Blog Anschauen, essen, fühlen! Katastrophentourismus 2011

Anschauen, essen, fühlen! Katastrophentourismus 2011

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Seit einigen Tagen häufen sich die „Go! Tohoku“-Werbeposter in den U-Bahnen und anderswo. 東北 (Tōhoku) bedeutet Nordosten (bzw. streng übersetzt Ostnord) und ist der Name für die 6 Präfekturen im Norden der Insel Honshū. Die Küste entlang der Osthälfte der Region wurde bekanntlich bei dem schweren Erdbeben am 11. März 2011 verwüstet.

Go! Tohoku-Kampagne

Mittlerweilen gibt es immer weniger Privatpersonen und Gesellschaften im Nordosten, die Freiwillige für körperliche Arbeit benötigen. Das bedeutet, dass vieles aufgeräumt wurde. Das bedeutet aber nicht, dass alles wieder aufgebaut wurde. Die meisten Schulen zum Beispiel wurden noch nicht wiederaufgebaut – da in zahlreichen vom Tsunami betroffenen Gemeinden erst noch geklärt werden muss, ob man eine erneute Bebauung überhaupt zulassen kann. Möglicherweise werden weite Gebiete für die Bebauung gesperrt, da zahlreiche überflutete Bereiche durch das Beben schlagartig derart abgesenkt wurden, dass sie unter dem Meeresspiegel liegen – und damit besonders anfällig für neue Tsunamis und Sturmfluten sind.
Die „Unterstützt den Nordosten einfach dadurch, dass Ihr hinfahrt und konsumiert“-Idee kam bereits im April/Mai auf – quasi zu dem Zeitpunkt, als die wichtigsten Verkehrstrassen wiederhergestellt und auch die Versorgung wieder halbwegs funktionierte. Der Grundgedanke ist auch verständlich. Viele Gemeinden lebten vom Tourismus, und wenn schlagartig auch noch alle Touristen ausbleiben, wird die Lage sicherlich nicht besser. Andererseits ist die ganze Angelegenheit jedoch auch moralisch heikel. Einfach mal Katastrophe angucken fahren hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Ich weiss nicht, ob ich das könnte – meine Frau könnte ich damit jedenfalls nicht überzeugen.
Etwas apart ist der Slogan dieser Kampagne:  観て、食べて、感じて (Mite, Tabete, Kanjite) – wörtlich: „Ansehen, essen, (mit)fühlen“. Oha.
Immerhin wurden gestern die letzten Massennotunterkünfte (Turnhallen, Kongresszentren, Schulen usw.) in der Präfektur Iwate geschlossen: Alle Bewohner konnten – nach fast einem halben Jahr – mittlerweilen anderweitig untergebracht werden.
Anbei noch der Link zur oben genannten Kampagne. Das Portal sammelt quasi Veranstalter solcher Touren und vermittelt Reisen – wer über das Portal bucht, bekommt Rabatt: Go! Tohoku 被災地応援ツアー

tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

3 COMMENTS

  1. Ich hätte glaub ich weniger Probleme damit dort hin zu fahren. Es ist ja nicht so dass durch den eigenen Besuch sich dort etwas verschlimmern würde oder sich bei der Katastrophe etwas ändern würd. Es würde wie gesagt eher helfen als schaden.
    Nachgeschmack hätte ich auch keinen, ich fahr ja dort nicht hin um die Katastrophe zu bewundern sondern ggf. damit den Leuten dort zu helfen.
    ps. 90% der Autofahrer haben ja auch kein Problem damit 1 km/h neben einen Unfall auf der Autobahn zu fahren nur damit sie besonders gut gaffen können…

  2. Auf jeden Fall ist es wichtig den Torismus in der Region Tohoku nicht „einschlafen“ zulassen. Ist ja nicht so das ganz Tohoku durch Tsunami und Beben verwuestet wurde. Es gibt sicherlich genug Menschen die aus was weiss ich den fuer Gruenden nicht beim Aufraeumen oder anderen Sachen Helfen koennen. Jede Art von Hilfe ist wichtig fuer die Region. Man muss halt fuer sich entscheiden was man tun kann und moechte. Nichts tun ist das was man nicht tun sollte. Lieben Gruss Enrico :-)

  3. Ich sach mal, durch solche Veranstaltungen wird dewr Katastrophentourismus zumindest kanalisiert und gelenkt. Damit steht keiner im Weg rum. Inwieweit (menschliche) Hilfe derzeit tatsächlich noch nötig ist, wird die örtliche Verwaltung am besten wissen. Durch solche Veranstaltungen kann zumindest eine Einnahmequelle wieder gestärkt werden.

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