Go to travel, eingeschränkter Zugverkehr und lange Ferien

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    Corona hält natürlich auch Japan weiterhin in Atem, wenn auch auf einem konstanten Level. Zumindest, wenn man sich hier, aus dem Fernen Osten, die Lage in Europa so ansieht. Es ist einfach nur zum fürchten. In Japan hingegen gab es zwar eine zweite Welle, aber selbst die hat nach europäischem Maßstab den Namen nicht verdient, und die Zahlen sind nun schon seit Wochen mehr oder weniger konstant: Im Schnitt zählt man um die 500 Neuinfektionen im Land; Tokyo bleibt mit circa 175 Neuinfektionen natürlich unangefochten auf Platz 1.

    Grund zur Entwarnung gibt es also noch nicht, aber die Regierung hält trotzdem an der “Go to travel”-Kampagne fest, und seit einer Woche gehört auch Tokyo dazu. Die Bürger sollen mit finanziellen Anreizen dazu animiert werden, zu verreisen – auch nach beziehungsweise innerhalb von Tokyo. Und das Angebot wird wohl auch vermehrt in Anspruch genommen – man kann es den Menschen nicht verübeln. Denn die meisten haben sich seit März ununterbrochen selbst eingeschränkt, und da es momentan so gut wie keine ausländischen Touristen gibt, ist jetzt die perfekte Zeit, das eigene Land ohne riesige Menschenmengen zu bewundern. Zu guter letzt muss natürlich dem Tourismusgewerbe kräftig unter die Arme gegriffen werden, sonst ist im nächsten Jahr davon nicht mehr viel übrig. Die Idee als solche ist da schon clever: Anstatt den Hotels und Restaurants einfach Geld zu geben, gibt man den Besuchern Geld, um dies dann weiterzugeben. So hat jeder etwas davon.

    Wird das gut gehen? Die Frage ist aus medizinischer Sicht mehr als berechtigt. Aber es könnte durchaus gut gehen. Go to travel läuft – Tokyo ausgenommen – seit August, und obwohl bereits in den Sommerferien viele davon Anspruch genommen haben, sind die Zahlen nicht sonderlich gestiegen. Der eine oder andere Fall wird sich sicherlich nicht vermeiden lassen, aber soweit sich die Veranstalter und die Reisenden an die gängigen Regeln halten, sollte das Risiko überschaubar sein. So hoffe ich zumindest. Und das sehen die Politiker ähnlich. Go to travel sollte im Januar auslaufen, doch nun überlegt man schon, die Aktion fortzusetzen.

    Dennoch hinterlässt Corona natürlich tiefe Spuren. Home office und die Angst vor dem Virus sorgen dafür, dass viele Restaurants und Kneipen in den Bürovierteln der Stadt ums Überleben kämpfen. Während vor Corona die letzten Bahnen garantiert proppevoll waren – zur Hälfte mit schwer Angetrunkenen, so sind die letzten Bahnen nunmehr fast leer. JR (Japan Railways, die einst staatliche Bahnlinie) hat deshalb nun Pläne veröffentlicht, die letzten Bahnen um im Schnitt 30 Minuten vorzuverlegen. Auf den meisten Strecken in und um Tokyo fuhr die berühmte 終電 shūden. die letzte Bahn, gegen 0:30. Wer die verpasst, muss entweder laufen, mit dem Taxi fahren, oder bis zur 始発 shihatsu, der ersten Bahn (ab circa 4:30) weiterfeiern. Mit der Vorverlegung fahren diese also nun gegen Mitternacht ab.

    Sorge bereitet den Politikern nun das Neujahr. Die meisten Japaner haben dann Urlaub und fahren oft in ihre Heimat, zumindest aber gehen sie zum Schrein oder Tempel, um das neue Jahr einzuläuten. Dieses Jahr liegt Neujahr jedoch ziemlich unglücklich – der 2. und 3. Neujahrstag fallen auf ein Wochenende, so dass viele nur 2, 3 Tage frei haben werden – wenn überhaupt – um dann am 4. Januar wieder zur Arbeit zu gehen. Das würde bedeuten, dass sich die Menschen an den wenigen freien Tagen noch mehr drängeln als üblich, denn berühmte Schreine und Tempel erwarten mehrere Millionen Besucher in den ersten drei Tagen des neuen Jahres:

    #Japanischer NameLateinischOrt/PräfekturNeujahrsbesucher
    1.明治神宮Meiji-JingūShibuya (Tokyo)3,16 Millionen
    2.川崎大師 平間寺Kawasaki-Daishi Heiken-jiKawasaki (Kanagawa)3,02 Millionen
    3.成田山 新勝寺Narita-san Shinshō-jiNarita (Chiba)3 Millionen
    4.浅草寺Sensō-jiAsakusa (Tokyo)2,83 Millionen
    5.伏見稲荷大社Fushimi Inari-TaishaKyoto2,7 Millionen
    6.鶴岡八幡宮Tsuruoka Hachiman-gūKamakura (Kanagawa)2,5 Millionen
    7.住吉大社Sumiyoshi-TaishaOsaka2,36 Millionen
    8.熱田神宮Atsuta-jingūNagoya (Aichi)2,3 Millionen
    9.武蔵一宮 氷川神社Musashi-Ichinomiya Hikawa-JinjaŌmiya (Saitama)2,15 Millionen
    10.大宰府天満宮Dazaifu Tenman-gūFukuoka2 Millionen

    Um den Verkehr und die Menschenmassen zu streuen, wurde nun vom Wirtschaftsministerium vorgeschlagen, den Firmen ans Herz zu legen, ihre Angestellten vom 26. Dezember bis zum 11. Januar (ein Feiertag) in den Urlaub zu schicken. Allerdings wurde das schnell wieder dementiert, denn 17 Tage erscheint den Politikern nun doch etwas lang. Es ist allerdings kaum zu erwarten, dass ein Grossteil der Japaner auf diese Tradition verzichten wird.

    Hatsumōde – der traditionelle Neujahrsbesuch in einem Schrein oder Tempel. Hier im Hakusan-jinja (jinja = Schrein) in Niigata

    6 COMMENTS

    1. Jaja, die Zahl der Infizierten.

      Klar, bei rund 900 Tests, gibt es auch “nur” rund 180 Infizierte.
      Verzehnfachte man die Tests einmal, wuerde das Ergebnis bestimmt anders aussehen!

      Wir werden wohl noch geraume Zeit mit COVID19 (hoffentlich) leben (muessen).

      • Ich denke mal schon, dass momentan wesentlich mehr getestet wird. In der Schule meines Sohnes gab es vor zwei Wochen einen Corona-Fall in der ersten Klasse. Drei Tage später wurde bei allen Erstklässlern, rund 100 Schüler, der PCR-Test gemacht. Gerade wenn Kinder mit im Spiel sind, macht man – endlich – ernst mit dem Testen. Kann aber von Kommune zu Kommune unterschiedlich sein. In Chiba zum Beispiel wird nicht getestet – man lässt die ganze Klassenstufe einfach nicht mehr in die Schule

    2. Was ich ja hier in Japan immer interessant finde, sind die Bitten und Vorschläge der Regierung an die Privatwirtschaft, dies und das doch bitte zu machen, und die Regierung selbst macht nichts. Das war z.B. bei der Quote für Behinderte am Arbeitsplatz vor einigen Jahren so, und das sieht man auch jetzt wieder. Wenn die Regierung das mit den verlängerten Neujahrsferien wirklich so ernst meinen würde, warum schickt sie dann die Beamten nicht in Sonderurlaub? Das wäre doch mal ein gutes Vorbild. Aber da bittet man lieber die Unternehmen, sowas zu machen, und bleibt selber passiv. Ich arbeite übrigens im öffentlichen Dienst in Japan, und bei uns gibt es bisher absolut Null Ankündigungen, Anfang Januar etwas anders zu machen als üblich.

      • Das war auch der Grund, warum sie einen Rückzieher gemacht haben – etliche Schulen sind an das Bildungsministerium herangetreten und haben gesagt, dass das nicht machbar ist. Ansonsten – genau. Egal ob Behindertenförderung, Gleichstellung, Arbeitszeitreform, Vaterschaftsurlaub usw. – die Beamten müssten da natürlich vorneweg gehen, sonst klingt das nicht glaubwürdig.

    3. Hier in Deutschland geht es gerade so richtig los. Spötter meinen, man hätte so einiges nachzuholen, in Sachen Corona. Unser Krankenhaus füllt sich so langsam. Am liebsten möchte ich nicht mehr hin, aber irgendwer muss ja.
      Und unsere Politiker warten und warten. Die Schulen haben noch auf, ohne wenn und aber. An Kindern geht das Virus vorbei. Sie merken nicht, haben keine Symptome, schleppen aber den Infekt in die Familie. Will bloß keiner von Ministerium, oder sonst wer aus der Riege, wahrhaben. Ich persönlich bezeichne unsere Politiker als Verdrängungsspezialisten für außergewöhnliche Tatsachen.
      Ich denke Corona ist zum Selbstläufer, so wie in anderen Staaten, geworden. Es gibt keine einzelnen Hotspots mehr. Hier auf Intensiv liegt die spitze des Eisberges der breiten Masse die in den nächsten Tagen noch kommt. Das was wir auf Station haben ist mindestens eine Woche, vom Infektionsgeschehen her, alt. Der Rest läuft größtenteils noch in der Gegend herum und verteilt alles Gute was in ihm stecht.

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