BlogIse, Hashimoto, Kōyasan & Wakayama - Teil 2

Ise, Hashimoto, Kōyasan & Wakayama – Teil 2

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Hier wie angekündigt der Reise zweiter Teil – der erste Teil befindet sich hier.
Langsam und an jedem kleinen Bahnhof haltend ging es mit der Bummelbahn also Richtung Hashimoto. Von Takada aus gesehen liegt jenes hinter einem ziemlich hohen Bergmassiv, in dem es ganz offensichtlich gerade schneite. Irgendwann stieg ein grosses Rudel Mittelstufenschüler ein, so dass der Rest der Fahrt komplett von Gebrüll und Gelächter geprägt war. Japanische Schüler haben zwei Haupteigenschaften: Sie treten grundsätzlich in Rudeln auf, meistens sehr dicht gedrängt, wie grosse, dunkle Flusen, und sie sind grundsätzlich sehr, sehr laut – die Tatsache, dass sie immer dicht gedrängt sind, hat ganz offensichtlich keinen Einfluss auf die Hinfälligkeit lautstarker Unterhaltung. Dezibelmessungen aus dem Zentrum solcher Flusen liegen mir leider nicht vor, aber die Werte sind auf jeden Fall dreistellig.
In Hashimoto angekommen, fing es an, kräftig zu … Ja, was eigentlich? Schneien? Regnen? Es war nicht ganz eindeutig, aber was immer da fiel, es machte die ohnehin sehr trostlose Stadt nicht gerade attraktiver. Meine Übernachtung lag jedoch zum Glück nicht in Hashimoto, sondern in dem oben erwähnten Haufen Berge, knapp 10 Minuten mit der Bahn entfernt. Um ebensoviele Minuten hatte ich leider den Anschlusszug verpasst, also lief ich noch eine knappe Stunde im Irgendwas-vom-Himmel-Fallenden durch die Einöde.
Im Bummelzug ging es dann endlich weiter in die Berge, zum Kimi-Pass. Die Übernachtung, eine der staatlichen, grossen Herbergen mit heisser Quelle, stand unübersehbar als Betonburg über dem Örtchen. Check-in ging schnell, Sachen abgelegt und Rezeptionsfrau nach Sehenswertem in der Umgebung gelöchert – das Wetter war hier gottseidank besser und ich hatte noch zwei Stunden Zeit bis es dunkel werden sollte. Sie gab mir eine Karte und sagte, hier und dort sei es schön, kleiner Park in den Bergen, gute 45 Minuten Fussweg. Also lief ich in die Berge, und lief und lief. Nach ca. 20 Minuten kam ich an einem unbewohnten Haus vorbei. Es ging die ganze Zeit bergauf, aber weder Park noch Schilder in Sicht. Irgendwann lag plötzlich überall Schnee – ich war nun eine Stunde unterwegs, es war sehr ruhig, und sehr kalt. Endlich ein Schild – Eingang zum Aufstieg zum Berg soundso. Ganz offensichtlich war ich wohl zu weit gelaufen. Also ging ich wieder zurück, und nahm unterwegs nochmal das Haus in Augenschein: Der winzige Park lag gut versteckt hinter dem Haus. Toll. Danach musste ich mich sputen, rechtzeitig vor vollkommener Dunkelheit vom Berg zu sein. Ein nachträglicher Blick auf eine genauere Karte sagte mir dann, dass ich in der Stunde Hinweg gute 400 Höhenmeter hinter mir hatte. Ah, daher der viele Schnee! Da macht ein heisses Bad im Onsen gleich noch viel mehr Spass. Und das Bier danach sowieso.

Am nächsten Morgen ging es noch kurz vor Sonnenaufgang los. Mit dem Zug ging es wieder Richtung Hashimoto und weiter nach Gokurakubashi. Das interessante daran: Der Zug kam aus Ōsaka und war eine ganz normale Stadtbahn – die quält sich dann allerdings hinter Hashimoto die Berge hinauf, an tiefen Schluchten vorbei. Im Zug sass so ziemlich niemand ausser mir – es war Wochentag. Von Gokurakubashi ging es schliesslich mit der Standseilbahn bis auf knapp 1’000 m Höhe: Kōyasan heißt der Art – eine Art buddhistische Fernost-Ausgabe der Klosterrepublik Athos, nur das in Kōyasan seit Mitte des 19. Jhd. auch Frauen Zutritt haben. Kōyasan ist ein Dorf mit weit über 100 Tempeln, und zu dieser Jahreszeit mit jeder Menge Schnee – logischerweise ist es hier wesentlich kälter als im tieferen Umland, und die ganze Region ist sowieso für sehr ergiebige Niederschläge berühmt. Erstmal sollte es zum Oku-no-in gehen, einem riesigen Gräberfeld. Wer mehr darüber lesen möchte – meine Seite nur über die Anlagen von Kōyasan ist noch ganz frisch. Es lohnt sich jedenfalls, auch wenn man nach etlichen Stunden freilich auch mal was anderes sehen möchte. Diese geballte Ladung von Tempeln – und kein bisschen gestreute Strassen und Pfade – ist schon enorm. Es waren wenige Besucher unterwegs – so wenige, dass man sich gar nicht erst die Mühe machte, die Besucher an den einzelnen Stationen abzukassieren: Überall war Eintritt frei, und fast alle Souvenirläden waren zu. Wenn ich mich recht erinnere, waren eigentlich wirklich alle Läden zu. Trotz alledem hörte ich in einem Tempel plötzlich hinter mir Deutsch – schau an. Wenn ich in Tokyo schon keine Deutschen mehr treffe, dann eben hier, hinter den sieben Bergen.
Am frühen Nachmittag beschloss ich, genug von den Tempeln und dem nun zum Matsch gewordenen Schnee zu haben. Kōyasan ist dafür bekannt, dass man in den Tempeln übernachten kann: Das beginnt so bei ca. 100 Euro pro Nacht, und zum Essen gibt es nur Tōfu, da Fleisch, aber auch Knoblauch, Zwiebeln usw. – verboten sind. Als ob das noch nicht reicht, ist es in einigen Tempeln sogar Pflicht, morgens um 6 oder so am Frühgebet teilzunehmen. Sowas kann man wahrscheinlich auch nur in Japan erleben: Ordentlich Geld zahlen, um angeblich sehr authentisch im Tempel zu übernachten. Das ersparte ich mir dieses Mal – ich hatte ja bereits im März das Vergnügen, in einem Tempel tief in Shikoku zu übernachten – das war mehr als authentisch, da der Priester gleichzeitig der Onkel meiner Frau ist.
Zurück ging es also wieder – mit dem Bus zur Standseilbahn, mit der Standseilbahn bis zum Bahnhof und mit der Bummelbahn ins Getümmel von Hashimoto. Natürlich hatte ich wieder gerade so den Anschlusszug – dieses Mal nach Wakayama – verpasst. Also hiess es wieder herumlaufen. Schon am Vortag fiel mir dabei die Touristeninformation am grauen Bahnhofsvorplatz auf. Heuer war sie sogar geöffnet. Also ging ich hinein, und schon begrüsste mich eine sehr junge Frau in breitestem, amerikanischen Englisch. Ich war völlig überrascht – und vor lauter Überraschung tat ich etwas, was ich privat nicht allzu oft in Japan tue: Ich antwortete auf Englisch und blieb beim Englischen. Normalerweise gebe ich irgendwann auf und schwenke zu Japanisch – und zwar dann, wenn sich die Floskeln meines Gegenübers erschöpft haben. Sie war anders – sie sprach wirklich gut. Also fragte ich sie umgehend:
I’ve got some time to kill – is there anything to see in this town?
Die Antwort war ernüchternd:
Not really, no. Maybe… well, there’s an old house right over there, it’s kind of interesting. But that’s about it.
Aha. Ein altes Haus. Also, hier kommt es: Die Hauptattraktion, der Stolz der Stadt:
An irgend etwas muss die Stadt aber doch verdienen – ansonsten hätte sie wohl kaum eine Touristeninformation eingerichtet. Zumindest ist die Stadt bekannt für Kaki – behauptet sie jedenfalls selbst von sich. Mehr Infos, wenn auch vergleichsweise wenige, zu Hashimoto gibt es ansonsten hier.
Endlich fuhr er dann doch – mein Zug. Bis an die Küste, nach Wakayama, sollte es gehen. Wakayama ist die Präfekturhauptstadt der gleichnamigen Präfektur und sieht rund um den Bahnhof aus wie so ziemlich jede Präfekturhauptstadt: Der Hauptbahnhof ist gleichzeitig grosses Einkaufszentrum, und rund um den Bahnhof herum stehen diverse Business-Hotels. So auch mein Hotel. Bis zur Dunkelheit hatte ich leider nur wenig Zeit, aber für einen kurzen Spaziergang reichte es. Am Abend recherchierte ich etwas nach einem interessanten Restaurant oder einer interessanten Bar. Durch Zufall stiess ich dabei auf eine Gaststätte mit dem klangvollen Namen Kartoffel. Der Besitzer lebte wohl jahrelang in Deutschland und beschloss, bei sich zu Hause deutsch-japanische, fusionierte Gerichte anzubieten. Deutsch essen war ich in Japan bisher vielleicht zwei, drei Mal (in ca. sieben Jahren) – und jedes Mal konnte ich es getrost als Reinfall verbuchen. Trotzdem reizte es mich, denn laut Kritiken war das Restaurant ganz gut. Ach, ich weiss gar nicht, welches Wort ich hier eigentlich benutzen soll – bei dem Begriff „Restaurant“ assoziieren die meisten bestimmt etwas feines, teures. Gemeint ist eine japanische Izakaya – eine Kneipe, in der man auch gut essen kann.
Gesagt, getan: „Kartoffel“ hatte einen Vor- und einen Nachteil. Der Vorteil: Kartoffel lag unweit des Hotels, und es war so kurz vor Neujahr auch offen. Der Nachteil: Es war kurz vor Neujahr, und Hinz und Kunz bzw. Yamada und Suzuki hielten ihre 忘年会 (bōnenkai – Jahresendparties) ab. Also wurde ich am Eingang gleich abgebürstet: Tut uns leid, ausgebucht heute. Ich erblickte trotzdem den Counter innen und sagte „Ich habe nichts dagegen, am Counter zu sitzen“ (in manchen Orten traut man sich in Japan nicht, fremden Gästen dort einen Platz „zuzumuten“). Aber selbst da war ausgebucht. Schade eigentlich. Den Satz „せっかくドイツから来たのに“ (Dabei bin ich extra aus Deutschland hierhergekommen) habe ich mir an dieser Stelle erstaunlicherweise verkniffen – der Spass wäre es aber bestimmt wert gewesen. Aufruf also an die Leser: Wenn Ihr mal in Wakayama seid, schert Euch gefälligst zur Kartoffel und berichtet hernach!
Nachts ging es schliesslich noch zur Burg von Wakayama – denn man hat die angenehme Eigenschaft in Japan, Burgen nachts anzustrahlen. Und trotz Sturm und Eiseskälte sollte es sich lohnen: Schliesslich steht die Burg (wenn auch nicht mehr im Originalzustand) wie fast immer auf einem Hügel in einem Park inmitten der Stadt – und nachts, gerade im Winter, ist man dort freilich ganz allein.
So, mehr gibt es bei Bedarf später – es geht schliesslich weiter, nach Hikone und Takayama!

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

5 Kommentare

  1. Ich lese wirklich gern in deinem Blog und warte schon wieder auf deinen nächsten Eintrag! :)
    Irgendwann schaffe ich es auch noch nach Japan…Irgendwann.

    Viele Grüße aus Deutschland ;)
    By the way, woher aus Deutschland stammst du eigentlich?

    Gunnar

  2. Hallo Tabibito

    Ok, da ich April/Mai wieder in Wakayama bin werden meine Frau und Ich in die „Kartoffel“ gehen.
    Wir werden dann mal berichten wie es war.
    (Ich hoffe wir vergessen es nicht)

  3. Deine Seite über die Anlagen des Kōyasan ist echt gut. Ein Tag reicht dort definitiv nicht aus. Zumindest nicht für diejenigen, die sich für alte Bauwerke, Tempel oder den Buddhismus interessieren.

    Das mit den nicht vorhanden Hotels ist mir vor zwei Jahren, als ich dort war auch aufgefallen ;-)

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