Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Und der Gewinner ist…

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Heute – Montag – war Feiertag in Japan. Nämlich umi no hi, der „Tag des Meeres“. Also beschlossen wir, am Wochenende ans Meer zu fahren, in die Präfektur Ibaraki. Begleitet von einem sehr heftigen Gewitter, das mehrmals den Strom in der Präfekturhauptstadt ausfallen liess. Und gefolgt von der Erkenntnis, dass die Pazifikküste bei Ibaraki nicht allzu sehenswert ist. Viel Industrie, viel Schmutz…

Mit der privaten Bahn „Kashima Rinkaisen“ ging es später die Küste entlang. Der Zug ist eine Art Ferkeltaxe, die gemütlich von einem Dorf zum anderen zuckelt. Unterwegs hielten wir an einem Bahnhof, dessen klangvoller Name es mir sofort angetan hat:

Chōjagahamashiosaihamanasukōenmae

22 (Hiragana-)Silben. Und es scheint zu stimmen – es ist der längste Bahnhofsname. Allerdings hat ein Bahnhof in Aso genau so viele Zeichen.


Wer hier wohnt, hat beim Adressen schreiben eindeutig verloren.

Das Wort des Tages: Bzw. der Bahnhofsname: (hama) bedeutet Strand. 公園前 (kōenmae) heisst „am Park“. Der Rest ist Ortsname und sollte besser nicht übersetzt werden. Da man in Japan alles ohne Leerzeichen schreibt, noch die Unterteilung in Worte:
„Chōjaga-Strand Shiosai-Hamanasu Park“.

Teutonisierung Japans schreitet unaufhaltsam voran

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Nicht nur, dass man in Japan ein Bier names „Brau Meister“ trinkt, im „Gelende“ Ski fährt, stets nach arubaito (=Arbeit) sucht – nein, nun kommt auch noch die Currywurst nach Japan. Hab ich gestern in einem Spar-Markt (ja, die gibt es hier auch in einigen Gegenden) in Ōarai / Präfektur Ibaraki entdeckt. Mikrowellen-Currywurst, mit extra Currypulver (klebt rechts aussen dran) und – mit Fritten. Für 298 Yen (gute 2 Euro). Da ich mir sowas jedoch garantiert nicht kaufe (jedenfalls nicht für die Mikrowelle), musste ich das Photo vor Ort machen.

Hergestellt wird das übrigens von Nippon Ham – einer der grössten, wenn nicht der grösste Fleischfabrikant Japans. Na dann, Mahlzeit!

Das Wort des Tages: Bzw. die Worte – das, was auf der Packung steht – ドイツ生まれのおつまみ! (doitsu umare no otsumami). Otsumami heissen all die vielen kleinen Snacks – denn Trinken ohne dabei zu Essen geht nicht in Japan. Heisst hier zusammen „Der Snack aus Deutschland“. Rechts daneben steht auch noch ein Spruch, der von Konfuzius stammen muss: ビールがうまい! (biiru ga umai). Zu deutsch „Bier ist lecker“. Aber hallo.

Technik top – Banken flop

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Richtig ist, dass Japan sehr fortgeschrittene Technik entwickelt und vor allem in viel mehr Bereichen wesentlich schneller einsetzt. Hinzu kommt eine gewisse Technikbegeisterung quer durch alle Altersschichten. Bei den Banken ist die Zeit jedoch irgendwann stehengeblieben. Zwar gibt es zum Beispiel Bankautomaten überall, aber die reichen vorn und hinten nicht – das beweisen alltäglich die langen Schlangen vor den Automaten.

Viele Geldautomaten sind zudem vorsintflutlich, die Tastaturen erinnern an die ersten Taschenrechner. Clevererweise spucken die Automaten meistens auch alles zur gleichen Zeit aus: Karte, Geld und Quittung. Was für ein fröhliches Gefiepe! Ich hab schon viele entweder ihre Karte oder ihr Geld fallen lassen sehen – man hat ebend nicht drei Hände.

Auch Überweisungen machen Spass. Zum einen durch so klangvolle Banknamen wie „Mitsubishi Tokyo UFJ Bank“ oder „Mitsui Sumitomo Bank“. Zum anderen dadurch, dass man es immer noch nicht geschafft hat, in das Zeitalter der double-byte-Zeichen aufzurücken. Kurze Erläuterung: Lateinische Buchstaben sind nicht so komplex, da reichen single-byte-(8 Bit bzw. 8 x 8 Punkte)-Zeichen. Japanische und chinesische Zeichen sind zu komplex – man würde nur einen schwarzen Kasten sehen. Deshalb werden double-byte (16 Bit, 8 x 16 Punkte) Zeichen benutzt. Nicht bei den Banken: der Empfänger muss in single byte Katakana angegeben werden. Aus ジャパン・コミュニケーション (Japan Communication) wird dann ジヤパン.コミユニケエシヨン (Jiyapan Kominiyunikeeshiyon). Was für ein Spass.

Zuletzt der Gebührendschungel und andere Stolpersteine: Tarife ändern sich je nach Tag und Uhrzeit und Bank. Und: Am Wochenende geht Internetbanking einfach mal nicht. Ist ebend Wochenende.

Eins muss man den Banken aber lassen: Sie sind pünktlich. Überweisungen dauern nicht – das Gehalt ist definitiv zum festgelegten Tag da – und Abbuchungen sind auch minutenpünktlich.

Wort des Tages: 銀行 (ginkō) – die Bank. gin bedeutet „Silber“, -kō bedeutet gehen, ausführen und vieles mehr.

Nordkorea – Japan 1:0?

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Nein, nicht im Fussball, sondern aussenpolitisch. Und das auch noch durch ein Eigentor. Nachdem Nordkorea nun doch trotz Warnungen von allen Seiten seine Raketentests durchführte (siehe hier), kam die typisch ungeschickte Antwort aus Japan: Dass man nun bei der UN um eine Resolution ersucht, ist ja verständlich. Dass nun einige Politiker allerdings laut darüber nachdenken müssen, ob man nicht einen Präventivvorschlag gegen nordkoreanische Raketenbasen mit der eigentlich pazifistischen Verfassung vereinbaren könnte, kann mal wieder als Eigentor gelten.

Getreu dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ kamen freilich just scharfe Proteste aus Südkorea (de facto noch immer im Kriegszustand mit Nordkorea). Auch China und Russland sind wenig begeistert. Letztere werden wohl auch von ihrem Vetorecht im Sicherheitsrat der UN Gebrauch machen.

Nordkorea hat damit zumindest eins erreicht: Japan ins Abseits zu manövrieren und die Weltgemeinschaft zu spalten. Taktisch sehr clever, dass muss man schon sagen.

Das Wort des Tages: 紛争 (funsō). Die „Krise“. Passt ja zum heutigen Tag nach der Meldung, dass Israel wieder in den Libanon einmarschierte.

Filmkritik: Geisha (jap. Titel: „Sayuri“)

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Sayuri - Geisha Die Vorgeschichte zum Film sollte einen eigentlich schon ins Kino locken. Oder ebend vor den DVD-Player. Da wäre die geniale Romanvorlage von Arthur Golden (Originaltitel: Memoirs of a Geisha), die so gut geschrieben war, dass ich beim Lesen des Epilogs aus allen Wolken fiel (und mich ein bisschen veralbert fühlte, aber was soll’s – es ist ein sehr schönes Buch). Da wäre auch der Sturm der Entrüstung, den der Film in Ostasien hervorrief: Japaner beschweren sich, dass die (weiblichen) Hauptrollen zumeist von Chinesen besetzt werden. Chinesen beschweren sich, dass Chinesen Japaner spielen. Und so weiter.

Nun, lang wurden die 139 Minuten nicht, dass muss man dem Film lassen. Verstörend wirkte aber auf mich nicht nur die Tatsache, dass chinesische Schauspieler die Hauptrollen besetzten, sondern auch mit chinesischem – und definitiv nicht japanischem – Akzent gesprochen wurde (zumindest in der englischen Fassung). Und die Musik – dieser alberne transzendental-okzidentale Versuch, chinesische (!) klassische Musik auf „Popniveau“ zu bringen, machte mich gar nervös. Was bitte soll das, dachte ich mir. Hätte man doch lieber der japanischen Laute, shamisen genannt und zu beherrschendes Instrument der Geishas, mehr Zeit gewidmet!

Leider kamen auch die intelligenten Dialoge des Buches selten zum Vorschein. Stattdessen wurde in Windeseile, wenn möglich nur mit Bildern und wenigen Worten, versucht, Spannung aufzubauen. Aber es ist ja auch eine Menge Stoff für nur gute zwei Stunden. Und Hollywood hat aus dem Stoff genau das gemacht, was man von Hollywood erwartet.

Meine Wertung: ★★★☆☆☆ (3/6)

Das Wort des Tages: 芸者 (geisha). Gei bedeutet Kunst, -sha ist die Person. Eine Geisha war in der Tat eine Künstlerin – der Unterhaltung. Besonders der Konversation, des Tanzes, der Musik und der vielen kleinen anmutigen Gesten.

Fussballwahnsinn in Japan: Der Spaß geht weiter

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Um wenigstens ein klitzekleines bisschen WM-Luft zu schnuppern, habe ich mich gestern zum Goethe-Institut in Tokyo begeben. Dort wurde auf einer grossen Leinwand das kleine Finale, Deutschland gegen Portugal, gezeigt.
Dazu gab es in Japan gebrautes, deutsches Hefe vom Fass und die obligatorischen Würstchen. Zu zivilen Preisen, Eintritt kostenlos. Einlass war 23:30, auf Grund der Zeitverschiebung war der Spielbeginn hier um 4:00 morgens. Lob und Dank an das Goethe-Institut, trotz der unchristlichen Zeit so etwas zu organisieren.

Demographisch gesehen war das Publikum schon interessant: Mit schätzungsweise 150 Leuten war der Saal voll. Rund 10% waren Deutsche, der Rest Japaner. Und wesentlich mehr japanische Frauen als Männer. Mehr als die Hälfte trug Fussballtrikots, und so gab es eine Menge Ballacks, Kahns, Huths und Schneiders im Saal. Und eine Riesen-Deutschlandfahne (siehe Bild, im Hintergrund).

Es war schon lustig, die hohen Stimmen, die da „Deutschland Deutschland“ riefen. Die geschminkten Frauen, die in der Halbzeit über Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt fachsimpelten. Die schiere Begeisterung, wenn Kahn den Ball auch nur vom Boden pflückte. Wieder einmal bewahrheitete es sich: Manch Japaner ist deutscher als ein Deutscher.

Ein japanischer Fan erzählte mir die folgende Geschichte: Er ist grosser Fan der Mannschaft Urawa Reds. Urawa ist eine kleinere Stadt bei Tokyo. Er brachte seinen deutschen Fussballfreunden ein paar
Fanartikel mit – aber scheinbar schien sich keiner so richtig darüber zu freuen. Also brachte er beim nächsten Mal Fanartikel vom FC Tokyo mit. Und siehe da – sie fanden reissenden Absatz. Dabei hasst
der ärmste den Verein…


Fussballbegeisterung im Goethe-Institut, morgens um 5 in Tokyo…

Das Wort des Tages: 熱心 (nesshin). Netsu (ness-) bedeutet Hitze, -shin ist das Herz. Bedeutet „Eifer“, „Enthusiasmus“.

Korea? Philippinen? Oder doch Hokkaidō?

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So lauten die Sorgen hier wenn es um die Urlaubsplanung geht. Zumindest für mich. Ist schon schön, wenn man im August mehr als eine Woche Urlaub hat. Allerdings ist es nicht schön, wenn viele Millionen Mitgefangene hier zur gleichen Zeit Urlaub haben. Denn im August ist obon, (wenn auch nicht offizielle) Feiertage. Viele Firmen machen dann Betriebsferien, denn bei der Hitze ist sowieso nicht gut arbeiten. Und da viele Firmen Urlaub machen, läuft das Geschäft sowieso schlechter. Wie auch während der Goldenen Woche greift das Prinzip von Angebot und Nachfrage: Ein Flugticket nach Deutschland zum Beispiel kostet im September ab ca. ¥ 70,000 (gute 500 Euro). Während der obon-Feiertage geht’s ab ¥ 150,000 los. Das gleiche gilt für alle anderen Reiseziele.

Auf dieses Spiel habe ich – zumindest in diesem Jahr – keine Lust. Obwohl wir erst nach Korea wollten, oder auf die Philippinen. Aber das wird in diesem Jahr aus besonderen Umständen nichts. Nun wird es wohl nach Hokkaidō gehen, aber darauf freue mich auch schon genug: Dort ist es etwas kühler und die Landschaft ist spektakulär.

Das Wort des Tages: 大自然 (daishizen). Natur. Vermisse ich hier arg. Und gibt es auf Hokkaido reichlich.

Und er hat es doch getan…

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Vor lauter WM-Trubel – obwohl Japan ja schon lange nicht mehr dabei ist – hat man doch glatt vergessen, dass irgendwo in Nordkorea noch eine vollgetankte Interkontinentalrakete herumsteht und nur darauf wartet, dass Kim Jong Il an der Lunte spielt. Und erwartungsgemäss – wer macht sich schon die Mühe, den Treibstoff wieder rauszulassen – zündelte er. Und so wurden letzte Nacht gleich mal sieben Raketen abgeschossen. Sechs kleine und die berüchtigte Taepodong.
Die flog auch Richtung Hokkaidō, stürzte aber wesentlich eher ab. Warum auch immer. Nun ist diese Aktion keine Überraschung und doch immer wieder verblüffend. Was wird damit bezweckt?

Mehr Hilfe aus dem Ausland, quasi ein Druckmittel? Schlichtes Säbelrassen – obwohl man weit mehr als
diverse andere Länder von einer Invasion entfernt ist – oder was? Mal sehen was ausser den üblichen
scharfen Protestnoten und dem Mit-dem-Finger-auf-den-Übeltäter-zeigen-und-laut-BUH!-rufen sonst noch passiert. Wahrscheinlich nichts.


Abschussstelle der Taepodong-Rakete am Berg Musudan-ri im Nordosten Nordkoreas (Google Earth)

Das Wort des Tages: 豪雨 (gōu). Starkregen. Die Regenzeit schlägt zurück – mancherorts momentan mit 100 mm pro Stunde. Und die ersten Taifune machen sich auf den Weg.

Geschichten aus der Murkelei: Grosses Oops! der Regierenden

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Hier mal eine Provinzposse aus der Präfektur Shiga (umfasst den Biwa-See, zwischen Kyōto und Nagoya). Dort war heute Gouverneurswahl. Der von den drei grossen Parteien, sprich den Liberalen, den Demokraten und der Kōmeitō (buddhistisch) unterstützte Kandidat hätte sich nach japanischen Regeln schon sehr anstrengen müssen, um nicht zu verlieren. Tat er aber wohl, denn ganz überraschend verlor er – und auch noch gegen eine Frau – ein Novum in der Geschichte der Präfektur Shiga.

Stolperstein war der geplante Neubau eines Shinkansen-Bahnhofs (vorläufiger Name: Minami-Biwako – Süd-Biwa-See). Der hätte irre viel Geld gekostet, ist wirtschaftlich unsinnig (die nächsten Shinkansen-Bahnhöfe sind nur 10 Minuten bzw. 15 Minuten respektive entfernt) und schlichtweg ein Beispiel für die Unsinnigkeit einiger öffentlicher Bauvorhaben. Fanden die Bewohner und wählten die Rädelsführerin des Aufstandes, Prof. Yukiko Kada, zur neuen Gouverneurin. So schnell kann es gehen. Ein relativ seltener, geschlossener Aufschrei ging da durchs Land.

Wort des Tages: もったいない mottainai – bedeutet so viel wie „unsinnig“, „zu Schade sein für“. Dies war das Schlagwort der Gegenbewegung. Das Geld und die Ressourcen sind einfach zu schade um sie auf solche Art zu verschludern.

Organ-o-Rounge: Was Japanisches auf die Ohren

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Gelegentlich muss auch etwas Kultur mal sein. Heute ging es zu einer Vorstellung von Organ-o-Rounge, einer japanischen Kombo, die ein durchaus interessantes Konzept bietet. Sie sind in Japan keineswegs berühmt, aber da wir eins der Bandmitglieder kennen, sind wir darauf gekommen. Organ-o-Rounge – das sind drei Musiker (Gesang / Klavier / Keyboard, Klangtechnik, Gitarre) und ein Videokünstler, die sich da gefunden haben. Zur minimalelektronischen, mitunter experimentellen Geräuschkulisse, oft kompakt und gelegentlich sphärisch dargeboten, gibt es eine sehr hohe, sentimentale Gesangsstimme – und – eine Videoinstallation von Herrn Matsumoto.
Die Videoinstallation benutzt selten reale, sondern eher surreale Bilder, wobei die Bildfolge so langsam ist, dass sich alles ruckhaft bewegt, beinahe schwimmt. Das löst schon mal Schwindelgefühle aus wenn es zu schnell geht. Aber die Zeichnungen sind sehr interessant und die Technik, die benutzt wird, auch. Die emakimono-Maschine (Bildrollen-Maschine) wird benutzt, um den Graphiken auf einer Leinwand das Laufen beizubringen.
Auf jeden Fall ist es sehr entspannende, und überraschende Musik. Eigentlich bin ich kein Fan von zu hohen Männerstimmen, aber die hat es mir angetan. Wunderschöne Musik zum Entspannen und Nachdenken. Haben wohl auch andere gemerkt – Organ-o-Rounge wurde jüngst eingeladen, bei der Pariser Modeschau die Hintergrundmusik für Agnes B zu gestalten; in Spanien traten sie auch auf.

Hörtipp: Futron.


Organ-O-Rounge bei einem Auftritt – im Hintergrund die Videoinstallation

Das Wort des Tages: 狂気 (kyōoki). Verrückt. Nicht die Musik, aber Teile der Installation und die plötzlichen Ausbrüche des Malers beim Konzert.

Nochmal die Startseite der Band: www.organ-o-rounge.org – man sieht auch Ausschnitte der Videos.

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