BlogErbfolgekriege in Japans Politik

Erbfolgekriege in Japans Politik

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In dieser Woche wurde aus einer kleinen Diskussion in Japan eine prächtige Debatte – im Grossen und Ganzen ausgelöst durch eine Umfrage unter Parteimitgliedern der Demokraten, was sie denn von der Begrenzung der Tradition der Erbfolge bei Politikern halten würden. Die Hälfte der Befragten war für eine Begrenzung.
Hintergrund: Noch stärker als anderswo ist in Japan sehr deutlich zu merken, dass Politik oft in der Familie bleibt – es gibt regelrechte Politikerdynastien. Auch der jetzige Ministerpräsident Aso ist da nicht unbeleckt – seine Familie weist zwei Ex-Aussenminister auf, obwohl seine Familie eigentlich eher aus der Wirtschaft kommt (Zement). Unzählige Mitglieder aus Japans Ober- und Unterhaus haben illustre Vorfahren, die schon vor Jahrzehnten viel zu sagen hatten. Und auch das soll mal erwähnt werden – je höher die gesellschaftliche Position, sowohl in Wirtschaft als auch in Politik, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person sehr genau über die eigene Ahnentafel bescheid weiss und diesen oder jenen Daimyo oder Samurai als Vorfahren benennen kann. Oft genug erlebt.
Ein Diskurs über die politische Kultur in Japan würde hier den Rahmen sprengen. Aber ein gebräuchlicher Begriff soll hier noch vorgestellt werden: 三バン (Sanban) – die 3 „Ban“ in der japanischen Politik. Wer in Japans Politikwelt etwas werden möchte, braucht, so wird allgemein gesagt, die folgenden drei „Ban“:
1) 地盤 Jiban – die (örtliche) Basis – in einer Stadt und/oder Region, die einen stark unterstützt. Spielt beim „Vererben“ in der Politik eine grosse Rolle – man erbt die Ortsgruppe oftmals gleich mit.
2) 看板 kanban – Werbeschild. Aushängetafel. Gemeint ist der Bekanntheitsgrad des Namens. Spielt bei der Vererbung eine noch grössere Rolle.
3) 鞄 kaban – Tasche. Gemeint ist eine solche randgefüllt mit Geld, um den Wahlkampf zu finanzieren.
Die japanische Wikipedia hat eine wunderschöne Liste aktueller Politiker, geordnet nach Parteizugehörigkeit, die von einflussreichen Politikern der Vergangenheit abstammen. Die Liste ist sehr lang: http://ja.wikipedia.org/wiki/世襲政治家一覧. Bei der Regierungspartei, den Liberalen, ist die Liste so lang, dass man nur dort auch nach Namen gruppiert hat….
Ich bin neugierig, ob die Diskussion um diese altbekannte Praxis zu etwas führen wird – ich halte letzteres jedoch für äusserst unwahrscheinlich. So ein Gefelcht löst man nicht einfach auf, das dauert Generationen.
Das Wort des Tages: 世襲 seshū. Die Erbfolge bzw. Nachfolge.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

1 Kommentar

  1. Ja das mit den Politikerdynastien ist schon was besonderes. Dabei müsste es ja im Prinzip nicht negativ sein wenn es halt Familien wären die eine soziala Pflicht darin sehen dem Staat zu dienen und sich einzubringen (haben sich alle vom Lachanfall erholt?)
    Ja ich weiss das ist in vielen Ländern nicht der Fall und in Japan wie du so schön beschreibst erst recht nicht.
    Meist geht es doch darum sich seine Machtbasis zu erhalten.

    In Japan finde ich kommt aber noch was interessantes hinzu, die Politiker kommen und gehen (und seien sie auch aus Dynastien) aber ändern tut sich im besten Falle extrem langsam was.
    Zum einen dürfte da der Einfluss durch Korruption eine Rolle spielen (wird sicher mitgeerbet diese Geldquelle)
    Aber für den erhalt des Statusquo kann man auch sicherlich die Bürokraten ins Felde führen, die sind meist auf Lebenszeit in ihren Ämtern und da machen die vorbeischwimmenden Politikergenerationen oft nix aus.
    Und sollte doch mal ein Politiker „Amok“ laufen und mit Gewalt veränderungen bewirken… schwupp kommt der passende Skandal aus der Tiefe hochgesprudelt.
    Oder warum halten sich relative Nullnummern als Premier so lang?

    Wie gesagt ich denke so verwerflich die Politikerdynastien sind, so wenig realen Einfluss scheinen sie denoch zu haben.

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