Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Frühjahr – und müde Berater

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Man merkt allmählich das es Frühling wird hier – der Regen wird spürbar wärmer. Und was da vom Himmel kommt, ist nicht ohne – morgen sollen im Raum Tokyo gleich mal um die 100 mm Regen zusammenkommen. Dabei hat die Regenzeit noch nicht mal begonnen. Komplettiert wurde der heutige, ebenfalls stark verregnete Tag noch durch ein kleines Erdbeben. Nichts besonderes, nur Stärke 5.1 und tief unter der Erde. Ein kleiner Ruck, ein bisschen Schütteln, und das war’s. Lieber einige kleine Erdbeben als ein grosses. Aber mehr zu diesem Thema zu angemessener Zeit.

Ob es am Wetter lag, dass ich heute unendlich müde war, weiss ich nicht. Jedenfalls beschlich mich eine böse Vorahnung, denn heute war ein Meeting mit einer Beraterfirma angesetzt, mit der wir zum ersten Mal zu tun haben. Es geht immerhin um ein Auftragsvolumen von rund… naja, man bekommt schon ein gutes Auto dafür. Das Meeting sollte rund 3 Stunden dauern. Ich war halbwegs sicher, dass ich sehr stark mit dem Einschlafen zu kämpfen haben werde. Da sassen sie nun, die drei Berater. Der Chef nebst zwei Mitarbeitern. Und der Chef begann zu referieren. Und redete und redete. Und nicht gerade deutlich. Meine japanischen Kollegen versicherten mir später, dass auch sie Probleme hatten, ihn zu verstehen (war alles auf Japanisch). Die Bildschirmpräsentation war recht dubios, und so betrachtete ich die beiden Begleiter des Chefs. Einer der beiden hackte ständig auf seiner Tastatur herum – er machte wohl ein Gesprächsprotokoll. Irgendwann fehlte etwas – genau! Das Tastaturgeräusch! Ich schaute mir die beiden wieder an – und da nickten beide ein. Einerseits war ich entsetzt – dieser Firma vertrauen wir einen so grossen Auftrag an!? – andererseits war ich erleichtert. Ich wäre nicht der Erste, der bei diesem Meeting einschläft. Wenig später war ich an der Reihe, mich an der Diskussion zu beteiligen, und dolmetschte wenig später für einen kanadischen Kollegen. Das rettete mich vor dem Einschlafen. Aber nicht vor meiner wachsenden Abneigung gegenüber “Meetings”. Grösstenteils ineffizient, sterbenslangweilig und blanke Zeitvergeudung. Da muss doch was dran zu ändern sein…

Das Wort des Tages: 居眠りする (inemuri suru) – inemuri heisst “Nickerchen”, suru “machen, tun” usw. Ergo “einnicken, wegdösen”.

Filmkritik: Tampopo

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Nachdem scheinbar jeder ausser mir diesen Film gesehen hat, musste ich wohl etwas nachholen. “Tampopo” wurde 1986 gedreht, ist ein rein japanischer Film, in Szene gesetzt vom berühmten Regisseur Itami. Der Film ist 114 Minuten lang. Es gibt eine deutsche Fassung.

Tampopo Handlung: “Tampopo” bedeutet Löwenzahn und ist der Kosename einer noch relativ jungen Witwe. Die betreibt ein Ramen– (chinesische Nudelsuppe) Restaurant. Recht erfolglos und höchstens von zwielichtigen Gestalten besucht. Zwei Fernfahrer, vernarrt in Ramen (wie fast jeder Japaner!) helfen jedoch erst ihrem Sohn und dann ihr aus der Misere. Mit allerlei Tricks und ständig wachsender Unterstützung zaubern sie erst ein anständiges Rezept und dann noch eine neue Innenausstattung her. In einer Nebenhandlung wird dem staunenden Betrachter erklärt, wie man lebende Garnelen und ein Eigelb in das Vorspiel einbauen kann. Hollywood’s Spielchen mit Eiswürfeln und was auch immer sind echte Banalitäten dagegen. Natürlich gibt es ein Happy End, welches jedoch viel Spielraum für die Fantasie lässt.

Hintergrundwissen: Vieles mag für Übertreibung gehalten werden. Ist es aber kaum. Ramen ist eine Wissenschaft für sich. Mit einem enormen Stellenwert bei den meisten Japanern. Und wer bei der Szene mit dem Staubsauger lacht: Selbst das ist keine Übertreibung! Alljährlich sterben, vor allem alte Menschen, am Genuss des shiruko – eine zähe Masse von Mochi-Reis, die einigen buchstäblich im Halse steckenbleibt. Erste-Hilfe-Massnahme: Staubsauger. Kein Scherz.

Meine zwei Yen: Das schöne an diesem wie auch an einigen anderen japanischen Filmen ist, dass man oft nicht die leiseste Ahnung hat, was als nächstes passiert. Der Film zeigt auch gleichzeitig schön das moderne, fernsehreife Japan und das alte, zum Teil etwas heruntergekommene Japan. Die Regie ist grossartig und die technischen Mittel oftmals liebenswert altmodisch.

Querverweise: Der Gourmet-Erotiker / Gangster ist Koji Yakusho, der jüngst auch im Knassenküller “Warai no daigaku” (Wörtlich: Universität des Lachens) eine Hauptrolle belegte. Mehr zu diesem Film demnächst.

Das Wort des Tages kann nur eines sein: ラーメン (Raamen) – chinesisch inspirierte Nudelsuppe. Mehr zu diesem Gericht siehe hier. Kalorienreich, extrem vielfältig und, so gut gemacht, eine Wonne. Die besten (?) Ramen-restaurants werden nach und nach in Tabibitos Ramen-Jäger-Restaurantatlas vorgestellt.

Erbsen oder Greenpeace? Einkaufsfrust im Einkaufsparadies

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Gestern war ich mit meiner Frau in Shinjuku – zum ersten Mal seit einem halben Jahr. Shinjuku ist toll – immer in Bewegung, irgendwie faszinierend, mit einem architektonischen Mix aus Fritz Lang’s Metropolis hier und Blade Runner-Atmosphäre da. Riesengrosse Bildschirme, gigantische Kaufhäuser, ein vertracktes System von Bahnhsteigen und unterirdischen Gängen, das Rotlichtviertel… es gibt viel zu erkunden. Ein bisschen Sentimentalität ist wohl auch dabei, denn während meiner Studentenzeit in Japan, 1998, hatte ich fast jede Nacht in Shinjuku gearbeitet. Nein, nicht im Rotlichtviertel.

Wir waren aber nicht zum Vergnügen da, sondern um ein Geburtstagsgeschenk für meine Frau zu kaufen. Gemeinsam, denn wenn ich abends um 10 oder später von der Arbeit komme, ist nicht mehr viel mit Einkaufen. Nun gibt es in Shinjuku sehr viel Gelegenheiten zum “shoppen”. Und trotzdem war es schwer, etwas zu finden. Warum? Vielleicht ist es schlichtweg das Überangebot? Eine komplette Reizüberflutung, bei der man so viel sieht bis man selbst nicht mehr weiss, was man will. So wird aus Einkaufslust schnell Frust. Aber es hängt auch davon ab, wofür man sich interessiert. Technikbegeisterte zum Beispiel brauchen nicht sehr lange bis sie etwas finden. Nein, wirklich nicht.

Shinjuku

Spielhölle (hier Pachislo – Slotmaschinen) “Green Peas”. Früher stand der Name nur in Katakana
da, und das war irreführend, denn in der Katakana-Schreibweise kann es auch gleichzeitig “Greenpeace” heissen.
Da war ich etwas irritiert über die dubiosen Einnahmequellen der Umweltschützer.

Und hier das Wort des Tages: 混沌 (konton) – das Durcheinander, Chaos, nebulös.

Finger her und bitte lächeln!

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Hatte ich es doch letzte Woche vergessen zu erwähnen – da hat doch das japanische Unterhaus am 30. März tatsächlich das neue Einreisegesetz (bzw. Einwanderungs- und Flüchtlingsgesetz) durchgewunken. Jenes besagt, dass in Bälde bei allen Ausländern, die in Japan einreisen und älter als 16 sind, Fingerabdrücke genommen werden sollen. Und ein Foto wird demzufolge auch noch gemacht (Klasse, die Kollektion möchte ich mal sehen – nur zerknautschte Gesichter nach 10 bis 15 Stunden Flug). Hauptbeweggrund ist laut Unterhaus der Kampf gegen Terror. Was ja schon für allerlei Massnahmen als Ausrede herhalten musste.

Die Idee an sich ist nicht neu. Wie hier bereits erwähnt, wurde allen Ausländern mit Aufenthaltsberechtigung noch bis 2000 Fingerabdrücke genommen. Immerhin fortschrittlich: keine blaue, sondern unsichtbare Tinte. Allerdings gab es damals heftige, aber scheinbar fruchtbare Proteste seitens der Koreaner, von denen viele schon seit Generationen in Japan leben und trotzdem zweitrangig behandelt werden. Scheinbar wurde die Fingerabdruck-Pflicht wieder abgeschafft.

Noch ist das Gesetz aber nicht durch – am 19. April entscheidet das Parlament darüber. Und es gibt durchaus Widerstand gegen die als diskriminierend bezeichnete Massnahme. Persönlich glaube ich aber nicht daran, dass das Gesetz abgelehnt wird. Erst recht nicht, seit ein in Japan lebender Ausländer (ein Peruaner) vor ein paar Monaten brutal ein Kind ermordet hat.

Also, Finger waschen vor der nächsten Spritztour nach Japan! Und immer schön lächeln!

Das Wort des Tages: 偏執狂 (henshūkyō, auch henshitsukyō), auf Deutsch “Paranoia”. Mehr zu hiesigen Antiterrormassnahmen demnächst.

Um 8 wird das Licht ausgemacht!

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Zu den Dingen, über die man hier manchmal nur den Kopf schütteln kann, gehört der Aktionismus – das aus dem Boden Stampfen mehr oder weniger sinnfreier Initiativen. So entschied gestern das Umweltministerium, dass in seinen Büros täglich um 20 Uhr das Licht ausgemacht wird. Wer dann immer noch nicht fertig mit der Arbeit ist – und das wäre definitiv keine Seltenheit – kann ja dann im schummrigen Licht seines Computerbildschirms weitermachen. Man will hier, zumindest bis September, als (nicht-)leuchtendes Beispiel vorangehen, denn schliesslich ist Japan Gastgeber der Konferenz zum Kyoto-Protokoll gewesen und hat arg Mühe, die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Also heisst es Licht aus. Na dann gute Nacht!

Erinnert aber irgendwie an die schon eher sinnvolle “Warm Biz Cool Biz”-Kampagne, die letztes Jahr (?) gestartet wurde. Demzufolge soll sich das Bürovolk im Winter wärmer anziehen und im Sommer Anzug mit T-Shirt tauschen, um den Verbrauch durch Klimaanlagen zu drosseln. Die wirklich sehr viel verbrauchen und auch das Hitzeinsel (resp. Heat Island)-Problem verschärfen.

Zurück zur obigen, eher sinnlosen Kampagne: Just ging am Bahnhof in meiner Nähe die “Nachtrauchverbot auf Strassen in Bahnhofsnähe”-Kampagne, propagiert durch grosse Transparente, zu Ende. Dauerte den ganzen Winter lang. Wozu die Kampagne gut war? Keine Ahnung. Man sollte ebend nicht von 22 Uhr bis 6 Uhr draussen rauchen. Hat sich jemand dran gehalten? Natürlich nicht. Wohl auch deswegen wurde die Kampagne auch nicht “wegen grossen Erfolges verlängert”.


Neulich beim Teammeeting im Umweltministerium um 20:15

Hier das Wort bzw. die Phrase des Tages: キャンペーン実施中 (kyanpeen jisshichū) – kyanpeen kommt vom englischen “Campaign”, jisshichū bedeutet hier “wird durchgeführt”. Eine laufende Kampagne. Und davon gibt’s hier viele…

Großmütter aller Länder…

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Da klingelte es gestern abend an der Tür und draußen steht der Paketdienst. Mit einem grossen, schweren Paket. Das konnte nur eins sein – die neue Obstlieferung von der Oma. Diese lebt im fernen Kumamoto. Und sie schickt des öfteren gewaltige Obstkisten mit dem Obst der Saison. Weil ja sonst keiner anruft, sagt sie. Oma ist eine nette aber sehr resolute Frau. Die ich anfangs unterschätzt habe. Als wir einmal telefonierten, brachte sie ein nicht allzu gebrächliches Wort ein (wen’s interessiert: 散財 (sanzai, auf Deutsch: Mit Geld um sich werfen). Und fragt sofort “Verstehst Du das Wort?” Nun, genau hatte ich es nicht verstanden, aber im Kontext konnte ich es mir halbwegs vorstellen. Also sagte ich “ja”. Das war ein Fehler. “Na, was bedeutet es denn dann?” bohrte sie gleich nach. Ertappt. Seitdem höre ich genauer hin.

So resolut sie auch sein mag – gegen unsere Hochzeit hatte sie nichts einzuwenden. Das ist, gerade bei der älteren Generation, nicht unbedingt selbstverständlich. Aus Dank für das ganze gesunde Obst haben wir ihr jüngst ein gutes Kilo Käse geschickt, viele verschiedene Sorten freilich. Gehört erstaunlicherweise zu ihrer Lieblingskost.


Obst des Monats: eine Truhe voller パール柑 (paarukan) alias ザボン (zabon) bzw. ミカン (mikan) – auf gut Deutsch Pampelmusen

Und hier das Wort des Tages: 万国共通 bankoku kyōtsū (wörtlich: Zehntausend-Länder – Gemeinsamkeit). Nach dem Motto “das ist überall gleich”. Gemeint ist die Fürsorge von Großeltern.

Schöne neue Welt: Telekommunikation

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Ein richtig heftiges Gewitter, komplett mit Sturm und viel Regen, hielt uns heute nachmittag davon ab, nach draussen zu gehen. Wie ich also so am Rechner saß, dachte ich mir, dass man mal wieder Skype anschalten könnte. Und siehe da, zwei sehr gute Freunde, einer in Deutschland, der andere momentan in Kirgistan, waren online und fertig war die Konferenzschaltung. Zwei Stunden lang, für 0 ¥. Ganz anders 1995: Damals hatte ich meine ersten Bekanntschaften mit Japanern gemacht. Und ganz gelegentlich mal angerufen. Meine Kemenate im Studentenwohnheim hatte damals kein Telefon, also musste ich von der Zelle anrufen. Nach Japan kostete der Spass 3,60 Mark pro Minute, mit der Telefonkarte noch mehr. Bei einer 50-Mark-Karte konnte man gerade mal den anderen ans Telefon holen lassen und sich kurz über’s Wetter unterhalten. E-Mail war noch nicht verbreitet, Briefe brauchten ein bis zwei Wochen. Kurzum, es war ein teures Hobby, das viel Geduld verlangte.

Ganz anders heute: Telefonieren von Deutschland nach Japan kostet nur noch gute 0.02 € pro Minute (siehe hier), E-Mail und andere Internetanwendungen machen es leicht, Kontakt zu halten. Schöne neue Welt – zumindest in diesem Fall. Nur Bier von Deutschland nach Japan zu faxen oder zu beamen geht leider noch nicht. Schade eigentlich.

In Deutschland hat es mich regelrecht mürbe gemacht: In der Hauptfussgängerzone einer Großstadt zu wohnen und sich von dort mit dem Modem mühsam ins Internet einzuwählen. Nein, ich rede nicht mehr von 1995, sondern von 2005. Und beim Einwählen pausenlos Werbung für DSL zu hören. Sonderaktion DSL! Nur bis September! Vergeblich habe ich jahrelang auf DSL gewartet.

Wie sieht es in Japan aus? Auf dem Land freilich auch mau. In der Stadt hingegen sieht es sehr fortschrittlich aus – eine Internetstandleitung mit 10 Mbps downstream und 2 Mbps upstream kostet ca. 4500 Yen im Monat (rd. 35 Euro, flatrate natürlich), für 1000 Yen mehr gibt es 30 Mbps. Die meisten DSL-Verbindungen in Deutschland, so überhaupt vorhanden, haben 1 Mbps. Hinzu kommt eine weitreichende Abdeckung mit WLAN und akzeptable Datenübertragungsraten mit dem Handy. Für Technikfans ein Paradies…

Und dementsprechend das Wort des Tages: 情報社会 (jōhō shakai) – die Informationsgesellschaft.

Und wo bitte schön sind die Kirschen?

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Anfang April und es ist mal wieder soweit: Plötzlich ist alles rosa und weiss. Die Kirschbäume blühen. Und wie – man sieht den Himmel kaum vor Kirschblüten. Zeit, Kind und Kegel oder zur Not auch die Arbeitskollegen zusammenzupacken und in die Parks zu ziehen, zusammen mit Millionen anderer. Hanami ist angesagt – das japanische Kirschblütenfest (hana bedeutet Blüte, mi = sehen). Und wenn es nur zwei Bäume sind – darunter werden die Decken ausgebreitet und dann wird gegrillt, oder auch nicht, und gegessen bis der Arzt kommt und … getrunken bis selbiger wieder geht. Jedes Jahr kommt es dabei zu tödlichen Intoxikationen, aber daran wollen wir jetzt nicht denken. Der deutsche Beobachter fühlt sich jedenfalls oft an Himmelfahrt erinnert – bloss ebend mit schmucken Blüten als Dreingabe.

Man kann es allerdings auch verstehen: Hanami ist eine jahreszeitlich wirklich sehr günstige Zeit – die grosse Kälte ist endlich vorbei, und bald kommt die Regenzeit und danach eine alles erdrückende Hitze. Jedes Jahr kann man das gleiche Spektakel auch am Bildschirm verfolgen: Meteorologen ergänzen die üblichen, meistens erstaunlich unpräzisen Vorhersagen mit neuesten Informationen von der Kirschblütenfront, also wann und wo die Kirschen blühen. Dieses Jahr begann es in Tokyo am 25. März, relativ früh. Letztes Jahr lag die Vorhersage übrigens um 4 Tage daneben, was einen Aufschrei verursachte.

Als Pragmatiker, Genussmensch und von botanischen Kenntnissen ziemlich unbelasteter Stadtmensch der ich bin, dachte ich bei meinem ersten Hanami vor 10 Jahren “Toll! Noch ein paar Monate, dann gibt’s lecker Kirschen!” Pustekuchen. Die tollen Blüten stammen meisten von Arten wie Prunus x yedoensis (Yedo bzw. Edo ist der alte Name von Tokyo) und anderen, die keine essbaren Kirschen hervorbringen. Kirschen gibt’s dann von woanders, einzeln abgepackt und für 600 Yen pro 10 Stück. Schade eigentlich.

Hanami vor meinem Haus – weit muss ich jedenfalls nicht laufen (heute aufgenommen)

Das Wort des Tages – wie kann es anders sein – ist 桜 (sakura), das japanische Wort für Kirsche. Die essbare Kirsche als solche heisst jedoch さくらんぼう (sakuranbō) – in etwa “Kind der Kirsche”.

Lösung des Arbeitslosenproblems?

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Allmorgendlich wenn ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof fahre, bietet sich das gleiche Schauspiel: Vier gelangweilte alte Herren, die in einem schmierigen Kabuff herumlungern, gelegentlich draussen herumstolzieren und eine Zigarette nach der anderen rauchen. Für 1,100 Yen (knapp 8 Euro) die Stunde. Nein, keine Testraucher, sondern die Aufpasser des Fahrradparkplatzes. Platz ist Mangelware in japanischen Städten, weshalb man als Fahrradfahrer in der Regel auf kostenpflichtige Abstellplätze angewiesen ist. In meinem Fall kostet das 100 Yen (0.7 €) pro Tag oder 310 Yen pro Monat. Auf einen Stellplatz kommen grob geschaetzt gute 500 Fahrräder. Keiner würde in Europa auf die Idee kommen, hier 4 Aufpasser einzusetzen.

Genauso verblüffend sind die unzähligen Baustellenaufpasser, die wild wedelnd durch die Gegend laufen und vor der noch so kleinsten Baustelle warnen – in blinkenden Westen und roten Leuchtknüppeln. Faszinierend. Wen mag es da noch verwundern, dass es in Japan nur rund 5% Arbeitslose gibt. Nach Aushilfen wird hier übrigens momentan überall händeringend gesucht. Ob im Spätverkauf für ca. 900 Yen, in Restaurants für 850 bis 1100 Yen usw. usf.

Dahinter steckt allerdings enormer Druck. Keine Arbeit = keine Chance in Japan. Alles kostet, und meistens nicht gerade wenig. Ein soziales Netz gibt es zwar, aber das fängt keinen wirklich auf. Wer hier chronisch krank wird und kein Millionär ist, hat ein Problem. Mehr zu diesem doch sehr eklatanten Unterschied zu Deutschland an anderer Stelle.
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Neulich auf dem Fahrradparkplatz, am Fahrrad neben mir:


Aufkleber an der Lenkstange:
kagi kaketa? Auf Deutsch: Abgeschlossen?

Am gleichen Fahrrad:

Weiterer Aufkleber:
Kagi! Kagi!!Kagi!!!OK kagi bedeutet “Schlüssel”. Kinder können dieses Zeichen übrigens nicht lesen!

Und das war auch schon das Wort des Tages – 鍵 – kagi, der Schlüssel, auch das Schloss.

Tod für Shōkō Asahara?

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Eine der Nachrichten, die heute die Titelblätter der japanischen Tageszeitungen bestimmten, war das verlorene Berufungsverfahren der Verteidiger Shoko Asahara’s gegen die Todesstrafe.
Zur Erinnerung: In den 1990ern machte Asahara, bürgerlicher Name Chizuo Matsumoto, mit der Oumu-Sekte (in Europa als AUM-Sekte bekannt) Schlagzeilen, als er erst eine Anwaltsfamilie in Matsumoto mit Giftgas auslöschte und 1995 mit einem Sarinanschlag in Tokyo 12 Menschen aus dem Leben riss. Und noch einiges mehr. Jedenfalls wurde er zum Tode verurteilt. Seine Anwälte plädierten nun auf Unzurechnungsfähigkeit – aufgrund der langen Haft brabbele der fast ganz Erblindete nur noch wie ein Kind und erkennt seine Töchter nicht mehr usw. Sie verloren – kaum überraschend.

In Japan muss man schon arg vorsätzlich etliche Mitmenschen meucheln um zum Tode verurteilt zu werden. Ein paar Kilo Rauschgift reichen da nicht. Wer allerdings zum Tode verurteilt wurde, hat wirklich nichts mehr zu lachen: Einzelhaft bis zum Ende und – das finde ich persönlich sehr extrem – der Henker kommt ohne Vorwarnung. Nach ein paar Monaten oder nach ein paar Jahrzehnten. Verwandte erfahren erst nach der Exekution vom Ende. Zum Tode Verurteilte werden in Japan gehängt. Man hört darüber aber in japanischen Medien so gut wie gar nichts. Man erfährt lediglich etwas, wenn jemand verurteilt wurde bzw. nachdem jemand hingerichtet wurde. Die meisten Japaner die ich kenne interessieren sich weder sonderlich dafür noch sind sie gegen die Todesstrafe.

Hierzu sollte man jedoch noch wissen, dass im Japan der Heian-Zeit (rund um das Jahr 1000 u.Z.) die Todesstrafe für rund 300 Jahre abgeschafft wurde – zu der Zeit einzigartig auf der Welt. In China war die Todesstrafe damals die einzige Strafart. Aber es gab rund 200 Hinrichtungsarten, je nach Schwere des Vergehens. “Du hast nur eine Kleinigkeit geklaut, deshalb kommst Du mit Köpfen davon” — “Na Gott sei Dank”. Nein, eigentlich nicht zum Lachen.

Wort des Tages (auch wenn etwas düster): 死刑 (shikei). Shi bedeutet “Tod” und “sterben”, kei ist die Strafe.

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