BlogSchwere Vorwürfe gegen ARD/NDR Ostasienbüro: Leitende Person vor Gericht

Schwere Vorwürfe gegen ARD/NDR Ostasienbüro: Leitende Person vor Gericht

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Man sollte es nicht für möglich halten, aber auch das gibt es: Wie die Gewerkschaft 民放労連 minpōrōren, der abgekürzte Name der Gewerkschaft für Mitarbeiter in Funk und Fernsehen, mit geschätzten 9’000 Mitgliedern, bekannt gab, wurde nun eine leitende Person des Ostasienstudios von NDR bzw. ARD vor Gericht zitiert – die Verhandlung soll morgen, am 18. September, vor dem Amtsgericht von Tokyo, beginnen. Eine japanische Angestellte der Niederlassung hat die deutsche Korrespondentin auf Schadenersatz von 6,5 Millionen Yen (52.000 Euro) verklagt. Der Vorwurf: Mobbing am Arbeitsplatz. Ein ungewöhnlicher Vorgang.

Das Ganze begann vor zwei Jahren, als eine neue Person vom NDR nach Tokyo beordert wurde und seitdem auch von dort berichtete. In dem Studio arbeitet unter anderem eine japanische Angestellte, die mit Recherchen, Planungen, Interviews und Übersetzungen und dergleichen seit rund 20 Jahren quasi die rechte Hand der jeweiligen Korrespondenten war. Das war der neuen Person (da das Verfahren nicht abgeschlossen ist, sollen hier keine Namen genannt werden) laut Gewerkschaft egal. Willkürliche Änderungen der Konditionen, verbaler Mißbrauch, falsche Anschuldigungen, Demotion – so lauten nur ein paar der Vorwürfe. Dies ging Gewerkschaftsangaben zufolge so weit, dass die japanische Mitarbeiterin gesundheitliche Schäden davontrug, und in zwei Fällen sogar wegen Hyperventilation notärztlich behandelt werden musste.

Das Gericht muss nun herausfinden, was an der Sache dran ist. Das Heikle an der Sache ist jedoch, dass japanische Gewerkschaften vor dem Gang vors Gericht für ihre Mitglieder normalerweise alles daran tun, außergerichtlich zu schlichten – in diesem Fall wurde sogar seit Juli 2019 versucht, eine Lösung zu finden. Der NDR, der im Auftrag der ARD das Ostasienbüro seit 1960 betreibt, wird in der Sache von einer der vier größten Anwaltskanzleien vertreten, und die argumentiert, dass das 2019 in Japan verabschiedete Gesetz gegen Mobbing am Arbeitsplatz für den NDR keine Gültigkeit hat – das Gesetz soll für kleine und mittelständische Unternehmen erst ab 2022 gelten. Der Rechtsstreit wird also auch darauf hinauslaufen, wie man mit der Rechtsform des NDR in Japan umzugehen hat. Der NDR hat nämlich weltweit rund 3’400 Angestellte und ist damit alles andere als ein kleiner Verein, der auch ohne die notwenigen Instrumente auskommen kann, die so etwas verhindern sollen.

Die Chancen stehen nicht schlecht für die japanische Mitarbeiterin. Eskaliert ein Fall so sehr, dass er gar vor Gericht verhandelt wird, bekommen in den allermeisten Fällen die Arbeitnehmer recht. Vorher versucht das Gericht jedoch in der Regel, einen Vergleich zu erreichen. Doch wie letztendlich auch entschieden wird – der NDR muss sich fragen lassen, wie man es überhaupt so weit hat kommen lassen. Der Imageverlust ist jedenfalls schon da, da dieser Fall natürlich unter ausländischen Pressevertretern und innerhalb der Gewerkschaft die Runde macht.

Mobbing am Arbeitsplatz ist ein großes Thema in Japan – hier wird dafür der Begriff パワハラpawahara, eine Verballhornung des englischen Begriffes POWER HARAssment, benutzt. Normalerweise sprechen die Gerichte den Opfern jedoch nur sechs- bis maximal siebenstellige Yenbeträge zu.

Anmerkung: Die offizielle Bekanntmachung der Gewerkschaft sowie Berichte zu den bisherigen Verhandlungen vor Gericht können hier eingesehen werden (Englisch & Japanisch): www.minpororen.jp.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

11 Kommentare

  1. Das ist interessant. Vielleicht kann der Reisende dazu bei Gelegenheit mal ein Update schreiben.
    Ich kann mir durchaus vorstellen, dass in der Konstellation, also deutscher Vorgesetzter und japanischem Angestellter, bei gewissem Mangel an Wissen über die japanische Arbeitskultur von Seiten des deutschen Vorgesetzten durchaus zu Spannungen kommen kann.

  2. In der Tat interessant. Zumal ich in der deutschen Nachrichtenlandschaft nichts dazu finde.
    Natürlich ist das Interesse auf der japanischen Seite anders gewichtet, als auf der deutschen. Zudem wenn dann auch die nächste deutsche Informationsquelle selbst betroffen ist ;)
    Ein Update würde mich auch interessieren.

  3. Wenn schon wer hyperventiliert, können auch in folge kardiale Symptome auftreten. Noch eine KHK dazu oder ein LSB, Vorhofflimmer … das kann böse enden. Durch Mobbing kann man einen Menschen komplett zerstören.
    Wenn Zwei sich nicht riechen können leidet auch das gesamte Team. Deshalb finde ich es gut, wenn neue Mitarbeiter bei uns anfragen, die Meinung aller bei Personalentscheidungen (außer Ärzte, die haben einen Freibrief), mit einbezogen. Schließlich soll der Laden auch laufen. Gerade im öffentliche rechtlichen Bereich sollte das kein Problem sein.

  4. Leicht OT, aber doch passend: Ich vermisse ja Gert Anhalt in dieser Position (bzw. ich glaube der war vom ZDF aus entsandt, nicht ARD?). Dessen lakonische Art brachte Japan irgendwie ziemlich gut rüber…

  5. Wäre es denn möglich einen Link zur originalen Aussendung der 民放労連 zu bekommen? Ich hab jetzt wirklich lang gesucht, aber nichts gefunden. Auch auf der Page der Gewerkschaft ist nichts zu finden (auch nicht auf der Page der Ortsgruppe Kanto)

  6. Der Minpororen dürfte nach dem Austritt der Asahi-Zeitung an einem kompromisslosen Vorgehen gelegen sein, welches man sich bei großen japanischen Medienhäusern nicht so einfach leisten kann.

  7. Die Verteidigung ist ja mehr als dürftig: „Das Gesetz gegen Mobbing gilt für uns“ kann man ja kaum anders auffassen als, „wir haben’s getan, aber was wollt ihr jetzt von uns?“

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