Blog Eigentlich unübersetzbare Wörter - heute: "Mendōkusai"

Eigentlich unübersetzbare Wörter – heute: „Mendōkusai“

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Wer sich schon mal mit dem Japanischen befasst hat, weiß, dass beim Lernen immer wieder Wörter auftauchen, die sich partout nicht übersetzen lassen wollen. Bei Zeitungsartikeln oder wissenschaftlichen Texten und dergleichen ist das kein so großes Problem; beim gesprochenen Japanisch sowie in der Prosa und in Manga und dergleichen schon eher. Einerseits hängt das natürlich damit zusammen, dass es prinzipiell kulturelle Unterschiede gibt, die dafür sorgen, dass es für eine Angelegenheit in Sprache A ein Wort gibt und in Sprache B nicht. Ein gutes Beispiel dafür ist das Wort „Gesundheit“, das Deutsche gerne benutzen, wenn jemand niest. Klar, das Wort „Gesundheit“ existiert in jeder Sprache, aber in diesem Fall sucht man ja nicht nach der Übersetzung, sondern nach einem Wort oder einer Floskel, die man „stattdessen“ in der anderen Sprache benutzt. Im Englischen wäre die Entsprechung dann „Bless you“. Als ich zum ersten Mal mit Japanern zu tun hatte, wollte ich irgendwann wissen, was man denn in Japan in dem Fall sagt. Was folgte, war eine stundenlange Beratung der Befragten hinter verschlossenen Türen – und heraus kam die Antwort: 桑原 kuwabara. Rückwärts übersetzt ist dieses Wort eine Art Formel, mit der man Blitze oder andere Unbill von sich abwenden will, indem man „Kuwabara, kuwabara“ murmelt. Ganz eigentlich betrachtet ist das gar nicht mal so verkehrt – sehr wahrscheinlich hatte ich den Japanern nämlich vorher erklärt, dass, so zumindest mein Kenntnisstand, „Gesundheit“ ursprünglich nicht bedeutete, dass man dem Niesenden selbige wünscht, sondern dass man damit eher sich selbst meint, nach dem Motto „Ich hoffe, dass ich trotz der mir gegenüber stehenden Bazillenschleuder bei bester Gesundheit bleibe“. In Corona-Zeiten ja hochaktuell. In dem Sinne ist „kuwabara“ gar nicht so verkehrt – mit dem kleinen Makel jedoch, dass ich in zwanzig Jahren noch nie einen Japaner „kuwabara“ sagen gehört habe.

Es gibt sehr viele solcher Wörter, und erschwerend kommt hinzu, dass Japan sprachlich gesehen eine „high-context“-Gesellschaft ist, im Gegensatz zur „low-context“-Gesellschaft in Deutschland. In Deutschland sind die meisten gesprochenen Sätze explizit und drücken aus, was der Sprecher eben so sagen will. Der Zusammenhang ist relativ unbedeutend, denn der Sinn des Gesagten ist selbsterklärend. Im Japanischen ist der Zusammenhang hingegen sehr bedeutend, und wenn man den nicht versteht, gelangt man eben zum Beispiel zu dem Vorurteil, dass Japaner angeblich nicht „nein“ sagen können. Es stimmt zwar, dass das verbale „nein“, also „u-un“ oder „iie“ weniger zu hören ist als in vielen anderen Sprachen, aber das liegt a) daran, dass man es gar nicht darauf ankommen lässt, eine Bitte zu formulieren, die möglicherweise abgelehnt werden könnte, und das b), so a) nicht zu vermeiden ist, das „nein“ je nach Zusammenhang stark verklausuliert wird.

Eigentlich sollte es hier allerdings um den interessanten Begriff „mendōkusai“ gehen, den ich zum Beispiel mühsam versuche, meinen Kindern abzugewöhnen, denn im Alltag höre ich das nur zu häufig, zum Beispiel wenn meine Frau zu den Kindern sagt:

食べ終わったら食器を下げてね (tabeowattara shokki o sagete ne) – Räum das Geschirr ab wenn Du fertig bist mit essen

worauf als Antwort nicht selten ein teenagertypisches, kaum hörbares aber dennoch den Raum ausfüllendes

面倒臭いなあ mendōkusai na

folgt. (men) bedeutet „Fläche“, aber auch „Seite“, und auch „Antlitz“. (dō, eigentlich „tō“) bedeutet umfallen, aber auch „verlieren“, „Niederlage“. Es handelt sich hier aber nicht um einen Gesichtsverlust, wie man vielleicht meinen könnte. Sehr wahrscheinlich sind die Schriftzeichen hier nur sogenannte „ateji“, bei der sich die Schriftzeichen von der eigentlichen Bedeutung des Wortes emanzipiert haben. Man hat einfach nur Schriftzeichen zugewiesen, die in etwa der Lesung entsprechen. Das ursprüngliche Wort lautete „medauna“ oder „medōna“ und hatte etwas mit „me“, dem „Auge“ zu tun. Das Wort bedeutete in etwa „das Auge mit etwas zu verschwenden“ und verwandelte sich im Laufe der Jahrhunderte aufgrund diverser Lautverschiebungen zum heutigen „mendō“. „kusai“ ist einfach erklärt – es bedeutet, „(unangenehm) riechen“. „Mendōkusai“ bedeutet also, dass etwas „nach Aufwand riecht“, sprich „eine Last ist“.

Wie übersetzt man das jedoch in diesem Zusammenhang? Etwa mit „das geht mir auf den Senkel“? Oder „ich habe keinen Bock darauf“? Im Englischen würde mir da noch „What a pain“ und dergleichen einfallen, aber was es auch ist, man würde es im Englischen und im Deutschen zwar irgendwie denken (nach dem Motto „muss das jetzt sein?“) aber weniger sagen. Aus dem Grund würde ich das am liebsten meinen Kindern abgewöhnen. Eine lästige Angelegenheit, die jedoch erledigt werden muss, wird dadurch nicht besser, dass man sie lauthals zur lästigen Angelegenheit erklärt. Trotzdem wird „mendōkusai“ durch alle Altersschichten gern und häufig benutzt. Das färbt leider, das muss ich zugestehen, ab: Natürlich denke auch ich öfter mal „mendōkusai na“ – auf Japanisch. Nur, um mich dann zu wundern, was ich denn früher in dem Moment eigentlich auf Deutsch gedacht habe. So richtig mag es mir nicht einfallen.

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

10 COMMENTS

  1. Danke für den Beitrag, wir schauen gerade „Naruto“, da ist es eines der wenigen Wörter, die ich neu aufgeschnapt habe, weil es ständig von einem eher gelangweilt wirkenden Teenager verwendet wird, übersetzt wird es da mit „wie nervig“ oder so ähnlich.

  2. „Ach menno!“ in leicht genervten Ton war meine und die Reaktion meiner Kinder (und die der Enkel ist es auch), wenn etwas Unliebsames getan werden soll oder etwas Heißgeliebtes unterbleiben soll. Es gibt ja auch noch „Wie ätzend!“

    Einen „richtig hochdeutschen“ Begriff dafür weiß ich aber auch nicht.

  3. Boah ey … hab ich als Teenager benutzt. Aber nur dann wenn was richtig ätzend war. Ach menno passt eher zu kleinen Kindern die gerade ins Freibad wollten und es fängt an zu regnen ach menno. Oder, noch fünf Minuten Papa, nein du gehst jetzt ins Beet, oh menno… Wenn ein Teeny oh menno zu mir sagt. Muss ich mich arg zusammen reißen um nicht zu Lachen. Das abgewöhnen von mendo und mendokusai ist echt schwer. Ich merk das an mir selber. Hin und wieder rutscht mir das auch raus. Ob wohl es hinterher meist garnicht mendokusai war, Problem ist dabei was für mich persönlich mendokusai ist für andere vielleicht garnicht so mendo. Oder aber sie machen es einfach ohne zu murren. Also muss ich meine Einstellung gegen über den Dingen ändern die für mich mendo sind, um mendo los zu lassen. Nah ja ich hoffe zumindest das es so funktioniert…

  4. Solche sprachlichen Beiträge finde ich total interessant. In meiner Kindheit/Jugend sagte man gar nichts, sondern rollte dramatisch die Augen und stöhnte. Das brachte meine Mutter sofort zur Weißgut.

  5. Offenbar wäre es dann, wenn ich hier so die Hinweise auf „menno“ lese, eher „mennokusai“ (sorry ^^;)

    Ich habe ja eh das Gefühl, dass die Japaner ihre Leben einerseits sehr verbalisieren (wenn ich ausnahmsweise mal länger schlafen will als mein Mann, weckt mich oft sein lautes „yossha“, mit dem er zeigt, wie sehr er sich beim Aufstehen anstrengt, und überall ist es „atsui“ oder „samui“ usw.), andererseits aber dann wieder gar nicht.

  6. Oho! Wäre nicht Dein Name, hätte ich einen waschechten oyaji vor meinem geistigen Auge:)

    Ja, das Offensichtliche zu verbalisieren ist in der Tat ein Volkssport. Über das nicht Offensichtliche hingegen schweigt man lieber…

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