BlogAbgesang: Das war 2022

Abgesang: Das war 2022

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Wie jedes Jahr gibt es den traditionellen, persönlichen Jahresrückblick – dieses Jahr live aus dem Flugzeug, auf dem Weg von Kōchi (Shikoku, nicht das in Indien!) zurück nach Tokyo. Das war also, aus Sicht von Tabibito, das Jahr 2022:

Politik

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Was für ein Jahr. Corona, Inflation, Krieg in der Ukraine, ein ermordeter Ex-Premierminister und die nicht ganz neue und dennoch erschreckende Erkenntnis, wie korrupt Politiker in Japan sind – sich jahrzehntelang von einer ominösen Sekte unterstützten zu lassen, und hernach zu behaupten, von nichts gewusst zu haben, ist einfach nur furchtbar. Wussten sie wirklich nicht, wer hinter all der Unterstützung und den Spenden steckte? Dann waren die Politiker schlichtweg grob fahrlässig und inkompetent. Wussten sie jedoch, was die Sekte alles treibt, dann waren sie ruchlos und wählerschädigend. Welches es auch war – hoffentlich wird der Prozess der Entflechtung von Politik, Geld und Religion im Jahr 2023 fortgesetzt.

Wirtschaft

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Japan geht es wie den meisten anderen Ländern in dieser Zeit – die Preise ziehen an, begünstigt vor allem durch die hohen Energiepreise sowie den schwachen Yen, der sich allerdings im Dezember wieder etwas gefangen hat. Die Preise waren in Japan in den letzten Jahrzehnten relativ stabil — viele Sachen kosteten 2021 genauso viel wie bei meiner ersten Reise 1996 (wenn man die Mehrwertsteuer mal außen vorlässt). Doch das änderte sich plötzlich 2022, und die Entwicklung ist durchaus besorgniserregend, wird sie doch zu einem weiteren Auseinanderklaffen der Einkommensschere führen – und damit womöglich zu gesellschaftlichen Spannungen. Die japanische Regierung versucht zwar, dem entgegenzusteuern, doch die Versuche sind eher halbherzig. Für die meisten Japaner gilt letztendlich am Ende des Tages: (Fast) alles wird teurer, bei gleichbleibendem Einkommen.

Beruf

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Seit nunmehr 17 Jahren das Gleiche: Keine größeren Änderungen. Immerhin geht es im Nebenberuf/Hobby nun etwas mehr voran – die 2. (eigentlich sogar 3.) Auflage meines „Bestsellers“ ist endlich erschienen, und auch die überarbeitete Neuauflage des Marco Polo Tokio. Beide erschienen mit mehr als 2-jähriger Verspätung.

Als ich Ende Januar 2021 beschloss, ab dann vorerst mit dem Fahrrad zum Büro zu pendeln – hin und zurück immerhin 42 Kilometer – hätte ich nie gedacht, dass so lange fortzusetzen, doch auch 2022 ging es – mit ganz wenigen Ausnahmen, bei Starkregen zum Beispiel – mit dem Rad nach Tokyo. Nach einer Weile verlangt der Körper das einfach.

Familie

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Wie die Zeit doch vergeht. Im Januar erlebten wir den Krimi „an welche Oberschule wird unsere Tocher wohl gehen“ – sprich, welche der schwierigen Aufnahmeprüfungen wird sie wohl bestehen und welche nicht. Nun, das Ergebnis schien erstmal nicht so gut, da sie nun letztendlich an eine – ziemlich teure – Privatschule geht. Letztendlich ist es aber nicht ganz so wild – auch an einer öffentlichen Schule hätten wir hohe Kosten gehabt. Immerhin ist die Schule nicht allzu weit weg und die Klasse und die Lehrer in Ordnung. Mein Sohn hingegen „geniesst“ das letzte Jahr an der Grundschule – ab April geht es in die Mittelschule, und dann wird es langsam ernst…

Gesundheitlich hatten wir auch in diesem Jahr Glück – Frau und Kinder steckten sich zwar mit Corona an, aber die Verläufe waren vergleichsweise mild. Selbst war ich scheinbar nicht betroffen – allerdings habe ich mich auch nicht rigoros testen lassen, da gleichzeitig im Büro ebenfals Kollegen coronabedingt ausfielen und ich an einigen Tagen der einzige vor Ort war… Deswegen habe ich beschlossen, fest daran zu glauben, dass ich sicherlich auch positiv, aber symptomlos war…

Reisen

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Nachdem die meisten coronabedingten Reisebeschränkungen endlich aufgehoben wurden, ging es endlich mal wieder nach Deutschland – zum ersten Mal seit 2017. „Endlich“ weniger wegen Heimweh – das hatte ich noch nie – sondern mehr wegen Familie und Freunden. Die gut 2½ Wochen in Deutschland, mit einem kurzen Abstecher nach Belgien und die Niederlande, taten gut. So viele nette Menschen wie in den zwei Wochen habe ich in den vergangegenen 3 Jahre zusammen nicht gesehen.

Ansonsten ging es auch innerhalb Japans wieder etwas auf Reisen – zwei Mal sogar mit der ganzen Familie, was mit fortschreitendem Alter der Kinder zunehmend seltener wird, da die Kinder immer irgendwas mit der Schule zu tun haben. Im Juni ging es in diesem Jahr nach Nord-Kyushu – unter anderem zu den sehr sehenswerten Goto-Inseln. Im August ging es mit der Familie nach Nasu in Tochigi, im November – beruflich bedingt – wieder nach Nord-Kyushu und in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr mit der Familie nach Kochi, dem Süden von Shikoku. Eine ungewöhnliche Jahreszeit, diese Gegend zu bereisen, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Im Jahr 2022 besuchte Orte in Japan
Im Jahr 2022 besuchte Orte in Japan

Blog +α

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Dieses Jahr gab es – wie in den letzten Jahren auch – 84 neue Beiträge. Das sind 7 Beiträge pro Monat, und zwar nicht im Schnitt, sondern exakt. 17 dieser Beiträge (2021: 26, 2020: 36) beschäftigten sich mit Corona – die Tendenz ist zum Glück abnehmend.

Die Top 20 der Beiträge vom Jahr 2022 ist wie folgt:

  1. Wie gelangt man an eine japanische Oberschule — ein Einstieg in höhere Mathematik
  2. Es kommt Bewegung in die Sache: Wird ersten Touristen bereits im Mai die Einreise erlaubt?
  3. Aufarbeitung des Mordes an Abe bringt Erschreckendes zu Tage
  4. Japans 2025-Problem
  5. Visafreies und uneingeschränktes Reisen nach Japan in greifbarer Nähe
  6. Das Kreuz mit den japanischen Familiennamen
  7. Ex-Premierminister Shinzō Abe bei Attentat getötet: Ein Nachruf
  8. Tokyo in weiß | Coronazahlen steigen rasant nach monatelanger Pause
  9. Elon Musk: Japan wird aufhören zu existieren
  10. Einreise in Japan — so funktioniert es (zur Zeit)
  11. Der Fluch geht weiter: Ramenrestaurant verweigert sich standhaft
  12. Japan schließt sich in Sachen Ukraine dem Westen an | Meinung zum Thema
  13. Motiv des Shinzo Abe-Attentäters zerrt Japans Problem mit den Religionen ans Licht
  14. Japan wird teurer – und das nicht zu knapp
  15. Danchi – Japanische Wohnsilos
  16. Neue Tsunami-Art? Tonga-Vulkanausbruch verblüfft Geowissenschaftler
  17. Schulspeisung in Japan
  18. Coronazahlen steigen und steigen dank Omikron – wie reagiert Japan?
  19. Die Lage wird unübersichtlich – Omikron hinterläßt immer mehr Spuren
  20. Unfallimmobilien: Die ominösen Schnäppchen

Auch außerhalb des Blogs hat sich wieder einiges getan – 2022 entstanden:

Sicher hat jedermann so wie ich gehofft, dass 2022 besser wird als das Jahr 2021. Nun, richtig besser wurde es nicht. Im Gegenteil. Hoffentlich gibt es mehr Frieden und weniger Pandemie im Jahr 2023!

In dieser Hoffnung wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch ins Neue Jahr – ich hoffe, Ihr bleibt diesem Blog auch im nächsten Jahr treu!

tabibito
tabibitohttps://www.tabibito.de/japan/
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei Tabibitos Japan-Blog empfohlen.

12 Kommentare

  1. Vielen Dank für Deinen schönen Blog und Dir und Deiner Familie einen Guten Rutsch und ein schönes 2023. Und natürlich bleiben die Katzen dem Blog treu *MIau*

  2. Hallo,

    ich wünsche dir auch einen guten Rutsch ins neue Jahr. Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen mehr Sport zu treiben. Ich werde mir an dir ein Beispiel nehmen und öfters mit dem Rad fahren. Zu erst fang ich damit an zu meinem Bahnhof zu fahren, 5 Kmh entfernung. Später fahre ich dann selber zu meiner Arbeitsstelle.

      • Also bei mir sind es knapp 16 Kilometer. Du bist ja in Tokyo mit dem Rad öfters zur Arbeit gefahren, ich glaube bei dir waren es knapp 21 Kilometer. Bei so einer langen Radtour schwitzt man doch, hast du dich bei der Arbeit umgezogen?

        • Genau, und die fahre ich immer noch nahezu täglich. Im Büro kann ich mich auch umziehen – leider haben wir keine Dusche, aber das Büro ist groß genug für genügend Abstand

  3. Hallo,
    auch von mir, ein frohes neues Jahr, und ein großes Danke für die interessanten Beiträge. Sollte alles klappen ( ab April gehe ich dann nur noch in Vollschutz ) komme ich dieses Jahr endlich wider nach Japan.

  4. Gesundes neues Jahr!

    Danke, für die vielen unterhaltsamen und informativen Beiträge.
    Eine Sache interessiert mich aber noch.
    Du schreibst: „So viele nette Menschen wie in den zwei Wochen habe ich in den vergangegenen 3 Jahre zusammen nicht gesehen.“ – Woran liegt das? Einfach die familiäre Komponente der alten Beziehungen zur Heimat oder daran, dass in Japan die Leute eher nach außen hin freundlich erscheinen, ohne dass man genau weiß, wie sie eigentlich über einen denken? Oder ganz sachlich, wie die Menschen dir gegenüber auftreten?
    Sprich: Wie definierst du in diesem Kontext „nette“ Menschen?

    Gruß und starte gut ins neue Jahr!

    • Ein Gesundes Neues Jahr wünsche ich Dir auch!

      Das war eher coronabezogen… man trifft ja ohnehin nicht so viele Freunde/Fremde in Japan, wenn man hier beruflich komplett eingebunden ist. Und alle offline-Meetings und Konferenzen und dergleichen waren ja auch 2020-22 abgesagt.

      Als nett definitive ich Menschen, mit denen ich es ein paar Stunden aushalten kann :) Das können Freunde, Familienangehörige aber auch Fremde sein, und alle drei Kategorien habe ich in Deutschland auskosten können. In Japan ist das eher auf Familienangehörige und ein paar geschäftliche Kontakte beschränkt – ich habe hier zwar auch etliche Freunde, aber besonders die wurden wegen Corona arg vernachlässigt…

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