BlogSeltenheit: Integrativer Kindergarten

Seltenheit: Integrativer Kindergarten

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Beim Sportfest im Kindergarten
Beim Sportfest im Kindergarten

Wo ich doch neulich erst beim Thema Sportfest war: In den Genuss komme ich selbst jedes Jahr zwei Mal – ein Mal im June an der Schule, und ein zweites Mal im Oktober im Kindergarten. Beim Sportfest des Kindergartens hier in der Gegend war ich zum ersten Mal dabei, und das ganze war regelrecht dramatisch.  Das Sportfest sollte am Sonntag stattfinden, und Montag war ein Feiertag (Tag des Sports!). Bei Regen wird die Veranstaltung auf den nächsten Tag verschoben. Und es sah seit Mittwoch schon stark nach Regen am Sonntag aus. Und doch: Der Kindergarten bestand auf Sonntag. Also ging der halbe Sonnabend für das Vorbereiten des obligatorischen Picknicks beim Sportfest drauf. Sonntag morgen, um 5:50, kam dann der Anruf vom Kindergarten: Es findet statt. Draussen: Strömender Regen. Wir rufen die nächsten Eltern in der Meldekette an, und so verbreitet sich die Nachricht. Um 6:50 dann wieder ein Anruf: Es regnet. Wir verschieben auf morgen. Natürlich sind die Reisbällchen und vieles andere bis dahin nicht haltbar, also das ganze noch mal von vorn.
 
Elternstaffel. Der Mann im Pooh-der-Bär -Kostüm ist der 62-jährige Kindergartenbesitzer
Elternstaffel. Der Mann im Pooh-der-Bär -Kostüm ist der 62-jährige Kindergartenbesitzer

Wenigstens war am Montag schönes Wetter. Da der Kindergarten zu gross ist (1’000 Kinder, das ganze dann ungefähr mal vier: Eltern und mindestens ein Großelternpaar), wird das Sportfest zweigeteilt. 500 Kinder – das reicht auch. 15 verschiedene Programmpunkte, von 9 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags zwei Mal vorzubereiten stelle ich mir auch anstrengend vor, aber man gab sich reichlich Mühe. Nun gut, wir zahlen ja schliesslich auch 300 Euro pro Monat dafür. Was mir jedoch sehr positiv auffiel – und daher schon wieder ein Artikel über ein Sportfest – war die Tatsache, dass der Kindergarten Kinder mit Behinderungen in den Klassen integriert. In der Klasse meines Kleinen gibt es ein Mädchen mit Trisomie 21, und in anderen Klassen Kinder, die sich gar nicht bewegen können und durch den Schlauch atmen müssen. Nichtsdestotrotz werden diese Kinder beim Staffellauf mit einbezogen, halten stolz wie Oskar den Stab, während die Betreuerinnen mit ihnen durch die Kurven fegen und so weiter. Das ist – zumindest in Japan – ziemlich revolutionär, denn mit Integration (in jeglicher Hinsicht) hat man es hier nicht so.

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tabibito
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

3 Kommentare

  1. Das kann ich bestätigen, auch bei uns im Kindergarten gibt es Kinder im Rollstuhl oder mit einer anderen Behinderung. Egal ob Sportfest, Musical oder Ausflug, alle werden gleich behandelt. Finde ich auch toll.

  2. Interessante Beobachtung.
    Im Rahmen eines Austauschs habe ich mal einen Kindergarten besuchen dürfen. Dort war es auch sehr normal „behinderte“ Kinder in den Gruppen zu haben. Darüber hinaus habe ich auch so noch einige Monate in J verbracht.
    Mein Eindruck als Kinderkrankenpfleger, der lange „besondere“ Kinder versorgt hat, ist mehr der, dass die „Integration“ in J bereits abgeschlossen ist und sie daher nicht explizit benannt werden muss.
    Kinder mit besonderen Bedürfnissen in Schule und Kindergarten zu integrieren scheint Normalzustand zu sein, weil es diese Trennung (so wie in D) gar nicht gibt. Wohlgemerkt nur mein Eindruck – mit geringer Evidenz.
    Behinderung hat in Japan einen anderen „Wert“. Und wie bei so vielen Dingen in J, kann man hier nicht die deutsche „Skala“ anlegen, sondern auch die Bedeutung von Behinerung ist in J eine ganz andere.
    Daher ist der Vergleich schwierig.
    Kurz: Nach meinen Erfahrungen ist es nichts Besonderes solche Kinder im KiGa oder der Schule zu haben.
    Allerdings widerspricht dieser Eindruck der Tatsache, dass Pflegebedürftigkeit in J kulturell bedingt eine Angelegenheit der Familie ist und die Gesellschaft damit nicht belastet werden darf.
    Wohlgemerkt „kulturell“. Gesetzlich hat J die deutsche Pflegeversicherung von 2000 übernommen und super modifziert, um genau dem auch entgegenzuwikren, dass die Pflegebedürftigen zu Hause versteckt werden.
    Vielleicht kannst du dazu noch mehr rausbekommen?

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