Billy’s Bootcamp meets Fifty Shades of Grey?

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    1994

    Der Fernseher dudelte vor sich hin, als ich mal wieder ein ordentliche Sugo a la Tabibito zauberte. Die Kinder schauten sich irgendein x-beliebiges Programm an. Mit halbem Ohr hörte ich plötzlich, wie in der Werbung immer wieder “トルチャ !” (torucha!) gerufen wurde. Wie bitte!? Ich schaute schnell zum Bildschirm und sah nur, wie sich eine glücklich wirkende typische japanische Junggesellin in Yoga übte. “Torucha” ist nicht Japanisch sondern musste irgendein ausländisches Wort sein, und das erste Wort, das mir sofort dazu einfiel, war “torture”. “Torture” als Markenname für ein Fitnessprogramm. Darauf muss man erstmal kommen. Was passiert da? Trifft da Billy’s Bootcamp of 50 Shades of Grey? Oder ist dies Ausnahmsweise mal ein Produkt, das wirklich hält, was es verspricht?

    Die Auflösung war leider weniger spektakulär. Der wahre Name lautet “Torcia”, ist italienisch und bedeutet einfach nur “Fackel” (siehe English: torch). Ich war ein bisschen enttäuscht. Aber der Begriff macht es nicht-Italienisch-Bewanderten wirklich leicht, sich zu verhören:

    Torture (ˈtɔr.tʃɜː) würde man im Japanischen トルチャー toruchaa schreiben, denn ungerundete Zentralvokale wie das schwa (ɘ) oder eben auch das ɜ gibt es im Japanischen nicht – deshalb muss hier oft das “a” herhalten.

    Torcia (toːrʧa) wiederum wird von der Firma トルチャ torucha transkribiert – der einzige Unterschied ist also das kurze “a” am Ende, im Gegensatz zum langen “a” bei “torture”, aber der Unterschied ist wirklich klein und leicht zu überhören:

    Schade eigentlich. “Torture” als Name für ein Fitnessprogramm hätte mich nun aber auch nicht weiter verwundert – schliesslich pries ja McDonalds in Japan schon lauthals ein “Creampie für Erwachsene” an, und gleich in der Nähe meiner Firma steht das Restaurant “Qual”. Hat’s also alles schon gegeben.

    2 COMMENTS

    1. Klasse! Wieder mal ein herrliches Beispiel für die japanische Kreativität(?). Andere würden sagen das ist think out of the box in Reinkultur. Ich werde den Eindruck nicht los, dass es sich bei dieser Art von Namensgebung in der japanischen Werbewelt nicht um Zufälle handelt. Schliesslich platziert gerade die Werbung einen Grossteil ihrer Botschaften unterschwellig. Die Ähnlichkeit der Worte impliziert in meinen Augen ein “share the pain” Konzept. Diese Art von gesellschaftlichem Masochismus stelle ich immer wieder fest.

      Fairerweise muss man sagen, dass sich seit der internationalen Japanwelle auch japanische Begriffe – nicht selten sinnfreie – überall wiederfinden: Designmöbel, Software, Tech-Gadgets, Songs, Fashion, Shops, Restaurantnamen etc. In Zürich gab es mal eine Bar an prominenter Lage die nannte sich tatsächlich “Skebe” (eigentlich sukebe = Perverser), und das war garantiert kein Zufall. Sich mit fremden Federn schmücken ist seit alters her beliebt. Beispielsweise handelt es sich beim Modelabel Superdry um eine britische Firma. Aber immerhin ist das Japanisch im Schriftzug korrekt.

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