BlogUm ein Kind zu erziehen...

Um ein Kind zu erziehen…

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…braucht es ein ganzes Dorf. So jedenfalls lautet ein afrikanisches Sprichwort, dass nunmehr auch in Deutschland geläufig ist. Und ich finde das Sprichwort in der Form in Ordnung. Sicher, es ist Aufgabe der Eltern, dem Kind den moralischen Kompass einzustellen. Aber Kinder sollten am besten in einer Gesellschaft aufwachsen, in der auch die Gesellschaft bei der Erziehung eine Rolle spielt. Eine positive natürlich. Aber wie komme ich auf diesen geistigen Erguss?
Am Sonnabend ging es mit den Kindern im Zug zu einer Stadt ganz in der Nähe. Der Zug war relativ voll – Sitzplätze gab es nicht mehr. Mein jüngster, 3 Jahre und stolze 16 kg schwer, forderte also von meiner nur drei Mal schwereren Frau, stehend im Zug auf den Arm genommen zu werden. Normalerweise fragt er, so ich dabei bin, mich. Aber er war müde, und der permanente Regen ist ihm wahrscheinlich auch schon aufs Gemüt gegangen. Nun bin ich eigentlich nicht übervorsichtig, aber ich halte es trotzdem für keine gute Idee, wenn meine Frau den Brocken in einem schwankenden Zug auf dem Arm halten muss. Eine etwas schnellere Kurve, ein unvorsichtiger Fahrgast, eine kurze Bremsung – und schon fliegen 16 Kilogramm durch den Zug. Kein schöner Gedanke. Da ich aber 5 mal mehr wiege (und etwas mehr Kraft habe), biete ich ihm einen Kompromiss an: Komm hierher, ich trage Dich. Wie gesagt, normalerweise ist das kein Problem beziehungsweise von Sohnemann im Zug sogar bevorzugt, weil er sich dann an den Halteriemen festhalten kann.
Am Sonnabend war es jedoch alles etwas anders. Es musste Mama sein. Ganz unbedingt. Niemand Anderes. Und weil wir ja erst 3 Jahre alt sind und einen Dickschädel haben, der dem meinen in nichts dasteht, steigern wir uns schön in die ganze Sache rein. Gut. Wir haben also zwei Dickschädel in einem relativ vollen Zug: Einer will das, und der andere will genau das vermeiden. Sonst schaffen wir ja womöglich noch einen Präzedenzfall.
Was machen Japaner in diesem Fall? Sie geben nach. Warum? Damit das Kind still wird und nicht die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Was macht ein störrischer, deutscher Vater? Er versucht seinem Sohn, zu erklären, warum das, was er gerade machen möchte, keine gute Idee ist. Was beim Dickkopf natürlich in Heulkrämpfe ausartet (die echten Tränen kommen natürlich beim Aussteigen: ‚Tschuldigung! Papa! Papa!? Paaapaaaaa!!!!). Neben schreiendem Sohn und mit gedämpfter Stimme auf Deutsch auf das Kind einredenden Vater steht also die japanische Mama: Leicht blass um die Nasenspitze und sichtlich pikiert. „Ist doch gut jetzt! Jaja, ich trag Dich!“. Kontraproduktiv. Absolut kontraproduktiv. Ich kenne die Lösung: Ich begebe mich mit Sohn allein ins nächste Abteil. Da sieht er Mama nicht mehr und kann ganz schnell abgelenkt werden und wird damit ruhig.
Zu spät. Eine Mutter mit Tochter, jene ist rund 12 Jahre alt und hat das Down-Syndrom, bietet Mutter und kreischendem Sohn ihren Sitzplatz an und lässt sich auch nicht überzeugen, dass das nicht nötig sei. Man beachte: Mutter mit Kind mit Down-Syndrom.
Und die Moral von der Geschicht‘: Das „Nicht-Auffallen“ und „Nicht-zur-Last-fallen“ überträgt sich in Japan auch auf die Kindererziehung. Aber ich kenne meinen Sohn: Er wird das auszunutzen wissen… Ob ich ihm deshalb, wenn er irgendwo wieder ein grosses Gewese macht, alles durchgehen lasse, da andere Leute eventuell pikiert sein könnten? Wahrscheinlich nicht. Dabei sollte ich anmerken, dass er, so wir nur zu zweit unterwegs sind, er das drolligste und artigste Kind der Welt ist. Aber das dürfte überall auf unserem Planeten das gleiche sein.

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Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

8 Kommentare

  1. Meine kleine Schwester, die mittlerweile schon fast 6 Jahre alt ist, verhält sich auch des öfteren so! Sofern nur ich oder nur Papa da ist, ist sie brav! Aber so bald Mama in Sicht ist, mutiert sie zu einem bockigen Monster…

  2. Ja, ja – das ist überall auf der Welt das Gleiche!! Und wie jedes Kind, wird wohl auch Dein Sohn mit ca. dreieinhalb Jahren langsam in die ödipale/ phallische Phase (Sigmund Freud)kommen und jetzt ganz besonders die Mama bevorzugen. Das einzige was da hilft? Augen zu und durch bzw. das nächste Mal lieber mit dem Kind in Ruhe die Situation nachbesprechen. Es sei denn, man ist ein Dickschädel… Herzliche, schelmische Grüße von einer Sexualtherapeutin.

  3. „… Dabei sollte ich anmerken, dass er, so wir nur zu zweit unterwegs sind, er das drolligste und artigste Kind der Welt ist. …“
    Hehe, also das ist ja nun überhaupt nicht glaubhaft :D Aber scheint wirklich überall gleich zu sein. Und dann noch 2 Dickschädel an einem Ort – oh oh.

  4. Was ist eigentlich der Unterschied bei folgenden 2 untenstehenden Optionen?
    1. E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
    2. Benachrichtige mich über nachfolgende Kommentare via E-Mail.
    Wird mir irgendwie nicht so recht klar.

  5. Einfach zusammenarbeiten. Wenn ein Kind weiß, dass ein Elternteil immer nachgibt, kann man die Erziehung gleich aufgeben, die sind ja auch nicht blöd. ;-)

  6. Bei uns ist es genau anders herum – also Mama-Papa-technisch ;-)
    … und das obwohl ich eigentlich eine relativ dünne Nervendecke habe! (aber wahrscheinlich ist das genau der Grund!!!)

  7. Ach das kenne ich gut. Meine Drei sind nun schon groß, aber das erste Enkelkind testet mit ihren drei Jahren aus wie weit es gehen kann. Hier in Frankreich geht man mit den Kleinen ziemlich rüde um. Man(n)hat gar keine Probleme damit, den störrischen Sohn oder die knatschende Tochter vor aller Welt in die Schranken zu weisen. Es ist das andere Extrem, denn mir tun die Kleinen oft leid, die so mit gnadenlosen Schimpftiraden bloß gestellt werden.

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