Cyber-Bullying in Japan: Der Tod von Hana Kimura

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    Hana Kimura bei einem Turnier in Osaka 2019. Quelle Wikipedia
    Hana Kimura bei einem Turnier in Osaka 2019. Quelle: WikiCommons

    Die Nachricht ist nun schon zwei Wochen alt, aber dennoch wert, auf diesem Blog erwähnt zu werden, denn möglicherweise hat dieser tragische Vorfall Folgen – positive Folgen, hoffentlich.

    Gemeint ist der Freitod von Hana Kimura, einer erst 22-jährigen Wrestlerin, und einer der Darstellerinnen der beliebten Fernseh- (und Netflix)serie “Terrace house”. Das ist die japanische Version von Big Brother (gibt es das eigentlich noch?) bei der 3 junge Männer und genauso viele Frauen, die sich vorher nicht kannten, zusammenziehen und gefilmt werden. Das ganze geht wohl ganz dezent vonstatten, ohne Übertreibung und irrwitzigen Skripten, weshalb man Kritiken finden kann wie “Die Reality-Show für alle, die Reality-Shows hassen”. Persönlich kann ich dem nicht zustimmen – 5 Minuten Probeschau reichten mir, um zu sehen, dass es nun mal eine Reality-Show ist und ich schlichtweg kein Interesse daran habe, dem Gefasele wildfremder Menschen zuzuhören, aber das mag daran liegen, dass solche Fernsehsendungen ganz schnell den Misantrophen in mir wecken.

    Terrace House hat viele Fans, und dank Netflix ist das wohl nicht auf Japan beschränkt. Und die äussern sich naturgemäß auch gern in den sozialen Netzwerken. In den vergangenen Wochen hatten sich dabei besonders viele Zuschauer auf Hana Kimura eingeschossen, eine starke Frau, die ihr Geld mit dem in Japan sehr beliebten Wrestling verdiente. Seit September 2019 machte sie bei der neuesten Terrace House-Staffel mit. Dort kam es wohl im Januar zu einem Vorfall – einer der Männer wusch und trocknete aus Versehen das Wrestling-Outfit von Kimura, woraufhin es zu einer kleinen Auseinandersetzung kam. Die führte schliesslich zum gnadenlosen Bashing in den sozialen Netzwerken, mit Kommentaren wie “Gorilla”, “Verschwinde schleunigst aus der Serie”, bis hin zu Klassikern wie “Verrecke”. Die Wrestlerin wurde daraufhin depressiv und postete im Mai verstörende Fotos und Tweets. Am 23. Mai wurde sie tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Abschiedsbriefe räumten den letzten Zweifel aus – sie nahm sich selbst das Leben. Mit gerade mal 22 Jahren.

    Hana Kimura war Schikane wohl gewohnt – ihr Vater, den sie nie kennenlernen konnte, kam aus Indonesien, was wohl bereits in jungen Jahren für Ärger sorgte. Dem Cyberbullying war sie letztendlich nicht gewachsen. In Japan hat man dabei wohl durchaus Mittel, dem etwas entgegenzusetzen. Man kann zur Polizei gehen, und die kann Facebook & Co. dazu zwingen, die wahre Identität von Usern preiszugeben, doch das ist natürlich ein Kampf von David gegen Goliath. Nach dem Freitod wurde dementsprechend auch gemeldet, dass ganz viele der Kommentatoren ihre Kommentare löschten – sicherlich aus Angst, zur Verantwortung gezogen zu werden, oder – man hofft es doch – aus Scham. Wenigstens hat der Fall jedoch wieder eine Diskussion zum Thema Cyberbullying losgetreten. Allerdings wirft der Fall auch andere Fragen auf. Zum Beispiel, ob man bei den Produzenten der Fernsehshow nicht gemerkt hat, was sich da anbahnte. Als Konsequenz wurde die Show nun jedoch erstmal abgesetzt.

    Die Etikette im Netz ist auch in Japan horrend, und Hana Kimura bei weitem nicht die einzige, die nicht mehr damit zurechtkam. Ich kann nur hoffen, dass der Fall wenigstens einigen Leuten klarmacht, dass damit nicht zu spassen ist.

    1 COMMENT

    1. Heute muss alles und jedes in allen möglichen Medien breitgetreten werden. Jeder noch so erdenkliche Mist wird gepostet, ob bei FB, Twitter und was es sonst noch so alles gibt. Nicht umsonst achten Menschen die im Rampenlicht stehen, penibel und konsequent darauf, möglichst nichts Privates preis zu geben.
      Und mit 22 ist man gerade erst mal dabei die Welt auszuloten. Die Lebenserfahrung und das berühmte dicke Fell kommt erst viel Später.
      Meine Kinder, jetzt zwischen 25 und 35, kommen selbst Heute immer mal wieder vorbei wenn es irgendwo dicke Luft gibt. Vielleicht auch nur um das Schutzschild auszubeulen und kleine Reparaturen an der Seele vorzunehmen. Aber wer auf solche Servicedienstleistungen Familiär verzichten muss, kann schnell unter die Räder kommen.

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