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Ein übereifriger Archäologe mit Agenda und Japans Probleme mit der eigenen Identität

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Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit… wer kennt diese Begriffe nicht. Doch wann die jeweilige Epoche begann und endete ist regional verschieden, und in der Inselwelt Japans ist die Frage zugleich auch mit der Frage nach der eigenen Herkunft verbunden. Zur Erinnerung: Japaner betrachteten sich lange Zeit als „göttliche Nation“ mit einem Tennō an der Spitze, der ein direkter Nachfahre der kami, der japanischen Götter ist. Bis zur japanischen Niederlage im 2. Weltkrieg im Jahr 1945 galt der Tennō selbst sogar als kami, was die verfassungsbestimmenden Amerikaner nach dem Krieg zurecht als Problem ansahen und daher darauf pochten, dass der Kaiser nicht mehr als Gott gilt.

Doch woher kommen die Japaner wirklich? Bekannt ist, dass das Archipel in der Vergangenheit mehrfach durch Landbrücken mit dem Festland verbunden war – mit Sibirien im Norden, aber auch mit der koreanischen Halbinsel im Westen. Und obwohl man in Japan von einem ungewöhnlich homogenen Volk spricht, gibt es doch verschiedene „Typen“ Japaner, die man selbst gern in Jomon- und Yayoi (benannt nach Zeitepochen in Japan) unterscheidet. Und dann gibt es ja auch noch das Volk der Ainu, welches man in Japan nur noch auf Hokkaido findet.

Die Archäologie spielt bei der Beantwortung der Fragen nach der Herkunft selbstverständlich eine große Rolle. Da wird es wichtig, was wo gefunden wurde — und vor allem, wie alt die Artefakte sind. Zur Altersbestimmung gibt es verschiedene Methoden – die Radiokarbondatierung zum Beispiel, oder die Stratigraphie. Bei der Stratigraphie orientiert man sich an sogenannten Leithorizonten – das sind durch geologische Großereignisse entstandene Schichten, bei denen man ziemlich genau weiß, aus welcher Zeit sie stammen. Das ist in Japan mit seinen zahlreichen Vulkanen besonders nützlich. Vor knapp 30’000 Jahren zum Beispiel gab es einen gewaltigen Vulkanausbruch, durch den die Aira-Caldera entstand – das ist der Nordteil der Bucht von Kagoshima. Der Ausbruch hinterliess eine markante Ascheschicht, anhand derer man sich wunderbar orientieren kann. Liegt ein Artefakt in dieser Schicht, muss es also knapp 30’000 Jahre alt sein – liegt es darüber, ist es eben jünger.

Hier wird es allerdings interessant, denn Historiker und Archäologen bemängeln, dass es in Japan schwer sei, zu bestimmen, wann zum Beispiel die Altsteinzeit aufhörte und wann die Jungsteinzeit begann. Und Schuld daran hat ein übereifriger Hobbyarchäologe, der seit den 1970ern eifrig mit Grabungen beschäftigt war. Fujimura Shin’ichi hiess der Mann, und er wurde vor allem in den 1980ern durch einige spektakuläre Funde im ganzen Land bekannt. Kurz gesagt wurde er deshalb bekannt, weil er zahlreiche Artefakte fand, die darauf schließen liessen, dass Japan bereits wesentlich früher als gedacht besiedelt war. Obwohl „nur“ ein Hobbyarchäologe, wurde er mit Lob überhäuft, erhielt Preise und sogar Forschungsgelder. Doch es regten sich auch Stimmen des Zweifels unter studierten Archäologen. Bis zum Jahr 2000, als der Schwindel durch investigativen Journalismus der Mainichi Shinbun aufflog. Ein Journalist hatte heimlich Kameras installiert, mit denen Fujimura bei Grabungen über die Schulter geschaut wurde. So fand man heraus, dass der Archäologe gern Funde aus dem Erdboden entnahm und danach in tieferen Schichten wieder eingrub. Damit wurden die Ergebnisse der stratigraphischen Altersbestimmung signifikant verfälscht.

Zur Rede gestellt, sagte Fujimura zuerst, dass er dies nur zwei Mal getan hätte — zufälligerweise genau die zwei Male, bei denen er gefilmt wurde. Doch später stellte sich heraus, dass er dies sehr wohl und sehr bewusst seit Jahrzehnten tat. Fertig war 旧石器捏造事件 (kyūsekki netsuzō jiken) – der Skandal um fabrizierte Werkzeuge aus der Altsteinzeit. Der Schaden war enorm, denn tausende von Artefakte konnten so nicht mehr richtig zugeordnet werden, da sie ja aus den ursprünglichen Schichten im Boden entnommen worden waren. Vieles, was als Ergebnis der Grabungen von Fujimura der Altsteinzeit zugeordnet wurde, gehört somit eher in die Jungsteinzeit – doch wann welche Zeit begann und endete, ist bis heute nicht ganz deutlich.

Die Geschichte ist nun schon mehr als 20 Jahre her und dennoch interessant – zeigt sie doch, wie politisiert selbst die Archäologie sein kann – und das 55 Jahre nach dem 2. Weltkrieg!

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

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