Lesetipp: Labyrinth Tokio

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    Momentan viel zu Hause? Dann ist das doch die richtige Zeit, sich auf Post-Corona vorzubereiten. Mit einem guten Buch zum Beispiel. Und da hätte ich doch auch gleich mal eine Empfehlung: “Labyrinth Tokio“, von Axel Schwab.

    Als ich zum ersten Mal in Tokyo weilte, das war 1996, kam ich bei einer japanischen Familie unter, die mitten im Bettenbezirk Nerima-ku lebte. Nerima liegt gerade noch so im Zentrum, also innerhalb der 23 Innenstadtbezirke. Zu sehen gibt es dort… nichts. Aber nach den ersten paar Tagen machte ich das, was ich immer mache, wenn ich mal allein in einer fremden Stadt bin: Ich beginne zu laufen. Einfach so. Sicherlich setze ich mir (meistens) ein Ziel, aber ich lasse mich auf dem Weg dorthin gern treiben. Das geht meistens gut, aber es kann auch an die Nieren gehen. Schliesslich war ich vor Tokyo eine gute Woche in Mumbai, und als ich dort beschloss, mal eben so vom internationalen Flughafen ins Zentrum zu laufen, fand ich mich plötzlich in einem der heftigsten Slums Asien, in Dharavi, wieder.

    Nun, eine Wanderung, oder ein Spaziergang, in Tokyo ist wesentlich ungefährlicher beziehungsweise weniger aufrüttelnd. Das Prinzip ist aber das Gleiche. Man kann eine fremde Stadt, eine fremde Kultur, ein fremdes Land nur dann etwas verstehen lernen, wenn man eintaucht. Und das kann man nun mal nicht, indem man sich mit Bahnen, Bussen oder Taxis fortbewegt. Und aus diesem Gedanken heraus scheint “Labyrinth Tokio” entstanden zu sein. Axel Schwab, der rund 5 Jahre selbst in Tokyo gelebt hat und seit rund 25 Jahren nahezu alljährlich zurückkehrt, nimmt den Leser mit auf kleine Touren durch die Hauptstadt. Die Touren haben jeweils ein Motto – “Japanische Volkskunst” zum Beispiel oder “Im Studentenviertel” und “Lebendiges Shitamachi”. In dem bei Conbook erscheinenden Buch (die Veröffentlichung verschiebt sich etwas, bis sich die Lage ein bisschen beruhigt hat) liegt das Verhältnis von Fotos und Texten bei ziemlich genau 1:1, und das macht das Buch für eine breite Leserschaft interessant, denn es eignet sich sowohl als etwas anderer Reiseführer vor Ort als auch als Buch zum Schmökern daheim.

    30 Touren werden vorgestellt, und dank der eingefügten und gut gemachten Karten weiss man immer, was sich wo befindet, und die Kilometerangaben zu den Touren fehlen auch nicht. Praktisch ist auch die Wochentagsangabe, denn einige Routen machen an Wochenenden Sinn und werktags weniger, und andersrum. So kann man sich Enttäuschungen sparen. Auch an kulinarischen Tipps wird nicht gespart, damit man unterwegs nicht verhungert.

    Ich bin ebenfalls seit 25 Jahren mit Tokyo vertraut und arbeite hier seit nunmehr 15 Jahren. Trotzdem sind auch für mich ein paar Ecken dabei, die ich nicht kenne – das ist allerdings auch nicht weiter verwunderlich, denn mir würden auch sofort mehrere Routen einfallen, die hier nicht aufgeführt sind. Tokio ist eben gross. Oder sagen wir mal “viel”: Ich war bei meiner ersten Wanderung durch Tokio, die mich von Nerima im Westen bis an die Bucht von Tokio führte (insgesamt war ich rund 30 km unterwegs) überrascht, wie klein das Zentrum eigentlich ist – klein, wenn man bedenkt, dass allein im Zentrum rund 9 Millionen Menschen leben.

    Natürlich wünscht man sich, dass der eine oder andere Ort etwas ausführlicher abgehandelt wird. Aber das Buch ist so schon gute 180 Seiten stark (und voll in Farbe), und es ist ja auch kein kompletter Reiseführer sondern eine Anregung dafür, wo es sich lohnt, lang zu laufen. In dem Sinne ist der Band ein hervorragender Start, um Tokyo etwas besser kennenzulernen.

    Das Buch kann bei Amazon vorbestellt werden und ist sicher später im gut sortierten Buchhandel erhältlich. Der Band kostet 12.95 Euro.

    3 COMMENTS

    1. Als meine Frau und ich im Sommer 92 in Japan weilten – es war August und was für eine Hitze – haben wir eine Woche lang Tokio unsicher gemacht. Die damaligen Toreisenhochburgen abgeklappert.

      Richtig kennen lernen konnte wir erst Land und Leute als es nach einer Woche in Richtung Norden ging. Unsere Verwandten in Aomori, Goshogawara hatten geladen … um es kurz zu machen, schon die Reise mit der Bahn war ein Abenteuer. Ich hatte das Gefühl, um so weiter weg von Tokio und den Torlistenpfaden, um so weniger lateinische Schriftzeichen gab es. Englisch schien man in der Gegend auch nicht zu kennen. Auf der Hinreise musste wir umsteigen und standen beim 2ten mal da (ich weiß bis heute nicht wie der Bahnhof heißt) und wussten nicht weiter. Kein Plan wohin. Ich sah mich schon in einer Ecke liegend, irgendwo im Nirgendwo, ohne Essen und Trinken. Erst ein herbei gerufener Lehrer der Englisch sprach, mit dem wir uns dann mit Hilfe von Händen Füßen und einer Karte verständlich machten was unser Zeil war, ging die Reise weiter.

      Die Rückreise bewältigten wir mit Hilfe von Karteikärtchen in Englisch – Deutsch und Japanisch. Einer Karte mit den eingezeichneten Bahnlinien und den Zügen die wir benutzen mussten um nach Tokio zu kommen. Ich bin meiner Tante bis heute noch unendlich Dankbar für die Hilfestellung.

      Die fünf Wochen sind bis heute (Positiv) unvergessen. Aber eines habe ich aus Japan mitgebracht: die Japaner ticken gar nicht so anders wie wir Europäer.

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