BlogMit Japanisch spielen

Mit Japanisch spielen

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Ein bisschen beneide ich ja die „heutige Generation“ wenn es um das Japanischlernen geht. Als ich 1996 anfing, Japanisch zu lernen, hatten wir lediglich die englische Ausgabe eines Japanischlehrbuches, herausgegeben von der Universität Nagoya. In Lektion 3 glaube ich tauchte dort ein 6-Schriftzeichen-Wortungetüm auf, welches da übersetzt etwas wie Krankenstation hiess. „Du liebe Güte, bis man das ausgeschrieben hat, ist man ja schon tot!“ dachte ich damals. Als ich das Wort dann mal Monate später in Japan anbrachte, schaute man mich reichlich schräg an. Was soll das denn? Zu Krankenstation bzw. Krankenhaus sagt man nur „病院 – byōin“ – nach einer kurzen Recherche stellte sich heraus, das jenes Wortungetüm nur an besagter Universität als Synonym für Krankenstation herhielt – das allgemein übliche, eigentlich doch recht wichtige Wort für Krankenhaus tauchte im ganzen Buch nicht auf.
Zu jener Zeit war es auch recht schwierig, an bezahlbare, gute Wörterbücher zu bekommen – oder an Sachen, die richtig Spass beim Lernen aufkommen lassen. Heute wird man dank Globalisierung, Internet und Japanisch-Boom regelrecht von Chancen erschlagen. Dazu zählt zum Beispiel das seit 2003 regelmässig frühmorgens und nachmittags im japanischen Fernsehen ausgestrahlte Programm „にほんごであそぼ“ – „Lass uns mit Japanisch spielen!“. Die Sendung ist nur 10 Minuten lang, die Zielgruppe 4 bis 10 Jahre alt. Und eins muss man sagen: Die Sendung ist mit viel Bedacht und Liebe gemacht. Beispiel: Das folgende Lied, in dem 一より小さい数 – „Zahlen kleiner als 1“ geübt werden:

Sinn der Übung ist es, Wörter für sehr kleine Mengen zu lernen – wie 刹那 (setsuna – Augenblick) zum Beispiel, oder 塵埃 (jin’ai- Staub) usw. Nicht, dass das Wörter für 4-jährige Kinder sind, aber in der Schule später wird das sehr nützlich. Und es macht halt Spass, zuzusehen.
Das schöne an der Sendung ist auch der Bezug auf ältere Theaterformen in Japan – 狂言 Kyōgen (wörtlich: „verrückte Worte“) zum Beispiel oder 落語 Rakugo (wörtlich: gefallene Worte) – beides volkstümliche, komische (nicht im Sinne von „seltsam“) Theaterform. Ein Klassiker darunter ist 寿限無 – „Jugemu“:

(Hintergrund: ein Vater fragt einen Priester um Rat, wie er sein Kind nennen soll: Der Priester erzählt dies und das, nennt einige Beispiele, erwägt pro und contra und so weiter. Letztendlich kann sich der Vater nicht entschliessen, findet alles gut und nennt sein Kind einfach

寿限無、寿限無				Jugemu-jugemu
五劫の擦り切れ				Gokōnosurikire
海砂利水魚の				Kaijarisuigyo-no Suigyōmatsu
水行末 雲来末 風来末			Unraimatsu Fūraimatsu
食う寝る処に住む処				Kūnerutokoroni-sumutokoro
やぶら小路の藪柑子				Yaburakōjino-burakōji
パイポパイポ パイポのシューリンガン		Paipopaipo-paiponoshūringan
シューリンガンのグーリンダイ			Shūringanno-gūrindai
グーリンダイのポンポコピーのポンポコナーの	Gūrindaino-ponpokopīno-ponpokonāno
長久命の長助				Chōkyūmeino-chōsuke

Das wird dem Kind irgendwann beinahe zum Verhängnis, als es im See zu ertrinken droht und keiner den Namen richtig aussprechen kann…)
Fast alle japanischen Kinder können dieser Tage diesen kompletten Namen irgendwann auswendig (und vergessen ihn später wieder – meine 3-jährige Tochter macht da keine Ausnahme).
Wer Interesse an Japanisch und der Sendung hat – es gibt mehr Videos bei YouTube und anderswo, und in Japan auch die CD’s zur Sendung (mit Booklet, versteht sich). So macht doch Lernen richtig Spass…
Das Wort des Tages: siehe oben – 寿限無 Jugemu. Wörtlich: Grenzenloses Glück.

tabibito
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

16 Kommentare

  1. Ja das Problem mit den japanisch Buechern kenne ich. Als mein Interesse 1986-87 geweckt wurde habe ich den Langenscheid Reisebegleiter in der Buchhandlung im Ort bestellen muessen und 4Wochen(!) spaeter erhalten. Alle anderen „erhaeltlichen“ Buecher waren dann in Preisklassen weit ueber 100 Mark (oft eher 200).
    Als Lehrling reinstes „Unobtainium“, die staedt.Buecherei hatte eh nix und Mo.-Fr. von 10-15 Uhr geoffnet.
    Fernleihe… guter Witz, doch nicht solche teuren Buecher.

    Das waren auch die Zeiten wo Kopien bis zu 1Mark pro Seite kosteten!

    Heutige Kiddies (

  2. da fehlt Text!
    offensichtlich stolperte er ueber das „kleiner als“ Zeichen.
    also:
    Heutige Kiddies (juenger als 35J. ;) ) koennen sich das garnicht vorstellen wie das ohne Internet,G00gle und Wikipedia ist, wo man jederzeit (noch so falsche) Informationen in sekundenschnelle erhaelt.

  3. Ja, nur dauerte es damals Wochen um an falsche (oder zensurierte) Informationen zu kommen ;)
    Damals gab’s ja noch den Index der verboteten Spiele, und das bei der verpixelten Grafik – oh den Index gibt’s ja heute noch…
    Und Telefongespräche ins Nachbarland kosteten ~2 Mark, nach USA ~8 Mark – die Minute! Frage mich heute noch wie gewisse Leute stunden- und tagelang mit dem Akustikkoppler in BBS und Mailboxen telefonieren konnten. Natürlich nur mit staatlich lizenzierten überteuerten Modems, Modems anderer Hersteller sowie Datenklos waren ILLEGAL.

    Zurück zum Thema, wie wär’s passend zu Jugemu mit ein paar 早口言葉 (hayakuchikotoba), auf Deutsch Zungenbrecher? Oder lieber gleich einen ganzen Artikel darüber :)

  4. Komm Leute „Minna no Nihongo“ ist um tausend laengen besser als das „hier“ oft als Folterinstrument gewählte „Japanese for Busy People“ wo ich zum ersten mal das Wort „Wordpro“ sah für diese Spezialschreibmaschinen die es vor hundert gefühlten Jahren in Japan gab.

    Besonders der reale Lebensbezug ist bei einem Lehrbuch wichtig finde ich.
    Also kann ich das im Buch verwendete im Alltag auch nutzen.

    Da sind die ach so beliebten „Manga Lehrbücher“ dann ein Garant für höflich „Haeee wo kommst du denn her“ Blicke von Japanern.

    Naja wer würde auch Deutsch per lustige Taschenbücher lernen empfehlen?

  5. Ehhh Der Titel ist korrekt „Bitte auf Japanisch!“ und das sage ich nicht nur weil ich sowohl die Autorin als auch der Co-Korrektorin pers. kenne ;)

    Was wuerdest du denn sagen?
    „日本では、してください“?

    Gerade Japanologen lernen oft seeeehr komisches Japanisch.
    (Ich habe erlebt wie einer im Starbucks es schaffte, beim Kaffee bestellen sich einen abzubrechen, war ne nette Showeinlage fuer den Laden in Osaka Temmabashi! ;) )
    Ist wie mit dem Oxford Englisch von der Schule wo man in London auch ausgelacht wird und in den USA man dann ganz auf Grund laeuft. ;)

  6. @ Michael: Es geht mir nicht um die Formulierung. Korrigiere mich, wenn ich falsch liege, aber heißt das Wort nicht どうぞ, in romaji douzo oder von mir aus auch doozo, oder ist das eine Art von Umschrift, die ich nicht kenne?

    (Und ich als kleine Fachidiotin/Japanologin würde „日本では、してください“ sicher nicht sagen. Wenn schon, dann 日本語でお願いします、falls es in den Kontext passt.)

  7. @Julia

    Ah, da musst Du Michael (und mir – wegen Hintergedanken) – verzeihen). Ich habe das „s“ in „dooso“ auch übersehen. Da sowohl Michael als auch ich zu lange hier sind, kōnnen wir das Buch auch nicht kennen.
    Es scheint sich dabei um ein Buch für den deutschen Markt zu handeln, weshalb die Hepburn-Umschrift quasi teutonisiert wurde: Liesst man den Titel auf Deutsch, ohne Hepburn zu kennen, ist er also richtig. Diesen Ansatz (Hepburn zu ignorieren und stattdessen die Umschrift ans Deutsche anzupassen) gibt es auch anderswo (Beispiel: Pons‘ kleiner Sprachführer, wenn ich mich recht erinnere).

    Über diese Herangehensweise kann man streiten – einerseits kann man sagen, es wäre hilfreicher für zukünftige Japanbesucher, Hepburn zu benutzen, da das meiste in Japan mit Hepburn geschrieben wird. Andererseits kann man den Ruf nach Hepburn auch gern als arrogant seitens der Japanischkenner ansehen… würde ich so ein Buch für den deutschen Markt entwickeln, würde ich aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Hepburn wählen.

  8. Ach so. Ich hab echt zwischen verunsichert („so schlecht ist doch mein Japanisch nicht?“) und stinksauer („was unterstellt der mir eigentlich?!“) geschwankt.
    Für mich sieht das „dooso“ einfach doof aus, vor allem wenn ich die Hiragana vor Augen hab und dran denke, dass „dooso“ ja dann どおそ oder eher どうそ geschrieben werden müsste. Klar, nach deutscher Aussprache habt ihr Recht, aber ob es sinnvoll ist, eine „falsche“ bzw. in Japan (und auch anderswo) kaum gebräuchliche Umschrift zu lehren? Ich meine, viele lernen doch Japanisch, um in Urlaub klarzukommen?

  9. @Julia, Tabibito
    Ahhh soo, ok.
    Ich weiss das dieses Buch eine „teutonisierte“ und stark überarbeitete(verbesserte!) Version von „Japanese for busy people“ (IIRC)

    Ich bin garkein Fan der Hepburn Umschrift da sie doch eher fuer den texanischen Bauern mit den 2 heissen Kartoffeln im Mund ausgelegt ist.
    Anders gesagt, Deutsche können eben Narita sagen, ohne das Japaner Ohrenbluten bekommen. ;)

    Es gibt dank Hepburn echt so ein paar Fallen im Japanisch lernen für Deutsche.
    Da aber viele Bücher immer noch in Englisch sind, oder auf sie basieren, muss man als Deutscher eben oft erst Hepburn lernen bevor man Japanisch lernen kann.
    (Meine Mutter würde sagen „Von hinten durch die Brust ins Auge!“)

    Kurz, ich bin für teutonisierte Bücher speziell für Anfänger bis die Kana und die ersten Kanji sitzen, und schon hat sich Hepburn erledigt. :)

    Und Deutsche hören schlagartig auf sich wie verkappte Amis beim Japanisch sprechen anzuhören *eg*

  10. Ich fand da den Ansatz des Institues, wo ich damals einen Japanisch-Kurs gemacht habe, recht interessant:

    Es wurde vorausgesetzt, dass man zu Kursbeginn die Kana lesen und schreiben kann. Entsprechendes Lehrmaterial wurde einem 6 Wochen vor Kursbeginn zugeschickt.

    Dementsprechend waren auch sämtliche japanischen Texte im Lehrbuch dann in Kana und Kanji(+Furigana) geschrieben.

    Wozu Hepburn, wenn mans gleich richtig schreibt? :P

  11. Wir mussten auch zuerst die Kana (zumindest Hiragana) lernen. Denn „teutonisierte“ Umschrift schön und gut, aber wie will man denn bitteschön らりるれろ (und ふ) in Romaji so wiedergeben, dass sofort die Aussprache klar ist?

  12. RlA
    RlI
    RlU
    RlE
    RlO
    und
    FhU

    Mit dem klassischen
    ra ri ru re ro und fu
    Deutsch (Nord-NRW) ausgesprochen gab es haeufiger iritierte Blicke….

    PS
    Ich lebe in Kansai das mag in Kanto anders sein.

    Aber gerade Amis verzweifeln an den 6 Kana.
    Ich sag eben nur Narita

    Wie gesagt meine Meinung.

  13. Also
    RlA
    RlI
    RlU
    RlE
    RlO
    und
    FhU
    find ich absolut nicht „teutonensicher“. Wer davon keine Ahnung hat, würde das doch einfach so aussprechen, wie es da steht.
    Und wenn man ra ri ru re ro deutsch ausspricht, gibt es natürlich irritierte Blicke. Auch mir bluten die Ohren, wenn manche meiner Kommilitonen jetzt noch sagen, „wakaRimasen“, „shiRimasen“ oder so was. (Ja, ein deutscher Akzent klingt nicht wesentlich weniger schlimm als ein amerikanischer, auch wenn wir uns das gern einbilden.)

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