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Mikrokosmos Taxi

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Mikrokosmos Taxi
So viel wie heute bin ich selten mit dem Taxi gefahren. Die Entscheidung, ein Taxi zu nehmen, fällt aber auch nicht schwer wenn man zu viert mit viel Gepäck und wenig Zeit herumtourt. Und so ging es heute kreuz und quer durch Kyōto und später durch Chiba. Taxifahrer können überall durchaus interessant sein – ein anonymes 5- bis 50 Minuten-Gespräch zwischen Leuten, die sich wahrscheinlich nie wiedersehen werden.
Taxifahrer #1 sprach breiten Kansai-Dialekt (Gegend um Osaka) und war sehr offen: Er mag den Job, den macht er seit drei Jahren, eigentlich nicht. Viel Stress, vor allem abends, 14 Stunden pro Tag durchschnittlich. Er wäre lieber sarariiman, also jemand, der alltäglich ins Büro fährt. Naja, was den Stress und die Arbeitszeit anbelangt, konnte ich ihm nicht unbedingt rechtgeben. Aber er machte seinen Job gut: Fuhr unglaubliche Abkürzungen, war sehr schnell und sehr unterhaltsam. Hätte ihm gern Trinkgeld gegeben, aber das geht ja in Japan nicht.
Taxifahrer #2 sprach Kyōto-Dialekt. Schönes Japanisch, aber leider nuschelte er sehr stark. Selbst meine Frau verstand oft nicht, was er sagte. Er fragte, wie weit es nach Deutschland mit dem Flugzeug sei. 12 Stunden im Flugzeug!? Nein, das geht einfach nicht. No way. Nun ja, notwendiger Smalltalk, halbherzig durchgezogen. Aber alles in allem recht nett. Und sehr alt.
Taxifahrer #3 sprach eigentlich gar nicht. Nach Gion, sagte ich. Zum Ichiriki-Teehaus. Seine Antwort war nur ein Grunzen. Wie jetzt? „Kennen Sie das Ichiriki!?“ fragte ich sicherheitshalber. Danach grunzte er ein einziges „OK“. Irgendwie müssen wir ihn wohl gestört haben.
Taxifahrer #4 fuhr uns vom Bahnhof nach Hause. Und das nicht zum ersten Mal. Sieht aus wie ein Klavierlehrer. „Darf ich mir die Frage erlauben wo sie herkommen?“ fragte er mich. Deutschland. „Oh, ist ja bald Fussball-WM!“. Und so ging es los. Oliver Kahn. Wie, nicht mehr Nummer 1??? Jedenfalls kannte er sich aus. Erwähnte aber, dass er eher Baseball mag. Und selbst auch spiele – in der „Taxiliga“. Nein, Baseball ist in Deutschland schlichtweg nicht bedeutsam. „Aber in Deutschland soll es auch Zubehör geben“ sagte er. „Aber nur die Schläger“ antwortete ich. Er war verwirrt. „Wird von Jugendlichen benutzt, um jemanden zusammenzuschlagen“ erklärte ich. Und fügte hinzu „Deshalb gibt’s die Schläger, aber keine Bälle und keine Fanghandschuhe.“ Das fand er furchtbar witzig. Ich nur bedingt.

‚Falsche‘ Maiko (Nachfolgerin der berühmten Geishas) in Kyoto. Jede Japanerin kann für ein paar 10,000 Yen dieses Erlebnis haben. Klingt vielleicht gemein, aber diese Frau eignet sich nicht als Maiko… Aufgenommen heute in Kyoto.
Das Wort des Tages: 運転手 (untenshu). Der Fahrer. Auch für Taxifahrer.

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tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

3 Kommentare

  1. Hi,
    was mich sehr neugierig macht wieso man Taxifahrern in Japan kein trinkgeld geben Darf? Hoffe du beantwortets mir die Frage

  2. Japan ist ja im allgemeinen eine trinkgeldlose Gesellschaft – weder im Restaurant noch beim Friseur oder im Taxi wird Trinkgeld gegeben.

    Der Hintergrund wird wohl ein logischer sein: Man geht ebend davon aus, dass man für die Ware bzw. Dienstleistung angemessen (also den erhobenen Preis) bezahlt hat und damit fertig.

    Die Frage sollte deshalb eher lauten: Warum gibt es in westlichen Ländern eigentlich Trinkgeld? Und wie lauten die Regeln? Warum kein Trinkgeld beim Gemüsehändler, auch wenn er noch so freundlich ist, jedoch dann im Taxi? Und wie viel? Und wann? Usw…

  3. Ich lese mir grade deinen Blog von Anfang an durch und bin bis jetzt sehr begeistert. Es macht Spaß und gibt einen wunderbar erfrischenden Eindruck von Land und Leute.

    Eine Sache, die mir an dieser Stelle aufgefallen ist: Ich dachte immer, eine Maiko sei eine Geiko (soviel ich gelesen hab der in Kyoto gängige Ausdruck für Geisha)in Ausbildung? Und die gäbe es wohl auch nur in der Gegend um Kyoto, anderswo sind es einfach Geishas in Ausbildung :)
    Man korrigiere mich, wenn ich falsch liege

    Grüße Franzi

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