BlogSport und Korruption: Staatsanwaltschaft durchsucht Japans größte Werbeagenturen

Sport und Korruption: Staatsanwaltschaft durchsucht Japans größte Werbeagenturen

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Es ist natürlich einfach, sich hinzustellen und zu sagen „Ich boykottiere die Fußball-WM in Qatar“. Wenn auch nur ein Teil der Anschuldigungen bezüglich der Arbeitsbedingungen auf den Baustellen von Qatar stimmt, wäre das allein schon ein guter Grund für einen Boykott – ob der nun wirklich etwas bringt, sei dahingestellt. Die Korruption, die zur Vergabe der Spiele in das kleine Emirat am Golf führte, kann jedoch kein Grund sein, die Spiele als solche abzulehnen. Es ist schließlich hinlänglich bekannt, dass Korruption jedes Mal bei der Vergabe von Fußballweltmeisterschaften und Olympischen Spielen eine große Rolle spielt, und das ist in Japan nicht anders.

So untersuchte heute die Staatsanwaltschaft die Geschäftsräume von 博報堂 Hakuhōdō, einer gewaltigen und sehr einflußreichen Werbeagentur, die sowohl national als auch international sehr aktiv ist. Das ganze liest sich ein bisschen wie ein Krimi: Werbeagentur ADK Holdings, die Nummer 3 der Werbeagenturen in Japan, hatte jüngst bei der Polizei Selbstanzeige wegen seiner Beteiligung an einer Angebotsabsprache in Verbindung mit den Olympischen Sommerspielen in Tokyo 2020> 2021 gestellt. Bei der Selbstanzeige schwärzte die Agentur auch die Mitbewerber an – Dentsu, die Nummer 1 in Japan, sowie Hakuhodo, die Nummer 2. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits am vergangenen Freitag die Geschäftsräume von Dentsu durchforstet, und heute war Hakuhodo dran. In einem Fall wie diesen könnte man eigentlich erwarten, dass die beschuldigten Firmen gleichzeitig durchsucht werden, um der Vernichtung von Beweismaterial vorzubeugen, aber die Staatsanwaltschaft wird schon ihre Gründe haben.

Im Wesentlichen geht es um die Ausschreibung zur Ausrichtung von Testveranstaltungen vor den Olympischen Spielen. Insgesamt gab es 26 solcher Ausschreibungen, doch bei rund der Hälfte der Ausschreibungen gab es jeweils nur ein einziges Angebot, was schon mal sehr verdächtig ist1. Laut ADK Holdings lag dies schlicht daran, dass sich die Werbeagenturen und die Veranstaltungsfirmen untereinander abgesprochen hatten und so den Kuchen bequem untereinander aufteilten.

Gerüchte, dass auch die Vergabe der Spiele als solche von enormen Schmiergeldern begleitet waren, gibt es ja schon lange. Doch es wird auch an der Zeit, den gesamten Geldkreislauf rund um die Veranstaltung der Spiele genauer zu durchleuchten – offensichtlich ist der Sport weltweit eine vorzügliche Selbstbedienungskasse. Das wird bei all den vielen Beteiligten sicher nicht einfach zu unterbinden sein, doch das sollte keine Staatsanwaltschaft der Welt davon abhalten, wenigstens später etwas genauer hinzuschauen.

Was Qatar angeht — warum sollte man nicht eine Fußball-WM in jener Region abhalten? Die meisten Menschen aus dem Mittleren Osten, die ich bisher getroffen habe, sind durchaus fußballverrückt. Dass Qatar zu klein ist für die Ausrichtung, halte ich da nicht für ein besonders gutes Argument. Im Gegenteil. Je näher die Stadien beieinander liegen, desto besser für die Umwelt. Dass es jedoch seitens der FIFA offensichtlich keine Aufsicht der Vorbereitungen gab, ist in der Tat unverständlich. Auch die gern gebrandmarkte Homophobie halte ich nicht unbedingt für ein Argument gegen Qatar. Es ist sowieso unüblich, in jenem Teil der Welt Liebesbekundungen öffentlich zur Schau zu stellen – egal ob queer oder nicht. Das muss man bei einer Sportveranstaltung nicht zwingend thematisieren (mal davon abgesehen dass es auch in vorherigen Austragungsländern durchaus homophobe/diktatorische/menschenrechtlich bedenkliche Auswüchse gegeben hat). Aus diesen Gründen hört man in Japan nicht viel von Boykottaufrufen, im Gegenteil – man freut sich einfach und fiebert mit der eigenen Mannschaft mit, und zwar sehr lautstark.

  1. siehe hier
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Bezogen auf Qatar ist meiner Ansicht nach das Problem, dass die Zahl der Kritikpunkte und die Intensität angeführte doch deutlich übersteigen (bei Wikipedia findet man unter „2022 FIFA World Cup controversies“ eine schöne Auflistung aller Kritikpunkte). Zwischen „unüblich [… ] Liebesbekundungen öffentlich zur Schau zu stellen“ und dafür im Gefängnis zu landen (im besten Fall) besteht dann doch noch ein qualitativer Unterschied. Von den Rechten der ausländischen Arbeiter und Frauen mal ganz zu schweigen.

    Die Kritik richtet sich auch nicht allein gegen Qatar sondern auch gegen die FIFA, welche sich anscheinend mit dem IOC einen Wettstreit liefert, welche supranationale Sportorganisation korrupter sein kann. Wenn man dann für Werbezwecke Begriffe wie Diversität und Gleichberechtigung verwendet, kann einem schon übel werden.
    In der Vergangenheit gab es natürlich auch schon fragwürdige Ausrichtungsorte (Italien unter Mussolini wäre da ein sehr altes Beispiel) aber ohne Kritik würde sich daran ja auch nichts ändern.

    • Nichts für ungut aber du betrachtest die Sache wieder aus der deutsch-westlichen Brille. Das kann man den meisten nicht allzu übel nehmen, weil sie gar nicht in der Lage sind oder der geistige Horizont es nicht erlaubt sich anders zu informieren. Aber das ändert nichts daran dass diese Sichtweise völlig verzerrt ist und vor allem sollten sich die Europäer mal klarmachen dass sich die Welt nicht um sie dreht. In den meisten Ländern der Welt wird Homosexualität bestenfalls toleriert, nicht aber als etwas positives angesehen. In Katar im Speziellen gilt das auch, dieses typische „ins Gefängnis werfen“ gibt es dort aber nicht. Das ist eine leere Phrase die bevorzugt von westlichen Kritikern zitiert wird. Für die Störung des öffentlichen Friedens kann man aber sehr wohl belangt werden, das ist bei uns übrigens genauso. Dass die Öffentlichkeit in Katar dabei andere Wertevorstellungen hat als in Deutschland, muss nun einmal respektiert werden. Genau daran scheitert es aber bei den Moralweltmeistern. Im Übrigen verurteile ich persönliche jegliche negative Diskriminierung oder Bestrafungen wegen der eigenen Sexualität, aber das ist nur meine Meinung und nicht die der Welt.

      Die anderen Punkte kann ich mangels Zeit jetzt nicht ansprechen, aber auch hier ist der moralische Podest ziemlich bröckelig, wie es ein Kolumnist letztens treffend beschrieben hat. Aber der Spruch „Das widerlichste am Menschen ist seine Doppelmoral“ fasst es hier ganz gut zusammen. Wer nicht zu seinen Prinzipien steht, darf sie deshalb nicht anderen absprechen.

  2. Da ich keine Lust habe Zeit mit jemandem zu verschwenden, der mit einem argumentum ad hominem einsteigt fasse ich mich etwas kürzer.

    Hier ein Link bezüglich „In Katar im Speziellen gilt das auch, dieses typische „ins Gefängnis werfen“ gibt es dort aber nicht.“: https://www.hrw.org/news/2022/10/24/qatar-security-forces-arrest-abuse-lgbt-people

    Ich habe in meinem Text auch nicht gefordert Homosexualität als etwas positives anzusehen, sondern sie zu tolerieren.

    „Dass die Öffentlichkeit in Katar dabei andere Wertevorstellungen hat als in Deutschland, muss nun einmal respektiert werden.“
    Dann muss die Öffentlichkeit in Qatar eben auch akzeptieren, dass bei uns andere Wertvorstellungen und Meinungsfreiheit üblich ist und deswegen entsprechende Kritik geäußert wird.

    Letztendlich bleibe ich bei meiner letzten Aussage, dass es ohne Kritik diesbezüglich keinen Fortschritt geben kann. Die von dir angewandte Argumentationslinie lässt sich nämlich auch auf Sklaverei, Frauenwahlrecht und beliebige andere gesellschaftliche Themen anwenden, wenn man am jeweils geeigneten Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte einsteigt.

    • Ich sehe schon, außer Anfeindungen und einer Wiederholung geschriebener Worte kommt da leider nicht viel. Das war durchaus zu erwarten, leider sind viele Qatar-Hater nicht fähig über den Tellerrand hinaus zu schauen. Bedauerlicherweise fehlt dir offenbar auch der Respekt für andere Kulturen, was du mit der Notwendigkeit von Kritik rechtfertigst. Das eine ist aber keine Legitimierung für das andere. Nundenn.

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