BlogFehlende Streitkultur?

Fehlende Streitkultur?

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Die folgenden Zeilen wurden nach ein paar Bier mit Kollegen – das passiert nicht allzu oft – zusammengeschrieben, und sind somit durchaus anfechtbar aber so gemeint, wie geschrieben.
Im vorangegangenen Beitrag über die Proteste gegen den Flughafen Narita schrieb ein Kommentator:

Unerwartet das! Nachdem was man hier sieht, liest und hört sind die Japaner
ein mit Demut und Zurückhaltung behaftetes Volk. Und jetzt das!
Geht doch!

Die letzten beiden Wörter erinnerten mich sofort wieder an einen Zwiespalt, den ich schon lange mit mir herumtrage. Wie eingangs erwähnt – hier schreiben ein paar Bier mit:
These: In Japan vermisst man gelegentlich die heimatliche Streitkultur.
Antithese: Oder!?
Dank YouTube hat man ja nun Zugang zu zahlreichen Filmchen, an die man sonst nicht so ohne weiteres herankommt. Darunter auch zahlreiche Aufnahmen über WIZO, einer Punkband aus dem Ländle, die leider vor einigen Jahren das Handtuch geworfen hat. Diese Band habe ich seit vielen Jahren geschätzt, obwohl ich in etlichen Punkten die Ansichten nicht ganz teilen kann. Dazu mehr weiter unten. Ziemlich entzückt war ich neulich also, als ich bei YouTube diesen Mitschnitt fand.
Wizo spielte da auf einem grossen Festival in Köln, Sommer 1996, live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen. Der Sänger bittet irgendwann die Kameraleute, nicht direkt vor ihm mit den Kameras herumzufuchteln. Die Fernsehleute werden sauer und kappen das Bild mitten im Konzert. Sänger wird darüber noch saurer und spielt schliesslich das, was die Leute sowieso schon lange hören wollen: „Kein Gerede“. Siehe Video: Das ist Zensur live.
„Kein Gerede“ steht auf dem Index – kein Wunder. Es ist ein klarer Aufruf zu Gewalt. Und da gehe ich nicht mit. Aber: Eine wahre Demokratie zeichnet sich dadurch aus, auch damit umzugehen – Wizo hat viele Fans, alle kennen das Lied. Trotzdem hat keiner irgendwelche Terrorakte begangen. Man darf eben nicht alles wörtlich nehmen. Wie auch immer – „Kein Gerede“ wurde schliesslich von Wizo auf dem Festival gespielt. Nach den ersten Takten kappten die Fernsehleute auch die Tonübertragung. Nach dem Lied (immerhin) wurde Wizo schliesslich auch verhaftet (sagt man – ich war nicht dabei).
Nun mangelt es in Japan nicht an Vielfalt: Mods, Punks, Techno-Jünger, Metaller, Goths – alle diese Gruppen fanden und finden zahlreiche Nachahmer in Japan, die der Sache mit grossem Enthusiasmus nachgehen. Was aber oftmals fehlt, ist die wirkliche Streitkultur – der Wille, etwas wirklich zu kritisieren und anzugreifen, sich zu organisieren. Proteste wie die in den 70ern gegen den Flughafenbau Narita sind heuer undenkbar. Es fehlt die Wut im Bauch, der Wille, etwas zu ändern.
Und hier kommt der Zwiespalt. Wäre die Antifa in Deutschland so stark und kulturell bunt vertreten, wenn es keine Neonazis gäbe? Was wäre die Antifa ohne fa? Wünsche ich mir die Antifa in Japan? – konsequent weitergedacht, würde das die Frage „Würdest Du dafür die fa in Japan in kauf nehmen?“ nach sich ziehen. Letzte Frage kann ich laut und deutlich mit „nein“ beantworten.
Wie bereits des öfteren angedeutet, gibt es auch in Japan eine fest verwurzelten, historisch teilweise begründbare, latente Xenophobie. Japan hat auch seine Sarrazins, aber Japan hat keine Ultrarechten in Landesregierungen und keine ganz normalen Bürger, die Beifall klatschen, wenn Inder wie bei der Stierhatz durch die Strassen getrieben und zusammengeschlagen werden. Woher soll also die Gegenkraft dazu kommen? Wofür würde es sich für Japans Jugend lohnen, zu kämpfen? Oder hat Japan gar das Idealbild der friedlichen Gesellschaft erreicht? Oder ist es einfach nur Kapitulation aufgrund von Resignation – oder Unwissenheit?
Viele offene Fragen – und persönlich gesehen nur ein Fazit: Japan ist Japan. Deutschland ist Deutschland. Eine Streitkultur in Sachen links oder rechts (oder neutral) gibt es nicht, basta. Das ist nicht die Zeit dazu.
Unfertige Gedanken, aber dies sind Gedanken, die ich schon lange loswerden wollte.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

14 Kommentare

  1. Streitkultur in Sachen links und rechts muss meines Erachtens auch nicht sein, das stört meines Erachtens nur beim Entdecken der Zukunft und Weiterentwicklung von Technologie ;) Und da ist Japan uns in Deutschland meines Wissens weit voraus.

    Was mich mehr stört, wenn ich das richtig gehört habe, ist der Gehorsam gegenüber dem Chef. Irgendwie muss man diesen anscheinend als hierarchisch absolut oben sehen, stimmt das?

    Das würde mich persönlich mehr stören, denn schließlich muss man den auch kritisieren können und ich als Chef hätte keine Lust als unkritisierbar zu gelten…

  2. fehlende Streitkultur,
    würde ich nicht so unterschreiben.
    Es wird nur nicht laut rumgemault wie in D.
    Aber man kann auch nicht wirklich sagen das in Deutschland StreitKULTUR besteht. Wenn man Deutsch fragt, geht es Ihnen immer schlecht, der Job stinkt, das Bier ist warm und zu teuer und außerdem ist das Glas immer halb leer.

    Ich weiss nicht warum das in Japan anders ist, aber natürlich gibt es auch hier die typischen „Rummauler“ nur sind sie weniger offensichtlich sichtbar.

    Es gibt ev. durch den von China kommenden Konfuziansmus eine Hang zum Status Quo in Japan und damit ev. ist der Konservatismus in diesem Land in vielen Dingen (ausser der Technik) zu erklären.

    Immerhin gab es eine blutige Revolte GEGEN die Meji Reformation (Aizu-Samurai).
    In Deutschland waren es hingegen die Reformisten die auf die Barrikaden stiegen.

    Aber auch in Deutschland ist es doch längst 95% der Leuten alles scheissegal solange das Bier fließt der Fussball rollt und Deutschland den Superstar sucht.
    Die Wahlbeteiligung spricht eine klare Sprache.
    Oder wo ist die Revlution wo jetzt Schwarz Gel(d)b den offensichtlichen Wahlbetrug plant.

    Wo sind die Leute die offen gegen die DB und ihren scheiß Service protestieren (schon wieder 1,8% mehr und Leute werden entlassen d.h. NOCH weniger Service).

    In Japan ist man vorsichtiger seine Meinung laut anderen zu oktroyieren, aber man findet die Leute welche die heutige Situation oder Entwicklung kritisieren.
    Siehe meine Filmrezension „降りてゆく生き方 (Oriteyuku ikikata)“
    http://www.michael-hess.net/japan-blog/2009/09/03/film-

    Man denkt sich oft hier „Was wenn dem Gegenüber meine Meinung nicht passt“ man muss ev. doch zusammenleben/arbeiten will ich riskieren dadurch alles zu vergiften in dem ICH meine Meinung kundtue?
    In einem Land wo man sich so auf der Pelle lebt ist das auch gut so.

    Wer sich darüber beschwert, der soll doch bitte mal ein halbes Jahr in einer Bozozuke Einflugschneisse leben.
    DAS sind die Japaner die auf Protest (um des Protestes willen) aus sind die ihr so sehr vermisst.

    Ich persönlich bevorzuge lieber das ruhige Dorfleben wo mein Nachbar mich nicht mit seinem Benzinrasenmäher belästigt, nur weil er meint jeden Samstag das Grass trimmen zu müssen, ohne sich dafür „schuldig zu fühlen.

    Dafür ist es mir recht wenn auch für Kleinigkeiten oder Sachen die ich nicht mitbekommen habe (Auszug/Einzug) angeklingelt wird und gesagt wird „Es tut mir leid das ich sie stören werde/gestört habe“

    Ich habe zu lange an einem Ort gelebt wo der Nachbar meinte das es zur „Streitkultur“/freien Meinungsäusserung in Deutschland gehört mit seiner Musik nicht nur das Haus sondern fast die Straße zu beglücken.
    Und es gibt da viele solche Beispiele!

    Ich persönlich bin kein Freund von fa (Meine Eltern haben es mir geschildert wie das Leben darunter war), aber ich bin auch kein Freund von Antifa, zumindest nicht in der Form wie sie in den Medien endet.

    Es ist ev. in Japan Resignation, aber aber will ich lieber es haben wie in Deutschland? Nein, sonst wäre ich dort geblieben.
    Es darf kulturellen Unterschied geben im Lebensstil, ich bin gegen den globalen (bevorzugt westlichen/US) Einheitsbrei.
    Solange niemand versucht mir seine Meinung/Lebensstil aufzudrängen, fine by me!

    Und bevor man mich zerreißt, ich schließe damit definitiv repressive Systeme aus.

  3. „Oder hat Japan gar das Idealbild der friedlichen Gesellschaft erreicht?“
    Das wäre doch mal was. Der neue (und sehr wünschenswerte) Exportschlager aus Nippon. Denn je älter ich werde, desto mehr nervt mich in Deutschland das Gelaber von Links und Rechts. Zeitverschwendung, da es ja dann doch wieder auf der Straße in Gewalt endet. Liege ich so falsch wenn ich denke, das in Japan kulturelle Gegebenheiten und Regierung stets Sorge dafür getragen haben, das entsprechende Höflichkeitsformen fortbestehen und nicht an Wert verlieren?
    Müssen wir in Deutschland erst japanische Arbeitsverhältnisse haben, damit gewisse Leute und Gruppierungen aus Erschöpfung oder Zeitmangel von der Bildfläche verschwinden um keine Ausländer mehr durch die Straßen zu hetzen, keine Mairandale mehr veranstalten zu können? Wann beginnt man, in Deutschland dauerhaft lebende Ausländer stärker zu fordern, um die Integration zu erreichen, von der alle nur quatschen? Was ist Demokratie, was gelebte Demokratie, was einfach nur noch vernachlässigte Fürsorge- und/oder Kontrollpflicht des Staates? Wenn man sich vom Ausland aus für Japan interessiert, merkt man schnell, das dort die Uhren etwas anders ticken. Und wenn man sich etwas mehr für Japan interessiert, ist man eigentlich des öfteren geneigt, sich zu schämen.
    Ich möchte bei diesem Thema mal vorsichtig anfangen. Die Frage die sich mir dabei stellt ist: was denkt ein Japaner, wenn er in Deutschland zu Gast ist, geistig eingebettet von den ihm bekannten Höflichkeitsformen in ein deutsches Geschäft geht und die vielleicht erste Antwort die er auf deutschem Boden bekommt ist: „Was woll´n se?“ oder „Ham wa nich!“ ?

  4. PS
    Es gibt etwas an der japanischen Streitkultur das ich vollkommen liebe.
    Konsumverweigerung von Produkten von „Skandalfirmen“.
    Ich sag nur z.B.
    Französische Supermarktkette (Namen vergessen) (ist aufgefallen wegen abgelaufener Produkte in den Regalen)
    Fuyia (hat abgelaufene Waren für die Kuchen benutzt)
    NOVA (naja… die Liste ist zu lang)

    Und im Gegensatz dazu sehe ich nicht das Firmen wie
    BenQ (hat Siemensmobile an die Wand gefahren mit Absicht)
    NOKIA (schließt Bochum trotz guter Produktivität nur weil rumänische Arbeiter billiger sind)
    Dt.Bank (hat über 6000 Mitarbeiter entlassen weil die ProfitSTEIGERUNG(!!!) nur 17 statt den gewollten 25% war)
    in Deutschland nur behelligt werden, nein der Kunde kauft fröhlich weiter, GEIZ ist doch SO GEIL!

    Hätte in Japan sich irgendeine Firma ähnliches erlaubt wäre sie weg vom Fenster (sie z.B. obige 3)

    Oder warum ist JR-West so bemüht aus der Zeitung rauszubleiben wegen Amagasaki
    oder Sony/Toyota/etc. mit Leute (Kaishain!) feuern so zurückhaltend.[1]

    (Ja ich weiss, diese Firmen (Sony/Toyota/etc.) haben ne menge Zeitverträge (Hakken) nicht erneuert aber eben keinen Kaishain gefeuert)
    und auch bei BMW und Co. sind obwohl sie keinen offiziell feuerten letztes Jahr ne menge Zeitverträge eben nicht verlängert worden.
    Dieses Problem ist leider weltweit eins und auch eine andere Baustelle. (Neoliberaler Kapitalismus made in USA)

    [1]
    Dieses Problem ist mit einer der Gründe warum japanische Firmen (leider) vermehrt auf Hakken setzen statt Festangestellte.
    Es ist extrem teuer in Japan Festangestellte zu feuern und Firmen die das tun und in der Zeitung damit landen werden nicht glücklich.

    Letztes Jahr wurde z.B. eine Liste von Firmen durch „HELLOWORK“ veröffentlicht, die ihr Versprechen gegenüber Uni-Abgänger sie einzustellen bei diesen Kandidaten zurückzogen haben.
    (Aufgrund der Krise)
    DAS gab einen Aufschrei im Publikum
    (ne Menge Bekannte haben sich über die genannten Firmen aufgeregt nach dem Motto „Wie sollen wir in Zukunft bestehen, wenn die Firmen jetzt nicht einstellen“)

  5. Das ist alles so kompliziert, was Ihr hier redet. Nicht jeder ganz so komplizierte Sachen verstehen.

    Also ich habe dazu keine Meinung.

    Muss jetzt auch dringend los, shoppen gehen.

  6. Nun, ich habe bewußt in meinem Leben bislang noch nichts von Protesten aus Japan gehört. Von daher war ich über die schweren Auseinandersetzungen anlässlich eines Flughafenbaus in Japan in den 1970ern sehr überrascht.

    Aus Nachbarländern Japans (selbst VR China) hört man öfter von Protesten. Man kann daher der Meinung sein, Japaner nehmen alles hin. Und das ist etwas, womit ich mich nicht einverstanden erklären kann. Das bedeutet jedoch nciht gleichzeitig den radikal entgegengesetzten Weg von Mord und Totschlag zu gehen. Energischer dauerhafter Protest kann durchaus auch Wirkung zeigen. Die Frage ist dann: Wie reagiert die Gegenseite?

    Heute ist wieder Festumzug der Nazis hier in L.E. Die Antifa hat sich diesmal auch was schönes einfallen lassen. Gegenspass a la trommeln, tanzen, fröhlich sein. Da wird so mancher ganz schön komisch aus seiner braunen Wäsche gucken.

    Bloß vom Zuschauen wird nichts besser. Gewalt ist nicht unbedingt eine Lösung. Aber Protest hat noch nie geschadet. Und wenn es in der Gesellschaft einen Konsens zum Protest gegenüber einem bestimmten Thema gibt, sollte dieser auch stattfinden.

    Es darf sich dann keiner über ein halbleeres Glas beschweren, wenn noch nicht mal protestiert wurde.

  7. @Terry
    L.E.?
    LOS ENGELES?

    Natürlich bin auch ich der Meinung dass wer alles schweigend hinnimmt sich nicht nachher darüber beschweren darf, das er die Unterhose über dem Kopf trägt.

    Man lässt sich aber eben auch in Japan nicht alles Gefallen, man ist nur „dezenter“ und wenn es hart auf hart geht, naja siehe Narita, das war kein Einzelfall!

    So hat es im Bezug mit der Minamata-Krankheit
    http://ja.wikipedia.org/wiki/%E6%B0%B4%E4%BF%A3%E7%97%85

    http://www.minamatacity.jp/eng/museum.htm
    oder der Itai-Itai-Krankheit z.B. heftige Proteste gegeben.
    (BTW kennt noch jemand Seweso, Bhopal und Exxon Valdez? Wer geht da auf die Strasse?) [1]

    Und siehe dir mal den Beitrag „Arbeitslos in Tokyo“ vom WDR an, ist zwar aus den IIRC 90er aber auch dort werden Demos gezeigt vor Firmen die Leute gefeuert haben.

    Oder in den 70er und davor die japanischen Gewerkschaften, da erinnert einiges manchmal an Südkorea in den letzten 10 Jahren… die (Südkoreaner) waren zu der Zeit noch artige Bürger und folgten ihren „demokratisch“ (von der US unterstützten) bestimmten Präsidenten (Wahlen? Guter Witz!).

    In Japan hat es oft heftige Proteste gegeben, nur leider ging das früher eher in den westlichen Medien unter (Sack Reis, China, sag ich da nur).
    Erst das Internet sorgt dafür das „Kleinscheiß“ zur Nachricht wird.

    Interessanterweise sind japanische Bauern/Fischer etwas „auffälliger“ in Sachen Proteste, will mir scheinen, ne. ;)

    Heee und außerdem denkt doch daran gute etliche hundert Jahre lang (noch vor der Bafuku) war es Tradition das Leute die Protestieren sehr kopflos herumgestanden haben, das prägt tief ;-)

    Selbst der Herr A.H. hat für revolutionäre Umtriebe „nur“ Festungshaft damals bekommen.
    In Japan hätte der keine Migräne mehr gehabt.
    (Ok das war jetzt sehr finster)

    Waren ja nur blöde Itakker und Inder… :-(
    (Nicht aufregen, ist nicht von mir! Aber genau DAS habe ich damals auf dt. Straßen gehört als es passierte)
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sevesoungl%C3%BCck
    http://en.wikipedia.org/wiki/Bhopal_disaster
    (in Englisch viel besser!)

  8. Persönlich bevorzuge ich das „da kann man eh nix machen“ der Japaner. In D. hatte ich öfter das Gefühl, dass sich die Leute zwar tierisch aufregen und schön diskutieren können, aber nicht wirklich
    etwas unternommen haben. Dem Chef die Meinung sagen ? Hintenrum ja ….
    Denke das Zusammenleben ist hier friedlicher , teils auch wegen der Sprache. Ein „ima wa chotto“ ist einfach freundlicher als ein „nein!“. Man muss ja nicht immer rumpöbeln und es tut doch nicht weh, wenn man sich mal entschuldigt.
    Ein Thema wurde hier schon mal kurz aufgegriffen, das Fahrradfahren mit 2 Kindern. Soweit ich das mitbekommen habe wurde das kurzzeitig verboten, die Mütter protestierten, sowieso hat sich niemand daran gehalten und das Gesetz wurde wieder geändert.

  9. @Chibi
    ja „shouganai“ ist schon sehr japanisch und umfasst eine lange Litanei in westlichen Sprachen :D

    Zu dem in Deutschland aufrgen um des aufregen willens ohne Taten folgen zu lassen… da kann ich nur ACK zu sagen.
    Stammtischgefasel nennt man sowas in meiner Heimatregion.

    Bin leider bei der Selbstanalyse auch bei mir selber da immer wieder erschrocken wie viel ausreden man finde nix wirklich zu tun.

    Das Fahrradfahren mit 2 Kindern ist wieder erlaubt? COOL
    Ich meine Sichheitstechnisch habe ich schon meine Bedenken aber ich sehe halt das Problem der Eltern da schon (Ja ich habe auch Väter mit 2 Kindern auf dem Rad schon gesehen ;-) )

    Aber das war dann so wieder typisch japanisch, ein Gesetz wird gemacht.. es gefällt der Bevölkerung nicht, also wirds ignoriert.
    Mich hat z.B. noch kein Taxifaher angehauen mich endlich hinten anzuschnallen (hängt nur ein nettes Schild mit „kudasai“) und bei den Tiefflugkünsten der Taxis wäre es eigentlich fast anzuraten.

    ich glaube neben „shouganai“ ist eine andere beliebte Phrase hier die japanische Variante von „Russland ist gross und der Zar weit“

  10. @Topic

    Nun, es sollte dabei nicht vergessen werden, dass die japanische Gesellschaft per se gewaltsame Aktionen aus politischen oder anderen Gründen ausschliesst – siehe eben die Narita-Proteste, die Giftgasanschläge der Aum-Sekte, die von Michael erwähnten Bōsōzoku usw.

    Sicher werden kleinere Gesetze wie der Fahrrad-mit-zwei-Kindern-Erlass gelegentlich ignoriert und mitunter gar gekippt.

    Was ich mit diesem Eintrag meinte, war Desinteresse vs. (zu grosses) Interesse, vor allem bei den Jüngeren. Ich hatte damals in Deutschland oft den Eindruck, dass es Mode ist, mit riesengrosser Klappe seine eigene Unwissenheit kundzutun. Manchmal dachte ich: „Je weniger im Bilde, desto lauter“. Vom Gejammere möchte ich da gar nicht anfangen. Den Eindruck hatte ich in Japan bisher eher selten, aber das liegt eben auch bei den Jüngeren oft am schlichten Desinteresse: Den meisten scheint es völlig egal zu sein, was Japan aussen- und innenpolitisch so treibt. Das war in den 1970ern scheinbar anders, kann also von daher nicht ausschliesslich mit der Kultur und Historie des Landes begründet sein. Es sei denn, die Narita-Proteste waren von auswärts gesteuert.

  11. Dieses festlegen wollen von Nationalen Tugenden bzw Untugenden, halte ich nur für bedingt zulässig. Vor allen Nationalitäten sind es zuerst einmal Individuen mit ihrem persönlichen Charakter und Temperament die sich streiten oder eben nicht. Das es kulturelle Nuancen gibt die eine Streitkultur prägen, mag ich gar nicht bestreiten, und das der Streit hier verschieden verstanden und gewichtet wird ist auch klar.

    Was nun Fa und Antifa angeht, so ist das wohl weniger eine Frage der Streitkultur als des politischen Umgangs. Was mir dabei bei Deutschland immer sehr auffällt ist die Tatsache das Politik immer Parteipolitik ist und selten bis nie Sachpolitik. Parteien sind nun mal aber kein Selbstzweck sondern sollen Interessengruppen der Stimmburger bündeln und vertreten.
    Durch das hervorheben der gegenseitigen Parteidispute entsteht der Eindruck von Streitkultur, diese ist jedoch stark instrumentalisiert.
    Japan dagegen betont mehr den Konsens als die Differenzen. Zwar ist jedem klar das es unterschiedliche Ansichten gibt, aber man ist eher um Ausgleich und Sachlichkeit bemüht. Auch die Schweiz in der ich lebe ist eine Konsensgesellschaft. Man ist bei allen Gegensätzen immer um den Ausgleich bemüht. Die Mehrheit hat keinen absoluten Anspruch, was dazu führt das ein Kompromiss der die Minderheit einbindet wann
    immer möglich bevorzugt wird.

    Dagegen stehen sich Japan und Deutschland was das Denken in Hierarchien angeht sehr viel näher als dies bei uns Schweizern der Fall ist. Habe allerdings noch zu wenig Erfahrungen mit japanischen Autoritäten gesammelt um diese Einschätzung an konkreten Beispielen festmachen zu können.

  12. @Chibi
    Hab’s heut Nachmittag wieder gedacht: hatte jemandem hinten auf dem Fahrrad sitzen und wartete an ner kleinen Kreuzung auf Grün (Blau?). Gegenüber wartend ein Polizist auf seinem Pizza-Delivery Moped. Kurz vor’m an uns vorbeibrausen rief er noch „二人乗りはダメですよ〜!“ (Zu Zweit auf dem Rad ist nicht erlaubt!) und weg war er. Daran haben wir uns die nächsten 100m natürlich gehalten, man will den Herrn Polizisten ja nicht verärgern sollten sich unsere Wege nochmals kreuzen. Nehme an der Polizist musste was sagen, was würden die Leute denken wenn er’s einfach ignoriert hätte. Zuhause hätt’s bestimmt ne saftige Busse gegeben inkl. Standpauke und Führerscheinkontrolle.
    Dann später mit nem Papa der sein Kind im First-Class Sitz vorn im Velokorb spazieren fuhr, 5x „dozo, dozo!“ ausgetauscht, weil man sich auf den engen Wegen ja nicht vordrängeln will.
    Ja, so gefällt’s mir. Habe wie Michael schon längst genug von den Platzhirschen, der ewigen Rechthaberei und den Hahnenkämpfen.

  13. @ Michael

    Nee! Irgendein findiger Marketingfritze war der Meinung für die wohl größte Stadt Sachsens dieses Kürzel zur Außendarstellung zu nutzen. Und in der Jugendkultur dieser Stadt und seiner Umgebung hat sich L.E. eingebürgert.

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