Corona-Stress Verkehr

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    Strasse im Bezirk Meguro in Tokyo
    Strasse im Bezirk Meguro in Tokyo

    Pünktlich zwei Wochen nach Beendigung des Ausnahmezustands schnellen die Zahlen der Neuinfektionen also wieder nach oben. Waren sie in Tokyo vor zwei Wochen noch einstellig, so waren es gestern und heute zum ersten Mal seit Anfang Mai wieder über 40 neue Fälle. Ungefähr die Hälfte der neuen Fälle stammt dabei vor allem aus einem Cluster: Dem der Host-Bars in Shinjuku’s Vergnügungsviertel Kabukichō. Das ist nicht weiter überraschend – an kaum einem anderen Ort sind die Kontakte zwischen Menschen enger. Doch auch aus anderen Bereichen dürften die Neuerkrankungen ansteigen, denn ausser den großen Konzernen haben viele Firmen nun das Home Office für beendet erklärt, weshalb auch die Züge wieder voller werden.

    Da ich quasi unabdingbar bin, fahre ich dennoch tagtäglich ins Büro – nur eben mit dem Auto. Doch so gerne ich auch mit dem Auto unterwegs bin – in Tokyo wird das schnell zur Qual. Als alle noch im Home Office waren, brauchte ich für die 20 Kilometer bis ins Büro gerade mal 50 Minuten, aber jetzt ist der Verkehr wieder “normal”, und die Fahrtzeit beträgt nun saftige 90 Minuten. Ich bin also mit einer satten Durchschnittsgeschwindigkeit von 13 km/h unterwegs. Das liegt zum einen an der geschätzten eine Milliarde Ampeln auf dem Weg, zum anderen aber natürlich auch an der Masse der Autos (und nun auch zunehmend Busse und Motorräder), die zur gleichen Zeit unterwegs sind.

    Natürlich experimentiert man da auch gern, fährt mal früher los und mal später, nimmt mal die eine Route (mit Stadtautobahn, kostet dann aber auch 20 Euro pro Tag), mal die andere (wichtige Staatsstrasse, dreispurig und kostenlos), und dann mal wieder eine ganz andere (sehr kleine Strassen). Das faszinierende Resultat ist verblüffend — genauso verblüffend wie die Antwort auf alle Fragen im “Per Anhalter durch die Galaxis”: 10:15. Egal ob ich 8:30 losfahre oder 8:50. Egal ob ich Autobahn fahre oder mich durch die Gassen wusele. Ich komme immer 10:15 an. Immer. Egal wie. Wenn ich hier Zeit gutmache, verliere ich sie anderswo wieder. Aber da das ganze nunmal egal ist, bevorzuge ich lieber die kleinen Strassen. Auf der Staatsstrasse 246 komme ich mir nämlich vor wie eines von vielen Plüschtieren in den Automaten mit den Greifarmen: Irgendwo lauert immer ein 白バイ shirobai — ein weisses (shiro-i) Polizeimotorrad (bai kommt von bike), und die greifen sich nach Gutdünken Verkehrsteilnehmer raus. Auf den kleinen Strassen ist das weniger häufig der Fall, beziehungsweise sieht man sie dort besser.

    Besonders angetan hat es mir die Strasse auf dem Foto: Das blaue Schild mit dem weissen Pfeil zeigt an, wo die Mittellinie der Strasse ist – und das ändert sich je nach Tag und Uhrzeit – mal ist die eine Richtung zweispurig, mal die andere. Ist aber letztendlich egal, da die parkenden Autos auf beiden Seiten den pfiffigen Plan (sowie die Wege tausender Radfahrer) sowieso durchkreuzen.

    Trotz des Stresses in den vollen Bahnen — ich sehne mich nach 3 Monaten mit dem Auto wieder nach der Bahn, beziehungsweise den üblichen Weg zur Arbeit. Der dauert nämlich nur 55 Minuten, und im Zug kann ich wenigstens etwas machen (Tagesschau sehen, oder Blog- und andere Artikel schreiben). Hinzu kommt die Bewegung: Die täglichen 10 km vom und zum Bahnhof mit dem Fahrrad fehlen mir genauso wie die 2 km zu Fuss vom und zum Bahnhof.

    3 COMMENTS

    1. Ich hasse Pendeln, v.a. im Auto …..
      Ist ja in vielen anderen Großstädten genau das gleiche. Ich hasse im Stau stehen, ich mag Autofahren generell nicht.

      Zum Glück lebe ich nur 5 Min. vom Arbeitsort entfernt sonst würde ich durchdrehen.

      Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren geht nicht? Wenn du mit dem Auto eh nur im Schnitt 13 km/h machst, wäre das ja ne Überlegung wert und du hättest auch wieder mehr Bewegung?

    2. Ich hasse pendeln auch – mit dem Auto würde ich ebenfalls durchdrehen in Berlin. Ich fahre immer Rad, außer es schneit oder ist sehr glatt. Aber das ist besser als jede Alternative. Und das in Berlin, wo Rad fahren ja auch gerne mal lebensgefährlich ist.

      Ich kann es dir also nachfühlen, 90 Minuten im Auto eine Strecke würde mich auch echt fertig machen. Einfach verschwendete Lebenszeit. Aber gut, nach 3 Monaten komplett im Home Office ohne Aussicht auf Änderung würde ich das auch mal in Kauf nehmen, um ins Büro zu kommen.

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