BlogFukushima - Stümperei Teil 4721

Fukushima – Stümperei Teil 4721

-

Man sollte meinen, dass die Menschen aus Schaden klug werden. Und Firmen mit ihren zahlreichen Stakeholdern sowieso. Dem ist leider nicht so, wie TEPCO beinahe täglich aufs Neue beweist. Heute ist bekannt geworden, dass am 19. Februar rund 100 Tonnen hoch radioaktiv verseuchtes Wasser in die Umwelt ausgetreten ist. Das ist, so traurig es ist, allein keine Nachricht mehr wert, denn das notdürftig zusammengezimmerte Gebilde vor Ort leckt an allen Ecken und Enden. Der Unfallhergang jedoch zeigt aufs Neue, was dort vor Ort passiert – beziehungsweise nicht passiert.
TEPCO hat am explodierten Kraftwerk ja hunderte große Wassertanks aufgestellt, die das zum Kühlen der teils freiliegenden Brennstäben benutzte Wasser speichern sollen, bis… ja bis wann eigentlich. Die Behälter haben immerhin Melder installiert, die anspringen, wenn das Fass voll ist. So auch am 19. Februar: Der Sensor meldete sich geräuschvoll, und der TEPCO-Mitarbeiter des Vertrauens lief zum Tank und schaute nach, ob etwas ausläuft. Lief aber nicht, denn der Tank war zu dem Zeitpunkt „nur“ zu 98,9% voll¹. Also ging der Mitarbeiter von einem Fehlalarm aus und trollte sich. Kurze Zeit später begann der Tank überzulaufen, und das merkte man erst viele Stunden später. Dem Unfall ging ein weiterer voraus: Normalerweise befüllen drei Leitungen einen Tank, wobei ein Ventil geschlossen sein soll. Durch menschliches Versagen waren in diesem Fall jedoch alle drei Ventile geöffnet.
Das ganze wirft mal wieder die üblichen Fragen auf, die man nun schon seit fast drei Jahren täglich stellen möchte:

  1. Wer arbeitet da eigentlich? Offensichtlich jedenfalls keine qualifizierten Mitarbeiter.
  2. Wer überwacht, was dort vonstatten geht? Offensichtlich fehlt es an Krisenmanagement.
  3. Begreifen die Verantwortlichen eigentlich den Ernst der Lage?
  4. Fühlt sich überhaupt jemand verantwortlich?
  5. Wieso denkt man, dass es eine gute Idee sein, Sensoren zu benutzen, die sich erst melden, wenn es zu spät ist?
  6. Was wäre passiert, wenn es geregnet hätte? Wie hätte man überprüft, ob der Tank überläuft?

und so weiter. Alles Fragen, die dem menschlichen Verstand eigentlich widersprechen. Es ist noch immer schwer begreifbar, was dort eigentlich geschieht. Das ist kein Grund, in Panik zu verfallen – aber es ist ein Grund, sich noch immer Sorgen zu machen. Fast drei Jahre – und man ist weit, sehr weit davon entfernt, dass Problem halbwegs im Griff zu haben.
¹Siehe unter anderem hier

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

13 Kommentare

  1. 8. Wann begreift das Volk, dass es
    a) vll doch nicht immer wieder die gleichen Industrie-Stuemper in die Regierung waehlt und
    b) in einer Demokratie durchaus noch andere Mittel als Shouganai und Abwarten gibt?

  2. Hallo Tabibito!
    Wird in Japan eigentlich über die Bergung der x-tausend Brenstäbe aus dem einen Abklingbecken berichtet? Läuft das ohne Probleme?
    Diese Bergung ist ja letztes Jahr angelaufen, und es wurde hier in Deutschland immer wieder betont, wie risikoreich das ist. Aber seitdem hat man nix mehr darüber gehört…
    Wäre interessant, wenn Du ein Update dazu hättest.
    Viele Grüsse und mach weiter so!
    Ich lese hier immer mit grossem Interesse.

    • Nun, als das ganze begann, wurde das auch mit grossem Trara in den Medien berichtet. Und man wies auch darauf hin, dass die Bergung durchaus gefährlich ist (allerdings wurde das eher sachlich-nüchtern, man kann auch sagen beschwichtigend abgehandelt). Seitdem hört man nicht viel – nur dann, wenn es eben zu Zwischenfällen kommt. Neulich zum Beispiel, als man einen enormen Anstieg der Radioaktivität am Beckenrand feststellte.
      Der Prozess wird sich ja über lange Zeit hinziehen, und Medien haben nur wenig Geduld, wenn nichts Aufregendes passiert. Von daher hoffe ich mal, dass im Laufe der Bergung nicht allzu viel Aufregendes passiert…

  3. Nanu, greift denn das neue Geheimhaltungsgesetz noch nicht? Mit so einer Information könnten doch Terroristen, Ausländer und andere gemeingefährliche Subjekte anreisen und Regentänze aufführen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Soziale Medien

0FollowerFolgen
0FollowerFolgen
0AbonnentenAbonnieren

Neueste Beiträge

Arita – Stadt des Porzellans

Arita ist zwar sehr klein, aber dennoch in ganz Japan - und sogar außerhalb Japans - berühmt: Hier wird feinste Keramik hergestellt.

Neues Feature – die „Infobox“ im Japan-Almanach

Es werden wohl nur Hardcore-Leser gemerkt haben - seit einigen Monaten taucht immer mal wieder eine "Infobox" auf neuen...

Japan erhöht Verteidigungsausgaben auf 2% des Haushalts

Etwas in dieser Art wurde schon lange erwartet, doch nun nimmt das ganze konkrete Züge an: Japan möchte seinen...

Sport und Korruption: Staatsanwaltschaft durchsucht Japans größte Werbeagenturen

Es ist natürlich einfach, sich hinzustellen und zu sagen "Ich boykottiere die Fußball-WM in Qatar". Wenn auch nur ein...

Ramen Ayagawa (手打 親鶏中華そば 綾川) in Ebisu, Tokyo

In diesem kleinen Ramenrestaurants hat man sich auf Ramen auf Hühnerbasis spezialisiert - mit kräftigen, komplett selbstgemachten Nudeln. Ein Gedicht.

Das Mysterium verschwindender Gerichtsakten

Ende Oktober tauchte zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ein Begriff in den Nachrichten auf, den man lange...

Must read

Die 10 beliebtesten Reiseziele in Japan

Im Mai 2017 erfolgte auf dem Japan-Blog dieser Webseite...

Auch lesenswertRELATED
Recommended to you