BlogDowntowns Silvesterklassiker wird ausgesetzt - ein Abgesang

Downtowns Silvesterklassiker wird ausgesetzt – ein Abgesang

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Erst Corona, und dann das: Der Silvesterklassiker „絶対に笑ってはいけない zettai ni waratte wa ikenai“ (wörtlich: „Du darfst auf keinen Fall lachen“) wird in diesem Jahr ausfallen1, und wie es aussieht, nicht nur das – womöglich fallen demnächst eine ganze Reihe anderer Programme weg. Aber eins nach dem anderen.

Besagter Silvesterklassiker wurde alljährlich vom Komikerduo Downtown, zusammen mit den beiden Komikern Cocorico sowie dem Komiker- und Rakugodarsteller Hōsei bestritten. Diese machen bereits seit Jahrzehnten eine halbstündige Sendung am Sonntag abend „ガキの使い gaki no tsukai“. Das Silvesterspektakel ist in der Regel gute 6 Stunden lang und jeweils einem Thema gewidmet (Airport, Detektive, Schule, Polizei und so weiter) und vom Prinzip her ganz simpel: Wenn jemand lacht, gibt es mit dem Gummiprengel auf den Allerwertesten. Klingt sehr banal, ist es auch, aber die Sendung war, streckenweise zumindest, sehr vergnüglich, denn während der Show (die angeblich 24 Stunden lang dauert – aber wer weiss schon genau, wie das wirklich produziert wird) tauchen unzählige bekannte Schauspieler, Komiker, manchmal sogar Politiker und andere bekannte Personen auf, die sich dort persiflieren oder persiflieren lassen – einzig mit dem Zweck, die fünf Komiker zum Lachen zu bringen. Dabei geht es nicht immer zimperlich zu – die Show trägt mit Sicherheit dazu bei, dass japanisches Fernsehen im Ausland als besonders schrill und abgefahren gilt. Das ist nicht jedermanns Sache. Da Silvester in Japan ja nicht mit Freunden, sondern mit der Familie begangen wird, hat man an jenem Abend im wesentlichen nur zwei Möglichkeiten: Entweder, man schaut Kōhaku (rot-weiß), ein Musikprogramm, bei dem diverse Bands und Barden „gegeneinander antreten“, oder eben Downtowns „Waratte wa ikenai“. Die anderen Programme sind kaum der Rede wert.

Allerdings ist auch in Japan die political correctness im Vormarsch, und dafür soll im Fernsehen vor allem die BPO (Broadcasting Ethics & Program Improvement Organization)2 sorgen, eine unabhängige Körperschaft, die in der heutigen Form seit 2003 den Fernsehsendern auf die Finger schaut und sagen soll, was ethisch vertretbar ist und was nicht. Im Visier steht da schon seit längerer Zeit Downtown, denn die zeigen „mit Schmerzen verbundenes Lachen“ (so die Begründung), und das sollte möglichst aus den Programmen verschwinden.

Persönlich halte ich das für sehr bedauernswert. In dem Programm haben die Beteiligten herzlich über sich selber gelacht, und man hat den Auftretenden angemerkt, dass sie Spaß an der Sache hatten. In den meisten Nachrichtenprogrammen in Japan werden brutale Gewalttaten genüßlich ausgeweidet – das geht in Ordnung – doch ein ganz offensichtlich humoristisches Programm ist ethisch nicht vertretbar: Eine fadenscheinige Begründung, die über das Ziel hinausschießt. Sicherlich wird die Neujahrssendung dann aber ordnungsgemäß ersetzt. Mit einer 6 Stunden langen Kochsendung. Oder Komödianten, die sich über Baseball unterhalten. Oder eine Talkshow mit Musikern, die sich darüber unterhalten, was sie als Schulkinder gern gegessen haben.

Das japanische Fernsehprogramm, das meiner Meinung ohnehin schon nicht viel bietet, ist auf dem Weg, gänzlich zu veröden. Aber was soll’s, es gibt zahlreiche bessere Dinge zu tun.

Titelbild © giftmovie.jp

  1. Siehe hier
  2. siehe www.bpo.gr.jp
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

5 COMMENTS

  1. Das ganze trübt mich sehr traurig. Es war immer schön zu sehen, wie sich alle nicht zu ernst genommen haben. Wirklich schade, dass man hier Downtown als „Sündenbock“ darstellt.

  2. Das ist in der Tat äußerst bedauerlich. Ich verbinde viele Jahre tolle Erinnerungen mit der Sendung und habe sie treu auch nach verlassen Japans weiter auf anderen Wegen angeschaut. Die Idee ist einfach immer noch simply spitze.

    Buh.

  3. Und ich dachte noch vor kurzer Zeit, dass wenigstens Japan vor Wokeness und Political Corectness zumindest auf absehbare Zeit geschützt ist, aber scheinbar ist das ein Trugschluss. Dieser Trend ist so schade, weil er in letzter Konsequenz dazu führt, dass wir alle zumindest öffentlich immer vorsichtiger werden, da hinter jeder Ecke jemand lauert, der betroffen reagieren könnte, zur Not stellvertretend für andere. Und letzteres beobachte ich in Deutschland immer mehr. Dabei wird häufig ignoriert, dass es auch unter den Betroffenen (in diesem Beispiel die Persiflierten) sehr viele gibt, die gar nicht auf die Idee kämen betroffen zu sein oder ganz einfach über den Dingen stehen. So wie ich als Pole auch über einen guten Polenwitz lächeln kann und nicht auf die Idee käme deswegen die Moralpolizei zu rufen.

  4. Ich habe seit dem „Fall“ Hiroshi Sasaki im Zusammenhang mit der Olympia-Eröffnungsfeier in Tokio (Stichwort: Olympig) die Entwicklung von PC in Japan verfolgt und auch in meiner Sendung immer wieder thematisiert. Seitdem versuche ich irgendwie dagegen zu halten, denn die Entwicklung findet ja quasi parallel in Deutschland statt. Vielleicht sollte man zu Silvester mal eine Live-Sendung á la Downtown machen… Auf YouTube kann man sich ja NOCH einiges erlauben… #diegelbelanze

  5. TV Programm läuft zu Silvester und Neujahr überwiegend bei der Schwiegermutter. Selbst mit dem Sport Programm (Marathon) zu Neujahr tue ich mir schwer. Bin froh das es Alternativen gibt. Und wenn das Wetter gut ist was es ja meistens ist zu neu Jahr ab raus in die Natur. Ist da noch die Beste Alternative.

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