BlogBeobachtungen: Städtebau mit und ohne Krieg

Beobachtungen: Städtebau mit und ohne Krieg

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Japanische Städte werden von vielen Besuchern, vor allem aber von länger in Japan verweilenden, als chaotisch empfunden. Chaotisch im Sinne von stadtplanerisch chaotisch. Ein einheitliches Stadtbild ist quasi nicht existent, stattdessen scheint jeder zu bauen, wie es gerade passt. Hinzu kommt eine nicht selten chaotische Straßenplanung. Hinzu kommen oftmals irrwitzig schmale, aber hohe Häuser sowie der quasi nicht vorhandene Abstand zwischen den Häusern. Darauf angesprochen, hatte ich früher öfter Dinge gehört wie „das ist so, weil nach dem Krieg / nach dem Erdbeben usw. alles schnell aufgebaut wurde“.
Nein. Daran liegt es nicht. Das wurde mir mal wieder auf der Insel Ishigaki in Okinawa klar. Während die Hauptinsel gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von den Amerikanern erobert wurde und der dicht besiedelte Süden der Insel quasi dem Erdboden gleichgemacht wurde, blieb Ishigaki verschont. Dort gab es nur eine kleine Einheit der kaiserlichen Armee, und die Amerikaner begnügten sich wohl damit, das Flugfeld zu bombardieren. Ach ja, weder auf Okinawa noch auf Ishigaki gab es in der Vergangenheit wirklich verheerende Erdbeben. Krieg hin oder her: Das Ergebnis ist nahezu gleich – auch im Hauptort von Ishigaki ist alles bunt durcheinander gewürfelt.

Panorama des Hauptortes von Ishigaki
Panorama des Hauptortes von Ishigaki

Für Europäer ist der Wildwuchs im Städtebau durchaus gewöhnungsbedürftig, denn in den meisten Städten in Europa findet man je nach Straße oder Viertel ein oft mehr weniger geschlossenes Stadtbild – das äußert sich zum Beispiel in Häuserzeilen, in denen die Häuser entweder gleich groß sind oder zumindest architektonisch miteinander abgestimmt sind. Ausnahmen bilden freilich Städte, die im Krieg stark zerstört wurden.
Auf Okinawa stellt man übrigens schnell fest, dass Häuser dort anders „verwittern“ – in der feuchten subtropischen Luft verwandeln sich nur etwas ältere Häuser irgendwann in graue, verwitterte Bauten, die wesentlich älter aussehen als sie wirklich sind. Der Anblick kann dabei jedoch einen gewissen Charme hervorbringen. Man möchte fast meinen, diese Bauten sind auf dem besten Weg zurück zur Natur. Siehe Beispiel:
Altes Cafe nahe der Kabira-Bucht
Altes Cafe nahe der Kabira-Bucht

tabibito
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

7 Kommentare

  1. Ist nicht der Grund wieso es so viel kleine und große Häuser gibt der, daß die städte alle Balungsgebiete sind mit einer dichten Population und man jeden nur erdenklich freien platz effektiv ausnutzen will(Platzmangel)?
    zudem viele Häuser nach 40 jahren abgerissen werden und wieder neue gebaut werden die dann wieder sicherer und moderner sind?

    • Also Platzmangel könnte man durch große, mehrstöckige Wohnbauten besser lösen als durch viele kleine, eng aneinanderliegende Einfamilienhäuser, wie man sie in Tokyo überall sieht.

    • Nicht ganz. Denn auch in kleineren Gemeinden mit viel mehr Platz wurde und wird oft sehr eng gebaut. Der Hauptort von Ishigaki ist da keine Ausnahme. Das „scrap & build“-Konzept andererseits ist in der Tat eine der Hauptursachen der inkonsistenten Stadtbilder.

  2. Also die gammeligen Häuser kenne ich auch so aus Taiwan, da sieht es auch so aus. Ich glaube aber nicht, dass das direkt an dem Klima liegt (Naja, natürlich), sondern wohl einfach daran, dass sich niemand um die Renovierung der Außenwände zu kümmern scheint. Bzw. allgemein Häuser einfach nur für eine bestimmte Zeitdauer gebaut werden und anschließend abgerissen und neugebaut werden sollen.

    • Das hat schon viel mit dem Klima zu tun – da es in der Gegend meistens warm und feucht ist, setzen sich dort schnell Schimmel + Co. fest. Sieht ja in weiten Teilen Afrikas auch so aus – nicht aber im arabischen Raum zum Beispiel, da es dort einfach zu trocken ist.
      Um die Renovierung der Aussenwände kümmert sich in den Breiten in der Tat kaum einer.

  3. In Tsurukawa beispielsweise sind die Bauten jetzt nicht so klein und verwittert. Dort hat man auch offenbar noch genug Platz zum Bauen :)
    Chaotisch ist es da jedoch auch!

  4. Es mag für die Fortbewegung mühsam sein, doch genau das finde ich an Tokyo (und japanischen Städten gererell) so charmant. Das quer durcheindergebaute Gebastel ist quasi die Reinkarnation von Cyperpunk. Modern, üppig, chaotisch – sehr charakteristisch. Sehr inspirierend. :)
    Und das mit der Verwitterung habe ich letzthin auch in Kamakura beobachtet. Das mag ich auch sehr: Verwahrloste Gebäude haben so was romantisches und zugleich melancholisches. Der Zahn der Zeit scheint bildlich vor einem zu stehen. Ich würde ja auf die starke/feuchte/salzhaltige Seeluft tippen. Salze leisten zur Korrosion von Metallen ja einen entscheidenden Beitrag.
    In Idabashi habe ich letztens so ein irrwitzig schmales Gebäude gesehen – mindestens 8 Stöcke hoch, doch gerade Mal 3-4 Meter tief. Als sei es nach dem Tetris-Prinzip hineingesetzt worden. [Ich lade ansonsten später Mal ein Foto davon auf meinen Blog]

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