sehenswürdigkeiten zusammen. Ich wurde schon oft schräg angesehen, egal ob in Amman oder Peking, Jerewan oder Kairo, Bombay oder Minsk, wenn ich plötzlich ungefragt in einen Hinterhof eindrang und mich umschaute. Auch in Japan gibt es sie, die vielsagenden Hinterhöfe.
Ich arbeite in Ebisu, einem der angesagtesten Viertel Tokyo’s. Voller Boutiquen, unzähligen hoch- und weniger hochrangigen Restaurants – jedenfalls voller schöner, hipper Fassaden. Der Balkon unserer Firma geht Richtung Hinterhof. Darin (vor drei Jahren): zwei kleine Häuser, eine kleine Baracke, rechterhand ein völlig zugewuchertes, altes und schmutziges Holzhaus. Katzen (bis zu 5 gleichzeitig), die sich mittags auf dem warmen Dach in der Sonne räkelten. Man konnte ihnen jederzeit beim F***, äh, Fressen, schlafen und kämpfen zuschauen und zuhören. Gelegentlich schlich eine uralte Frau um das baufällige Haus und fütterte die Stromer.
Hinterhof in Ebisu
Hinterhof unserer Firma in Ebisu (rechts die hässlichen Klötze)
Dann kam der Abrisstrupp. Riss das Haus nieder. Fällte die schönen, schräg gewachsenen Bäume, darunter auch Kirschbäume. Dann wurde alles eingeebnet. Ein Fundament gelegt. Ein Shinto-Priester kam und segnete die Stelle. Dann wurden zwei nackte, 4-geschossige Betonklötze hochgezogen. Schön betongrau, kaum Fenster. Dann waren es nur noch zwei Katzen.
Heute kam wieder ein Abrisstrupp und machte sich daran, die beiden Häuser mitten im Hof abzutragen. Ein kleines, graues, zweigeschossiges Haus, dass aussieht, als ob es seit hundert Jahren nicht gestrichen wurde. Dabei ist es höchstens 30 Jahre alt. Bis Freitag wird wohl nichts mehr übrig bleiben. Wahrscheinlich fällt man die letzten drei Bäume im Hof. Und die letzten beiden Katzen verlieren ihr heisses Blechdach.
Mal sehen, was dann kommt. Ich tippe mal auf betongraue Designerwohnklötze, vier oder fünf Etagen. Das Zirpen der Zikaden und die Rufe der Katzen werden wohl in noch weitere Ferne rücken.
Hier noch was kurzes zum Ansehen:
Shinjuku – 35 Jahre in 10 Sekunden (nebst dem üblichen Gestaune im Fernsehen):
[cvideotube=laPU0bS8JOc]
Roppongi – 2 Jahre in 35 Sekunden. Mein Gott, vor 10 Jahren gab es da kein einziges Hochhaus… hätte ich doch da nur Fotos gemacht…
[cvideotube=ue-_Vg9SX7M]
Das Wort des Tages: 裏庭 uraniwa – „ura“ ist „hinter, Hinten“, niwa der Garten. Zusammen: Innenhof, Hinterhof.

tabibito
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

7 Kommentare

  1. Wo wenig platz ist und viele Menschen, wird alles verbaut und somit das alte Gesicht der stadt verändert, grad solche alten bauten zeichnen eine Stadt aus.

  2. Und es gibt echt Leute die Wundern sich warum ich von einem, Zitat: „So tollen Gegend“ mit wenig Schmerzen im Herzen wegziehe. Ich war diesen Monat 3 oder 4 mal in Shinjuku um mich mit Leuten zum Essen oder ähnlichem zu treffen. Ja netter Platz ev. zum shoppen oder „feiern“ aber ich kann dem nicht wirklich einen Reiz entlocken.

  3. Ach ja Nachtrag…
    Mein Arbeitskollege ist in Nähe von IIRC Gotanda (五反田) aufgewachsen und meinte letztens als wir da waren „Als ich noch Kind war, waren das hier alles Reisfelder…“.
    Ich denke jeder der die Region kennt (ist ja nicht weit von deinem Ebisu) kann sich da einen Reim drauf machen. ICH jedenfalls habe Ihn mit großen Augen erstaunt angesehen!

  4. Alte Häuser mögen über einen eigenen Charme verfügen, aber oft geht dies auf Kosten des Komforts. Es ist eines solche Häuser von aussen zu betrachten, darin zu wohnen etwas anderes. Natürlich ist es sehr bedauerlich wenn historisch gewachsene Stadtstrukturen abgerissen werden, aber gerade im Grossraum Tokyo ist die Platznot derart gross dass für „Sentimentalitäten“ kein Platz ist. Und was auch zu sagen ist, das Zentrum von Tokyo verfügt über sehr grosszügige Parks und Grünanlagen. Dagegen ist der Siedlungsgürtel drumherum eine Tristess sondergleichen, ein Häusermeer von alptraumgewordenen Einfamilienhäuser. Ein Grund mehr der für das verdichtete Bauen spricht, so bleibt mehr Platz für Grünes.

  5. wers mag? ich wohne lieber im schönen altbau. auf annehmlichkeiten selbstverständlich nicht verzichtend. hierzulande wird ohne ende altbausubstanz saniert bzw. modernisiert. die schicken neubaublöcke (ich kann mich da an einen blogeintrag vor gar nicht allzulanger zeit erinnern) werden abgerissen oder zurück gebaut.

    offensichtlich ist wohl die landflucht in japan extrem hoch. oder wie kommt es zu permanenten platzmangel in den großen städten? ich schätze mal altbausubstanz gibt es hier nicht mehr.

    by the way: interessant oder faszinierend sind die videos trotz allem schon. vielleicht gibt es irgendwann eine umkehr im städtebaulichem entwicklungskonzept. und dann staunt man, zu was die menschen so fähig waren.

  6. Sehr beeindruckende Videos!

    Aber von „Altbausubstanz“ wie wir sie aus Deutschland kennen, kann man in Japan sicherlich ohnehin nicht sprechen. Es gibt (wohl aufgrund von Erdbeben) keine liebevoll stuckverzierten oder sonst wie gestalteten Häuser wie sie beispielsweise um die Jahrhundertwende auch in Japan errichtet wurden. Die „charmanten“ Hinterhofbauten sind doch kaum mehr als triste, baufällige Betonwürfel, die ich in keinem Land der Welt als schön empfinde.

  7. hallo!
    wir sind hier durch google hingekommen auf der suche nach problemen von atommüll und nackten frauen!
    sehr lustig mit anzusehen!

    in liebe
    euer Müllman

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