BlogFisherman Japan - viel "korabo" und Einfallsreichtum

Fisherman Japan – viel „korabo“ und Einfallsreichtum

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Ein Wort, das im japanischen Marketingsprech immer wieder auftaucht, ist コラボ korabo – die verstümmelte Form des englischen „collaboration“. Es geht also darum, dass sich zwei (oder manchmal auch mehr) Firmen einigen, in einer Sache zusammenzuarbeiten. Meistens sind dies branchenfremde Unternehmen, und manchmal könnte man die Angelegenheit auch ganz einfach als „gegenseitige Werbung“ oder „barter deal“ bezeichnen. Aber gerade in Japan stösst man da oftmals auf sehr viel Einfallsreichtum. Ein gutes Beispiel dafür ist die Organisation „Fisherman Japan“.

Hier haben sich ein paar junge Fischer aus der Sanriku-Region, der Küste nördlich von Sendai, im Jahr 2014 zusammengeschlossen, um etwas gegen die Krise der Fischereiindustrie zu unternehmen. Anders kann man die Situation auch nicht bezeichnen: Gab es 1995 noch rund 280,000 Fischer in Japan, so waren es 2015 nur noch rund 150,000. Die Fischer sterben aus in Japan, denn der Nachwuchs, so es denn überhaupt welchen gibt, hat keine Lust darauf, nachts um 2 auf hohe See zu fahren. Die Sanriku-Region traf es auch noch besonders schwer, denn das katastrophale Erdbeben 2011 verwüstete die gesamte Region (siehe unter anderem hier), einschliesslich der Infrastruktur und zahlloser Fischerboote. Dabei gelten die Fischgründe vor der Pazifikküste der Tohoku-Region als eine der reichsten der Welt. Die „Fisherman Japan“ schlossen sich mit dem Ziel zusammen, den Beruf des (Hochsee)fischers attraktiver zu machen, und man steckte sich auch konkrete Ziele – so will man bis 2024 rund 1,000 neue Fischer in der Region dazugewinnen.

Die Gruppierung liess sich dazu einiges einfallen. Dazu gehört erstmal der sehr gut gemachte Internet-Auftritt (fishermanjapan.com/), der sogar zweisprachig daherkommt. Dazu gehörte auch die geniale Idee des „Fischerman Call“ im Jahr 2017 (die Webseite hat man zum Glück stehengelassen, siehe hier). Wer sich dort anmeldete, konnte einen Weckruf „bestellen“: Man suchte sich einen der Fischer aus, konnte seinen Tagesablauf sehen und dann darum bitten, an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit telefonisch geweckt zu werden. Wer wollte, konnte dann ein kleines Schwätzchen mit dem Fischer halten. Auch das wurde professionell mit diversen Artikeln und einem Video beworben. Die Aktion ging – im positiven Sinne – jedoch in die Hose: Die 5 Fischer, die die Aktion starteten, waren mit tausenden Interessierten innerhalb weniger Tage schnell überfordert, und sie stellten verdutzt fest, dass vier von 5 Interessierten weiblich waren.

Heute besteht die „Fisherman Japan“ Gruppe aus einem Team von 30 Leuten, einschliesslich einer Designerin, einer Koordinatorin und vielen weiteren Helfern. Und weitere Ideen folgten, und alle sind sehr professionell umgesetzt. Im hippen Viertel rund um den Bahnhof Nakano eröffnete die Gruppe ein eigenes Restaurant, das 魚谷屋 Uotaniya, das sie direkt täglich beliefern. Mit „URBAN RESEARCH“, einem japanischen (und hier sehr bekannten) Modelabel wurde eine eigene Reihe kreiert. Ein anderes Projekt umfasst einen Austausch mit den NORTH FLAGGERS, einer anderen Fischergemeinschaft von der abgelegenen Insel Rishiri. Man gewann auch andere Restaurants, Köche und sogar eine Airline für die von der Fischerkommune produzierten Waren.

„Fischerman Japan“ ist nur eines von tausenden interessanten Projekten, die in Japan von jungen Fischern, Landwirten, Handwerkern und und und vorangetrieben werden. Sie eint meist der Stolz auf ihr Handwerk, die sehr hohe Professionalität und der Ideenreichtum. Sie sind dabei auch der Schlüssel zu einer nachhaltigen Wirtschaft – und wahrscheinlich auch der Schlüssel zur Zukunft des Landes, denn aufgrund der hohen Überalterung des Landes, zusammen mit den ökologischen Problemen, die auch Japan stark betreffen, setzt Japan wohl besser auf Klasse als auf Masse. In dem Sinne hoffe ich, dass die Gruppe Erfolg hat und ein paar Menschen für die Fischerei begeistern kann.

 

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

9 Kommentare

  1. Das klingt nicht nur spannend, das ist es. Mattihas dein Eintag hat mir gerade die Augen geöffnet. Den Focus auf das wesentliche. Um mich bei der richtigen Firma zu bewerben und eben nicht bei Masse statt Klasse. Danke und Grüße zu Hause!

      • Dankeschön kann ich gut gebrauchen. Zum Thema Diktator fällt mir was ein 『ブラック企業 』ist sicher einen Eintag bei Dir Wert wenn du mal Lust und Laune hast. Bei Twitter finden sich zahlreiche Einträge unter diesen hashtag.

          • So sieht es leider aus. Sprüche wie wir sind eine kleine Firma darum müssen wir ALLE länger und an Feiertagen arbeiten (ohne Finanziellen Ausgleich] und nehmen keinen Urlaub… So was kann ich nicht mehr hören, nah ja muss ich jetzt ja auch nicht mehr.

  2. Glückliches Japan, bin immer beeindruckt, wenn selbst im kleinsten Hafenort Fischerboote liegen (oft auch sehr alt aber immerhin). Hier sieht es ganz anders aus, die Fischer an Nord- und Ostsee wurden und werden von 2 Seiten zum Aufgeben gezwungen, von der EU in Brüssel mit immer neuen Vorschriften, Einschränkungen und Quoten und von den Umweltverbänden/Nationalparks.
    Schon seit Jahren ist der wichtigste „Fischereihafen“ nicht Bremerhaven oder Saßnitz, sondern der Flughafen Frankfurt.

    • Ja, kann ich gut verstehen. Aber der Schwund in Japan scheint leider unaufhaltsam – viele alte Häfen liegen schon brach. Aber man stemmt sich hier wenigstens ein bisschen dagegen, und es gibt immer mehr junge Leute, die lieber in der Landwirtschaft oder der Fischerei arbeiten wollen als täglich im Büro herumzusitzen.

  3. Ein sehr Interessanter Bericht. Es ist immer wieder spannend zu sehen wie in Japan Tradition hochgehalten wird.
    Das Thema „Shokunin“ gibt es ja bei uns so gut wie nicht. Wo findet man bei uns die Handwerker die achtsam arbeiten und auf Ihre Arbeit stolz sind? Da gibt es leider nur sehr wenige.

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