Blog Sex auf Japanisch

Sex auf Japanisch

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Oh oh, der Titel wird mir wieder sehr interessante Suchmaschinenhits einbringen. Und mit etwas Pech verliere ich das Prädikat „Wertvoll für die Jugend“.
Da fragt mich also ein guter alter bekannter Mitleser, wie denn eigentlich Wörter wie Sex oder auch neue Wörter wie „Handy“ (aka Natel) eigentlich in Sprachen mit Schriftzeichen gehandhabt werden. Interessante Frage. Und bevor ich das in einer privaten Mail lange abhandle und später alles umschreibe, schlage ich lieber zwei Fliegen mit einer Klappe.
Nun, Sex ist ja kein neues Phänomen. Soll es angeblich schon seit Erfindung des Discovery Channel geben. Aber in welcher Kultur man sich auch umschaut – nur wenige Sprachen bekommen es hin, diesem doch relativ wichtigen Vorgang ein eigenes, prägnantes Wort zu widmen. Wir haben „Brot“, „Wetter“, „Tau“, „Stein“, „Akne“ usw. usf., aber wenn wir den neudeutschen Begriff „Sex“ einmal wegdenken, dann haben wir nur das wunderschön romantisch klingende Wort „Geschlechtsverkehr“. Mit diesem Wort würde ich linguistisch gleich mal „Geschlechtskrankheit“ assoziieren. Oh, das Wort „Beischlaf“ könnte vielleicht noch zählen, aber auch das ist kein unabhängiges Wort an sich, sondern „nur“ eine Zusammensetzung. Aber ich schweife ab.
Auch im Japanischen und Chinesischen steht Sex nicht auf der Liste der am häufigsten in Schlagzeilen verwendeten Wörter. Aber der kundige Leser wird es schon erahnt haben: Auch in diesem Teil der Welt kommen die Leute nicht ganz ohne aus. Wenn auch leichter ohne als Europäer z.B., wenn man den Umfragen Glauben schenken darf.
Was haben wir da also im Japanischen? Das offizielle Wort lautet
性交 (seikō)
– das erste Zeichen steht unter anderem für „Geschlecht“, das zweite für „Mischen“ oder „verkehren“. Optimistischerweise hat das japanische Wort für „Erfolg“ die gleiche Aussprache (aber andere Zeichen). Auch im Chinesischen wird das so geschrieben.
Natürlich benutzt der japanische Taro-Normalverbraucher dieses Wort genauso oft wie ein Jugendlicher, der von seiner letzten Diskonacht erzählt, das Wort „Geschlechtsverkehr“. Also müssen mehr oder weniger blumige Alternativen her, wie z.B. 合体 – (gattai), „Vereinigung“, bekannt aus einer alten, sehr beliebten Fernsehserie. Dann 抱く (daku) – heisst eigentlich „umarmen“.
Aus der bunten Welt der Manga stammt das Wort Hする (etchi suru). Sprich „Sex machen“. Das „H“ steht für den ersten Buchstaben im Wort 変態 (hentai), was „Abart“, „abartig“, „pervers“ bedeutet. Aber nicht unbedingt extrem negativ sein muss.
Auch in Japan vermeidet man gern solche umständlichen Wörter und sagt stattdessen auch einfach mal する (suru) = machen, oder benutzt die lässigere Variante やる (yaru) – am liebsten im Imperativ, in der Vergangenheit oder im Passiv (letzteres geht mit „suru“ aber nicht).
Dazu jedoch eine Warnung: Gerade bei den letzteren ist aufgrund eventueller Zweideutigkeiten Vorsicht geboten: Ein Kommilitone sagte unserem japanischen Mitbewohner mal freudestrahlend
„座ってしたい!“ (suwatte shitai).
Dem Japaner sind dabei kurzzeitig die Gesichtszüge entgleist. Eigentlich wollte/sollte er
„座りたい“ (suwaritai) = ich möchte mich setzen
sagen, aber so wurde daraus ein „Ich würd’s gern im Sitzen tun!“. Aber ich will niemanden abschrecken. Gerade bei „suru“ und „yaru“ hängt es extrem von der Situation, der Intonation und dem Gegenüber ab.
Nun ist es nicht so, dass die vor tausenden von Jahren gebildeten Schriftzeichen gar nichts hergeben. Da hätten wir zum Beispiel
嬲る (naburu) – das Zeichen setzt sich zusammen aus Mann-Frau-Mann. Bedeutet „mit jemandem ein (schlimmes) Spiel treiben“. Nicht mehr im oben genannten Sinne benutzt. Wird auch so kaum noch benutzt.
Ganz ohne Illustrationen und bunte Photos bis hierher gelesen? Alle Achtung! Mehr über Handys und anderem neumodischen Quatsch gibt es dann bei Gelegenheit.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

10 COMMENTS

  1. supi, da bin ich aber froh, dass man respektive frau doch über derlei verbindungserfordernisse zum erhalt des bestandes kommunizieren können ;-)).
    auf japanische „handys“ freu ich mich schon!

    grüsse aus halle
    terry

  2. Ohaoha! So ist das also. Da sollte man sich mit der japanischen Grammatik dann doch noch mal besser auseinandersetzen, ich seh schon kommen, dass mir das auch mal passieren wird O.o…
    Achja: Glückwunsch! Nicht nur für die Hits sondern auch, dass es begeisterte Japanisch-Professoren gibt, die den Informationen durchaus dankbar sind ;)… Ja, darauf darf man sich was einbilden ^^

  3. Wenn Du hier schon einen Google-Traffic-Generator ablegst, dann muss ich Dich doch mal etwas fragen. Stimmt es, dass die Japaner einige deutsche Wörter übernehmen. Also nicht so, dass sie quasi „Blitzkrieg“ vielleicht kennen, aber das ja nicht in den Sprachgebrauch übergeht. Ich habe nämlich gelesen – also wenn wir schon beim Thema sind – dass die Japaner das Wort „orugasumusu“ übernommen hätten. Ich glaube das bis zum Gegenbeweis nicht. Es gibt ja urban legends (= dt. Ammenmärchen?) ohne Ende, und das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

  4. @betravel
    Das Problem an Deiner Frage ist, das Du hier ein nicht-deutsches Wort als Beispiel anführst. Ja, Orgasmus auf Japanisch ist „ōgazumu“, aber diese Aussprache lässt darauf schliessen, dass dieses Wort eher (aus dem Griechischen) über das Englische ins Japanische kam. Oder ebend Griechisch → Lateinisch (-ismus) → Deutsch → Englisch → Japanisch. Recycling vom feinsten ebend.
    Genauso „onanii“ – um beim Thema zu bleiben – ob dieses lateinische Wort nun über das Deutsche oder Englische (oder gar Spanische? Portugiesisische? Italienische?) ins Japanische kam, weiss ich nicht, aber Deutsche und Japaner benutzen ebend das gleiche Wort.

    Gesicherter ist da die Übernahme von deutschen (bzw. auch hier teils lateinischer) Wörter wie „karute“ (Karte, Bedeutung: Patientenakte), „gerende“ (Gelände, = Skipiste) oder das berühmte „baito“ (von „Arbeit“, Bedeutung: Job, also keine feste Arbeit).

  5. Ooh, okay. Klar, als Beispiel geht klar nur ein originär deutsches Wort. Oder eins das klar von einem Deutschen mitgebracht wurde. „karute“ und „gerende“ sind witzig und das baito eben nur Job bedeutet und nicht einer festen Arbeitsstellung entspricht, ist interessant.

    Vielen Dank für Deine Erklärungen. Hobbyethymologe? Oder einfach nur beim Japanischlernen aufgeschnappt.

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