Should I stay or should I go? Reisen in Zeiten von Corona in Japan

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    Hakuba in Nagano
    Hakuba in Nagano

    Es ist schon ein Dilemma. Was macht man, so lange das Virus noch im Lande tobt – beschränkt man sich selbst und bleibt die ganze Zeit zu Hause, oder darf man die eine oder andere Reise wagen? Und wenn man verreist, wohin darf man und wohin nicht, und wer bestimmt eigentlich, was richtig ist und was nicht? Letztere Frage ist in Japan relativ schnell geklärt: Offensichtlich muss es jeder für sich entscheiden, denn die Regierung hat keine Lust darauf, wieder den Ausnahmezustand zu verhängen.

    Familienintern wurde nun gegrübelt. Wegfahren oder nicht? Immerhin haben wir schon in der Goldenen Woche auf so ziemlich alles verzichtet, und ewig zu Hause rumsitzen kann nicht die einzige Lösung sein. Wie so immer prallen bei einer solchen Entscheidung Charaktere und Kulturen aufeinander. In unserem Fall heisst es da Konservativ vs. Pragmatisch. Letztendlich gewann der Pragmatiker, aber selbstverständlich nur mit diversen Kompromissen, die der Pragmatiker grösstenteils selbst vorschlägt, um seinen Kopf durchzusetzen:

    1. Die An- und Abreise erfolgt mit dem eigenen Gefährt, also nicht mit Bus, Bahn oder Flugzeug
    2. Keine Onsen, Hotels oder Ryokan. Stattdessen ein Haus mieten, das wir nur für uns allein haben
    3. Nach Möglichkeit nicht im Restaurant essen, sondern Take-out
    4. Menschenmassen meiden, und wenn andere Menschen in der Nähe sind, Mundschutz auf
    5. Selbstverständlich: Intensives Händewaschen und Desinfizieren

    Eine Anreise mit dem eigenen Gefährt grenzt die Auswahl schon ein, ebenso die jetzigen Temperaturen und die Coronasituation. Die Wahl fiel aus diversen Gründen auf Nagoya – zum x-ten Mal wohlgemerkt. Diese Präfektur ist ziemlich gross, und von uns aus gesehen lag das Reiseziel am anderen, nördlichen Ende der Präfektur – eine rund 300 km lange Fahrt. Das pikante an dem Reiseziel (und nicht der ausschlaggebende Punkt, wohlgemerkt) sind die Corona-Fallzahlen: Während in und um Tokyo in den letzten zwei Wochen bis zu 700 Neuinfektionen gemeldet wurden, sind es in Nagano mal null Fälle und mal nur eins oder zwei. Sprich, wenn wir nach Nagano fahren, müssen wir uns weniger Sorgen darum machen, selbst angesteckt zu werden, sondern mehr, möglicherweise andere Menschen anzustecken.

    Die Autobahnen waren auf jeden Fall etwas leerer als üblich, und Autokennzeichen von Tokyo sind in der Tat etwas seltener zu sehen als sonst. An Autos aus Niigata, Yokohama, Osaka, Kobe usw. mangelte es hingegen nicht. Das war zu erwarten: In Tokyo und Nagoya werden die Bewohner mehr oder weniger direkt aufgefordert, dort zu bleiben, wo sie herkommen. Das ist besonders für die Kinder bitter, denn die Sommerferien wurden ohnehin schon gekürzt, und nun sollen die Kinder auch noch die ganze Zeit zu Hause bleiben. Zu allem Übel wurde die überlange Regenzeit in diesem Jahr auch umgehend von einer enormen Hitzewelle abgelöst – den Kindern wird damit auch empfohlen, sich nur in klimatisierten Räumen aufzuhalten. Doppelter Hausarrest quasi, aber es gibt natürlich auch viele, die da nicht mitmachen.

    Ferienhäuser wie diese kann man in Nagano massenweise mieten

    Der Vermieter des ersten Hauses hatte die Zeichen der Zeit erkannt – er trifft seine Gäste nicht mehr persönlich sondern beschreibt, wo der Hausschlüssel liegt, und bittet danach, das Geld in einen Briefumschlag zu legen und in den Postkasten zu werfen. Sicherlich die einfachste Art der Vermeidung von Infektionen. Uns sollte das recht sein. Den Vermieter des zweiten Hauses lernten wir hingegen persönlich kennen, und er tauchte erstmal ohne Maske auf und begrüsste uns mit den Worten “Vielen Dank, dass Sie trotz Corona gekommen sind!”. Und da wir hier in Nagano waren, meinte er es wirklich so. Würde jemand aus Kyoto den selben Satz sagen, wäre die Bedeutung völlig anders – es würde nämlich eher “Ihr habt ja Nerven, trotz Corona hier aufzukreuzen!” bedeuten.

    Beim Bestellen von Essen zum Mitnehmen in Restaurants kam ich mit einem Restaurantbetreiber ins Gespräch. Selbiger meinte, dass es ihn natürlich freuen würde, dass Besucher kämen, aber das er ungern Autos mit Kennzeichen aus Tokyo sieht, zumal vor allem Hauptstädter gern mal ohne Maske einrücken – eine Beobachtung, die ich leider teilen muss: Vor allem Studenten, aber auch etliche ältere Männer pfeifen auf einen Mundschutz oder legen ihn nur widerwillig an.

    Etliche Restaurants hatten geschlossen – vermutlich nur während der Sommerferien, und das ist auch verständlich, denn viele Restaurantbesitzer sind bereits älteren Semesters und damit zurecht besorgt. Andererseits haben diverse Sehenswürdigkeiten normal geöffnet – wie zum Beispiel der Kurobe-Staudamm. Dort herrschte ziemlich normaler Trubel, dem man auch nicht so ohne weiteres entkommen kann, da man zum Beispiel streckenweise mit dem Bus fahren muss.

    Fazit: Unbeschwertes Reisen sieht anders aus. Sicher, es ist möglich, aber man merkt schon an den Kommentaren einiger Bewohner (und interessierten Blicken auf die Nummernschilder), dass man nicht uneingeschränkt willkommen ist. Für die Bewohner von beliebten Urlaubsorten sicherlich nicht einfach, denn einerseits ist man vielfach stark auf den Besucherverkehr angewiesen – andererseits aber möchte man verständlicherweise nichts mit dem Virus zu tun haben.

    Zu guter letzt noch eine kleine Anmerkung: Kommentare von Corona-Leugnern ignoriere ich in der Regel. Sicher, das 1% der Corona-Leugner ist den anderen 99%, mich eingeschlossen, weit voraus, denn immerhin haben sie den grossen Masterplan ganz allein durchschaut, aber die Argumentationskette steht oft auf zu tönernen Füssen um ernst genommen zu werden.

    6 COMMENTS

    1. Urlaub in Europa sieht momentan ähnlich aus. Es ist einfach schwierig, wie soll man sich entscheiden, um weder sich noch andere zu gefährden?

      Die Infektionszahlen steigen deutlich an. In Berlin haben wir schon wieder Schule, in Baden Württemberg haben die Ferien erst begonnen. Da die Zahlen steigen, werden Badeseen und auch beispielsweise viele Strände am Bodensee geschlossen. Und das alles nach lockdown, monatelangem home schooling und home office und einem sehr heißen Wetter. Jetzt haben die Kinder Ferien, verreisen nicht und können nicht an den See vor der Haustüre…

      Wie in Japan brauchen alle und auch die Kinder mal frei und was anderes als daheim sitzen. Und dennoch: der Virus macht keine Pause.

      So langsam geht die Luft aus, mit Maske natürlich. Das Jahr ist extrem anstrengend und ich habe das gefühlt, für Familien besonders.

      Ich hoffe ihr konntet ein bisschen Kraft sammeln!

      • Vielen Dank! Ja, es waren nur zwei Tage, aber sie machen schon einen Unterschied. Immerhin gibt es somit etwas, auf das man zurückblicken kann. Für Familien ist das natürlich besonders stressig – nicht nur, weil man nicht raus kann oder soll, sondern auch weil man die geliebten Grosseltern zum Beispiel nicht sehen kann/sollte. Furchtbar.

    2. Das Ferienhaus sieht ja Toll aus. Wenn die Hitze / Schwüle nicht so enorm groß wäre, auch hier in Deutschland, dann könnte ich mich auch zu einem Urlaub hinreisen lassen.

      Zu den Corona Leugnern. Kommt doch bitte mal zu mir auf die Intensiv, oder auf eine andere Station die Patienten betreuen die an Corona erkrankt sind. Aber dann auch Konsequent sein, also ohne Mundschutz und Handschuhe. Denn für Euch ist ja Corona nur ein Fake oder bestenfalls so eine Art harmlose Grippe. Kostenlos gibt es bei uns dann Covid 19 zum mitnehmen, auch als Familienpackung für die gesamte Verwandtschaft.

      Sollten die Corona Leugner nicht all zu Unterbelichtet sein, stopft man mit der Einladung, jedes Mundwerk von denen.

      • Es ist einfach nur absurd. Sicher, auch in Japan gibt es Corona-Leugner, aber wenn ich mir die Berichte aus Deutschland so ansehe, von Impfgegnern, Nazis, Qanon und so weiter, wird mir echt Angst und Bange. Wie man so vehement die Wirklichkeit ignorieren kann, ist mir ein Rätsel und entbehrt jeglicher Logik.

        Hut ab meinerseits vor allen an vorderster Front, aber auch vor all denen, die trotz Corona ihre Gesundheit riskieren, und sei es “nur” an der Kasse eines Supermarktes.

        Ich hoffe, dass auch Du, Bernd, Diene Patienten, Deine Kollegen und Familie möglichst unbeschadet durch diese Zeiten kommen!

    3. HAllo,
      Urlaub hab ich dieses Jahr komplett gestrichen, hat aber auch seine Vorteile, dadurch ist nächstes Jahr bissel mehr Kies im Beutel und ich habe, so es denn wieder möglich ist, wieder Japan als Ziel angepeilt, vielleicht mal gaaanz mutig, trotz mangelnder japanisch Kenntnisse, ein abgelegener Ort wie Nara um mal zu sehen wie sich ein Hirsch vor mir verbeugt ( mein Bruder war da, und meinte das Verbeugen währe weniger höflich als die Vorbereitung zum Rammen, ach ja bevor sich jemand aufregt, das abgelegen war natürlich ironisch).
      In diesem Sinne hoffe ich das man Japan nächstes Jahr wieder besuchen kann.

    4. Mich würde interessieren, was die Japaner zu unserem Verhalten in Europa mit den Hygienemassnahmen im Allgemeinen meinen. Noch immer arbeiten wir an der Akzeptanz der Masken und der Hygienemassnahmen werden wieder vernachlässigt? Masken tragen, Abstand halten usw. ist in Japan seit Jahren verankert und macht ja auch durchaus Sinn. Wäre spannend, wenn Du dazu was sagen könntest.

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