BlogDas Mysterium verschwindender Gerichtsakten

Das Mysterium verschwindender Gerichtsakten

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Ende Oktober tauchte zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ein Begriff in den Nachrichten auf, den man lange nicht mehr gehört hat – und auch nicht gern wieder hören wollte. Es ging um 少年shōnenAey – den „Jugendlichen A“. 1997 ermordete ein 14-jähriger zwei 10- und 11-jährige Kinder in Kōbe auf grausamste Art und Weise. Der Mörder wurde gefasst, aber da er noch minderjährig war, durfte sein Klarname natürlich nicht veröffentlicht werden, weshalb er stets als „Jugendlicher A“ bezeichnet wurde (mehr zu dem Vorfall gibt es unter anderem hier auf der englischen Wikipedia-Seite). 2015 berichtete ich bereits in diesem Artikel über den Täter, dessen wahrer Name inzwischen enttarnt wurde, als dieser ein unverfrorenes Buch über seine Taten schrieb und dieses dann zum Bestseller avancierte. Ende Oktober stellte man nun fest, dass quasi alle Gerichtsakten über den Mordprozess „aus Versehen“ vernichtet wurden – sie existieren einfach nicht mehr, wie unter anderem die Kobe Shimbun in diesem Artikel berichtete.

Heute wurde nun bekannt, dass, ebenfalls aus Versehen, die Gerichtsakten über den Prozess zum Verbot der Aum-Sekte vernichtet wurden. Bengo4.com, eine News-Plattform von Anwälten, recherchierte zu dem Thema und fand dabei heraus, dass die relevanten Akten über die mörderische Sekte bereits 2006 vernichtet wurden – also nur 10 Jahre nach dem tödlichen Giftgasangriff auf die U-Bahn von Tokyo. Das ganze wurde in einem Tweet einer der Redakteure der Plattform bekanntgegeben:

Wie man später herausfand, hatte man die Vernichtung der Akten bereits 2018 festgestellt, doch die Liste der Akten war lang und der Aum-Vorfall stach dabei offensichtlich nicht heraus, doch das Thema wird gerade jetzt wieder relevant. Dabei geht es um die Mun-Sekte (auch bekannt als Wiedervereinigungskirche) und deren dunkle Machenschaften in Japan – angestoßen vom Mordmotiv des Abe-Attentäters. Hier mehren sich nämlich die Stimmen, die ein Verbot der Sekte fordern, und zu diesem Zweck wäre der Präzedenzfall, den das Verbot der Aum-Sekte damals bildete, durchaus von Interesse.

Beide Fälle, die des Kobe-Mörders sowie die der Aum-Sekte, sind von extrem hohen Interesse für Japan, da sie die Öffentlichkeit und das Rechtssystem stark beeinflussten. Von daher ist es unverständlich, dass die Akten nicht nur nicht digitalisiert, sondern sogar vollständig vernichtet werden konnten. Wahrscheinlich ist dies sogar nur die Spitze des Eisberges…

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

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