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Neujahr

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Das neue Jahr hat nun also begonnen – während man in Mitteleuropa noch Kaffee und Kuchen fröhnte, war es in Japan bereits Mitternacht und die Silvesternacht erreichte ihren japanischen Höhenpunkt: Man liess es bei doch beachtlicher Kälte in den Tempeln richtig krachen und haute ein paar Mal auf die Glocke. Dabei fiel mir erst vorhin ein Bloggerkollege auf, der da von der „Sylvesternacht“ sprach. Ich bin nicht sicher, ob die letzte Nacht des Jahres wirklich was mit Sylvester the pussycat zu tun hat. Wohl eher nicht, also bleibe ich lieber beim „i“.
Auf Vorschlag meiner Frau habe ich dieses Jahr mal das gemacht, was ich noch nie in Japan zu Silvester gemacht habe: Ich ging zu einer Silvesterparty – in Roppongi. Die war erstaunlich lahm und nicht weiter der Rede wert – nächstes Jahr werde ich es mit Sicherheit vorziehen, gegen Mitternacht zu Hause „年越しそば – otoshikoshi soba“ zu schlürfen (eine japanische Nudelvariante). Viele Japaner (oder mehr noch: Japanbesucher!?) ziehen es ja vor, um Mitternacht zu einem Tempel oder Schrein zu ziehen, doch da muss man wahrscheinlich Fan sein. Ich habe das ein Mal gemacht – es war voll, laut und kalt. Es war weder besinnlich noch eine Party, und persönlich dürstet mir entweder nach dem einen oder nach dem anderen, nicht aber nach dem „Gefühl-wie-werktags-am-frühen-Morgen-mit-der-U-Bahn-fahren – allerdings bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt“. Aber das ist Ansichtssache.
Der Vormittag und Mittag des 1. Januars war nach altbekanntem Schema schnell vorbei: Morgens mit Familie am Schrein beten (dauert 15 Sekunden), dann das Jahreshoroskop ziehen (dieses Jahr: 大吉 daikichi = grosses Glück, das beste, was es gibt, gezogen) und ab nach Hause zum おせち料理 (Osechi) essen – das ist eine Ansammlung vieler kleiner Leckereien, mit viel Geschick und Handwerkskunst angefertigt. Bohnen sind immer dabei, sowie Fisch, Rogen usw. Alle Bestandteile haben eine spezielle Bedeutung, die ich jedoch jedes Jahr aufs Neue vergesse. Dieses Jahr sah die Sache so aus:

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Dazu gibt es natürlich speziellen Sake und normalen Sake und was man sonst noch so trinken will. Normalerweise wird Osechi so vorbereitet, dass man über die Neujahrsfeiertage (1 bis 3. Januar) nichts zubereiten muss – sprich, es gibt dieses Essen drei Tage lang. Das halten aber mittlerweilen selbst viele Japaner nicht mehr aus. Osechi ist definitiv Geschmackssache – ich fand es anfangs gewöhnungsbedürftig, aber mittlerweilen habe ich mich damit angefreudet. Die überwiegenden Geschmacksrichtungen sind übrigens sauer und süss. Scharf und salzig vermisst man in der Regel.
Auf dem Weg zum Schrein fiel mir heute dieses Haus auf:

Allerlei Götzenbilder

Das muss ungefähr so abgelaufen sein: „Schatz, womit dekorieren wir das Haus zum Jahresende?“ – „Schau mal im Keller nach! Wenn es mindestens einen Meter lang und aus Plastik ist, stell es einfach vor die Tür!“. Auf dem Foto ist nur ein Bruchteil zu sehen – es war alles da: Shintoistische Schmuckelemente für Neujahr, dutzende Plastikweihnachtsmänner an Antennen und Trafokästen, Thomas the Tank Engine, der Michelin-Mann, die heiligen drei Könige auf einem gigantischen Plastikkamel usw. usf. Das ganze Anwesen war zudem mit Lichterkette behangen – nachts ist das Ganze bestimmt auch nicht ohne.
Zu guter letzt unsere wie immer selbst gefertigte 年賀状 (Neujahrskarte) für dieses Jahr – ich bitte um Verständnis dafür, dass ich keine hochauflösende Version ins Netz stelle. Wie in einem früheren Beitrag bereits erwähnt, ist 2010 das Jahr des Tigers:

Neujahrsgrüsse aus Japan

Das Wort des Tages: 寅年 (tora-doshi). Tora ist der Tiger (meistens 虎, doch bei den Tierkreiszeichen 寅 geschrieben), -doshi das Jahr. Tigerjahre sind 2010, 1998, 1986, 1974, 1962, 1950 usw.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

11 Kommentare

  1. Wow, du hast ja ein richtiges Portal vor deinem Haus. Ist sowas denn normal in Japan oder ist das nur speziell an eurem Haus? Sieht fast schon aus wie bei einem Palast.

    Auf der Neujahrskarte hast du aber ordentlich gegen deine Tochter verloren, die sieht in ihrem Outfit viel besser aus und sticht stärker hervor :P

  2. @Stefan

    Nee, das ist nicht mein Haus! Wäre das mein Haus, würde ich es niemals mit so viel Müll zustellen.
    Und in punkto Outfit – gegen meine Tochter verliere ich gern.

  3. Könnte mir vorstellen, dass in diesem Haus einige der wenigen Christen in Japan (1%) wohnen. Da ist Überkompensation angesagt, vielleicht in etwa vergleichbar mit den türkischen Moslems in Deutschland, die ihren Glauben strenger ausleben als Moslems in der Türkei, die weltoffener in Ihren Bräuchen (z.B. Kopftuch) sind.

  4. @tabibito: Scheiße, der PISA-Test entschuldigt mich. Wo ich eben nochmal hochgescrollt habe, fiel mir auch der Satz über dem Foto auf…

  5. Auch von meiner Seite aus alle guten Wünsche für dich und deine Familie für das neue Jahr. Vor allem die Kraft Job, Familie und Blog unter einen Hut zu bekommen, um auch weiterhin in deiner (geringen?!) Freizeit im Net präsent zu sein. Vielen Dank auch im Rückblick für die Energie, die schon in diesem Blog steckt.

  6. Sieht schon recht interessant aus, das Osechi. Aber drei Tage hintereinander? Ich glaube, da würde ich irgendwann streiken. ;)

    An dieser Stelle möchte ich mich einfach mal bedanken für ein (weiteres) Jahr voller interessanter Berichte aus Japan, und schliesse mich Günters Wünschen an.

    Frohes neues Jahr!

  7. haben die das Michelin-Männchen vielleicht für einen Weihnachtsmann gehalten? Irgendwie hätte ich das wirklich gerne mal gesehen^^

    Übrigens stammt die Silvester-Schreibweise mit i vom Papst Silvester I., der zufällig am 31ten Dezember gestorben ist.

    Frohes neues Jahr :-)

  8. Frohes Neues Jahr :)
    Als überzeugter Silvester-Hasser bevorzuge ich die japanische Art des Silvesterfeierns (zuhause mit leckerem Essen und viel Chu-hi).

    Grüße, tokyovisitor

    PS. Schicke Neujahrskarte :)

  9. Was soll ich sagen, zu Weihnachten gibts bei uns auch drei Tage lang Geflügel. Ich reg mich da nicht auf. Schmeckt lecker.

    Euer Osechi sieht aber auch nicht schlecht aus. Hab zwar gerade Abendbrot gegessen, aber ich glaube ein wenig Platz für Fisch oder sowas findet sich noch.

    Natürlich dir auch ein entsprechend dem Horoskop verlaufendes Jahr und viel Spass mit der Familie. Ich freue mich auf interessante und anregende Beiträge. Vielleicht fällt mir mal wieder ein Top-Thema ein, über welches man köstlich Diskutieren kann.

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