BlogSUV-Plage in Tokyo

SUV-Plage in Tokyo

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Es gab mal eine Zeit, in der man sich halbwegs bescheiden verhielt in Tokyo. Protzerei galt nicht als etwas Erstrebenswertes, und zur Wahrung eines guten nachbarschaftlichen Geistes mühte sich jeder Einzelne redlich, anderen nicht auf den Wecker zu fallen. Doch dann kamen die SUVs, und aus war es mit der Bescheidenheit. Nun musste es auf einmal der größte, teuerste und breiteste SUV sein, den man bekommen kann. So kam ich neulich auf einem Parkplatz in den Genuss der folgenden Szene: Vor uns parkt ein Mercedes Benz der G-Klasse, und gerade diese Fahrzeuge, immerhin kosten die in Japan über 100,000 Euro. Heraus springen ein kleiner Mann mit seiner kleinen Frau. Die G-Klasse sind schon interessant aus, dass muss ich leider zugeben, aber in Tokyo sind diese Fahrzeuge einfach fehl am Platz – viele Parkplätze sind nicht groß genug, und viele Strassen sind so eng, dass man besser die Spiegel einfährt, wenn einem eine G-Klasse entgegenkommt. Doch dann erschien ein weiteres Auto auf dem Parkplatz: Ein fast doppelt so großes Fahrzeug, furchtbar lang und klobig. Leider habe ich den Namen vergessen, aber es sah relativ neu aus und war von einem japanischen Hersteller1. Aus dem Gefährt krabbelten ebenso ein kleiner Mann mit seiner kleinen Frau. Frau 1 zog ihrem Mann daraufhin sofort am Ärmel und sagte, „so ein Auto will ich auch als nächstes haben“.

Leider nur auf dem Land sehr häufig: Keisha, zu erkennen am gelben Nummernschild
Leider nur auf dem Land sehr häufig: Keisha, zu erkennen am gelben Nummernschild

Irgend etwas scheint da schief zu laufen: Auf dem Land rödeln so gut wie alle Japaner mit den sogenannten Keisha umher (kleinen Autos mit höchstens 660cc Hubraum und maximal 3.4 m Länge – für diese Autos zahlt man weit weniger Steuern, und man erkennt sie am gelbem Nummernschild), während in der Stadt immer mehr mit Monsterautos umherfahren, die nicht selten so weit über den Parkplatzrand ragen, dass man daneben nicht parken kann. Als „Ausrede“ wird da gern die Sicherheit genannt – die Fahrer wollen maximale Sicherheit – für sich natürlich, und was aus dem Rest wird, ist freilich egal. Das mit der Sicherheit ist jedoch mehr als fraglich, denn in Tokyo herrscht generell so viel Verkehr, dass man sowieso nicht auf hohe Geschwindigkeiten kommt – Unfälle mit verletzten Autofahrern sind hier eher selten.

Toyota Tundra (schwarz) vor einem "normalen" SUV (weiß)
Toyota Tundra (schwarz) vor einem „normalen“ SUV (weiß)

  1. Nachtrag: Es handelte sich um einen Toyota Tundra, siehe Bild unten. Ein amerikanisches Modell, dass gern re-importiert wird.
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

10 COMMENTS

  1. Nunja, die Beschwerden über SUV gibt es ja quasi in jedem Land. Wenn sich einige Wohlhabende sich solche Autos leisten können soll es mir recht sein, und das sage ich als jemand der selbst immer nur kompakte Limousinen bzw. Coupes besessen hat. Es darf halt keine Überhand annehmen, aber ich denke davon ist Japan noch weit entfernt.

  2. Okay, in Bezug auf Sicherheit ist so ein „Mercedeschen“ natuerlich einem Kei-car weit ueberlegen. Nur, die PS Leistung, die will auch mal ausgefahren werden, also ab nach Suzuka jede Woche (Rennstrecke in Japan, fuer diejenigen, die es nicht wissen)? Oder aber nur so eine Karosse, um gesehen zu werden? Naja, wer hat, der hat und ich bin mit meinem Suzuki (Altherren) Every mehr als zufrieden. Uebrigens, was die japanische „Kiste“ angeht, evtl. der HUMV Nachbau von Toyota?

    • Nee, das war es glaube ich nicht. Der Name von dem Gefährt hatte irgendwie was mit Alaska zu tun… Yukon oder Polar oder so ähnlich. Ich komme einfach nicht drauf :(

  3. Hallo,
    wenn ich an die Strassen und Gässchen, die ich in Tokyo und Kyoto gesehen habe, denke, kann ich mir schwer vorstellen das man da mit einen SUV glücklich wird. Ich denke ich hätte schon mit meinem kleinen ( VW Fox ) meine Probleme, von Gegenverkehr will ich gar nicht erst reden.
    Ich denke mal es wird bei den SUV, wie bei allem protzigen Autos um Geltungssucht gehen, und da hört die Vernunft eben auf, ich stimme das Kar zu, wers braucht der soll eben, solange es keine Überhand nimmt, denn auch wenn man die SUV verbieten würde, käme nur die nächste Blüte dieser Geltungssucht, die vielleicht noch störender wäre.

    • Wohl wahr… was kommt wohl als nächstes :) Viele Strassen sind hier in der Tat sehr eng, und da es kaum Bürgersteige gibt, sind einige Ecken wirklich gefährlich.

  4. Es sind aber nicht nur die SUV die in Übergröße überhand nehmen. Die in Japan so beliebten VAN’s sind schon länger da und von denen gibt es noch viel mehr. Ein ganz populärer Vertreter davon ist der Toyota Alphard (und seine Abwandlungen).

  5. Ab wann nimmt etwas überhand? Der Trend hält seit langer Zeit an. SUV sind Störfaktoren im Alltag. Sie passen selbst in Deutschland gerade mal so in Parkabgrenzungen, weil sie deutlich breiter als herkömmliche Autos sind. In Parkhäusern kann man dann gar nicht mehr daneben parken, weil es mit dem Aussteigen schwer werden kann. Daher haben alte Parkhäuser die Spuren neu gezogen, weshalb es weniger Parkplätze in den Parkhäusern gibt und diese dann entsprechend teurer werden.
    Fährt man ein normales Auto, dann schränkt ein SUV, das vor einem fährt, die Sicht ein. Hinter einem kann es aber auch zu Problemen kommen, vor allem auf der Autobahn, denn die Scheinwerfer sind aufgrund der Höhe nicht selten so ungünstig eingestellt, dass sie über die Seiten- oder den Rückwärtsspiegel blenden. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Panzer mehr Energie verbrauchen, dann wird einem schnell klar, dass so ein Auto nicht der Allgemeinheit wegen gefahren wird.
    Der Sicherheitsaspekt leuchtet auch nur so lange ein, wie SUV eine Seltenheit auf den Straßen sind. Ein Unfall mit einem kleinen Fiat geht für den SUV-Fahrer sicherlich eher glimpflich aus, das ist nachvollziehbar. Doch geht das auf Kosten des Fiat-Fahrers, da dieser gegen die größere Masse chancenlos ist und größere Schäden drohen als wenn es zu einem Unfall mit einem gleichgroßen PKW kommt. Je mehr SUV die Straßen befahren, desto unsicherer wird der Verkehr für die Fahrer kleinerer Autos. Diese haben dann nur die Möglichkeit ebenfalls aufzurüsten, wenn sie sicherheitstechnisch aufschließen möchten. Am Ende müssten wir dann alle SUV fahren und die Umwelt wird es uns danken.
    Und ob ein Unfallschaden SUV vs. SUV und PKW vs. PKW im Vergleich anders ausfällt? Ich würde ja vermuten, dass sich die Sicherheitsvorteile bei einem Zusammenstoß mit einem gleichgroßen SUV schnell relativieren, aber da kann ich mich auch täuschen.

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