BlogEine Ikone verschwindet aus dem Stadtbild: Alte japanische Taxis

Eine Ikone verschwindet aus dem Stadtbild: Alte japanische Taxis

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Vielen Japan-Besuchern müssen die typischen japanischen Taxis wie ein Anachronismus erscheinen: Während rundum alles neu und modern ist, inklusive der Autos, wirken die Taxis veraltet – die Rede ist von den Toyota Crown Sedan Royal Saloon. Die Crown-Serie von Toyota gibt es seit 1955; besagte Taxis gehören in den meisten Fällen zur 7. Generation, und die wurde im wesentlichen von 1983 bis 1987 produziert. Das bedeutet also, dass die meisten Taxis im Prinzip um die 35 Jahre alt sind (kleine Anmerkung: Die Fahrer wiederum sind meist doppelt so alt!). Alles an den Autos schreit nach 80ern: Die manuelle Schaltung links hinter dem Lenkrad, der Innenraum, die gewaltigen Spiegel neben der Motorhaube. Wirklich alles. Hinzu kommt die Lackierung: Je nach Taxi-Gesellschaft ist diese unterschiedlich, aber besonders häufig findet man grüne oder beige Lackierungen, manchmal mit einem Streifenmuster auf halber Höhe. Und wie es sich für japanische Taxis gehört, gehen die hinteren Türen von allein auf. Andere beliebte Marken sind der Crown Comfort und Nissan Cedric.
Doch immer schneller verschwinden die alten Taxis aus dem Stadtbild. Sie sind gerade noch so in der Mehrzahl, aber es wird nicht mehr lange dauern, bis sie von Toyota JPN Taxi (heisst wirklich so) und Co. verdrängt sind. Die Besonderheit: Dieses Taxis sind gnubbelig, haben eine sehr hohe Decke und einen niedrigen Boden. Man kann also beinahe einsteigen, ohne sich bücken zu müssen. Mit anderen Worten: Sie sind hässlich, aber praktisch. Und sie sind gut für die Umwelt (zumindest wenn man auf die Umwelt der jeweiligen Stadt schaut), denn sie sind Elektroautos, die sich auch mit Flüssiggas fahren lassen. Ausserdem haben sie (natürlich) ein Automatikgetriebe, damit sich die Fahrer vollends auf die カーナビ (kaanabi, Navigationssystem) konzentrieren können, ohne das 95% der Taxifahrer nie im Leben das gewünschte Ziel erreichen würden.
Ein bisschen wehmütig werde ich jetzt schon jedes Mal, wenn ein JPN Taxi an mir vorbeifährt. Bei den alten Taxis passte nämlich alles irgendwie zusammen: Uralter Fahrer mit uralten Gesprächsthemen im uralten Taxi. Ab jetzt heisst es dann eben: Uralter Fahrer, im hypermodernen Fahrzeug – mit uralten Gesprächsthemen, versteht sich.
Toyota hofft übrigens, dass ein Drittel aller japanischen Taxis bis zu den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokyo durch JPN Taxis ersetzt werden. Das ist durchaus möglich.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Das wundersame alte Erscheinungsbild gilt nicht nur für die Taxis, sondern auch für die Züge (außerhalb Tokyos und des Fernverkehrs) und Straßenbahnen.

  2. Wenn im hypermodernen Fahrzeug erstmal die gehäkelten Kopfstützenbezüge ausgebreitet sind, ist der „Bruch“ zum Fahrer vielleicht nicht mehr ganz so groß ;)

  3. Och nö. Die gehören doch einfach zum Stadtbild. Das ist ja fast so als würden in Berlin keine beigen Daimler Diesel Taxen herumgurken. Warte mal …
    Ja, etwas wehmut ist dabei. Wenn ich bedenke, wie oft mich nach durchzechter Nacht so ein Crown nach Hause gebracht hat.

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