Die sinnlose Vergeudung eines jungen Lebens

    7
    1650

    Kindesmissbrauch gibt es überall — das ist nun mal leider so. Nur eine Gesellschaft als Ganzes kann dafür sorgen, dass solche Fälle schnell entdeckt werden, um das Kind schnellstmöglich aus der Gefahrenlage zu bringen. Das hat man natürlich auch in Japan erkannt, so dass es zahlreiche Instrumente gibt, um Kindesmissbrauch zu entdecken und zu beenden. Doch der Fall der 10-jährigen Mia, ein Mädchen aus der kleinen Stadt Noda in der Präfektur Chiba, veranschaulichte leider auf sehr tragische Art und Weise, dass die besten Maßnahmen nichts nützen, wenn nicht jemand vor Ort ist, der den ganzen Ernst der Lage begreift.

    Mia verstarb in der vergangenen Woche aufgrund verschiedener Verletzungen, und kurze Zeit später wurde ihr 41-jähriger, leiblicher Vater verhaftet – er stand unter Verdacht des Kindesmissbrauchs mit Todesfolge. Nach und nach kommt nun also die Vorgeschichte ans Licht. So wurde bekannt, dass die vorherige Schule des Mädchens im vergangenen Jahr Fragebögen an alle Kinder verteilte, mit dem Verweis, dass diese Fragebögen streng geheim sind. Die Viertklässler sollten auf dem Fragebogen ausfüllen, ob es zum Beispiel häusliche Gewalt gibt, ob nun gegen die Kinder selbst oder zwischen den Eltern. Einige Fragen sind subtil, die meisten sind jedoch sehr direkt. Die Kinder sollen so sensibilisiert werden, um Fälle von häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch frühzeitig zu entdecken, denn Kindermund tut bekanntlich Wahrheit kund. Die Idee als solche ist auch nicht schlecht – auch meine Kinder haben ähnliche Fragebögen ausgefüllt. Ein etwas mulmiges Gefühl hat man allerdings als Elternteil schon, denn das ganze geschieht natürlich hinter dem Rücken der Eltern, mit dem Grundton, dass die Kindern in dieser Hinsicht ihren Eltern nicht trauen sollten. Wenn es jedoch hilft, Missbrauchsfälle aufzudecken und/oder zu vermeiden, kann man das als probates Mittel durchgehen lassen.

    Die kleine Mia hatte in dem Fragebogen kein Blatt vor dem Mund genommen. Sie schrieb, dass ihr Vater sie oft aus dem Schlaf riss, trat, würgte, prügelte — und vermerkte noch “Sensei, gibt es denn nichts, was man da tun kann?”. Der Lehrer war alarmiert, wie es sein sollte, und benachrichtigte die zuständige Behörde. Die reagierte und sorgte dafür, dass Mia in eine Einrichtung gebracht wurde – allerdings nur von November bis Ende Dezember. Der Vater war darüber erbost, erschien bei der Behörde und beklagte, ob die Menschen dort begreifen würden, wie es sei, wenn ein Familienmitglied entrissen wird. Er forderte, den Fragebogen einsehen zu dürfen. Und hier wurde der Fall brisant: Man erklärte ihm, dass dies nur geschehen könne, wenn Mutter und Kind schriftlich ihr Einverständnis geben würden. Und in der Tat tauchte der Vater mit den Dokumenten auf – und bekam Einsicht in genau den Fragebogen, den die Schule versprach, geheim zu halten. Auf die Idee, dass Mutter und Kind das Formular unter Druck des Vaters unterschrieben haben könnten, kam wohl niemand.

    Und so nahmen die Geschehnisse ihren Lauf. Der Vater liess das Kind an eine andere Schule versetzen. Dort gab es erneut einen Fragebogen, und in dem äußerte sich Mia nicht mehr. Nun ist sie tot – als Ergebnis der Gewalt ihres Vaters. Nicht überraschend kam jetzt ans Licht, dass auch seine 31-jährige Frau regelmässiger Gewalt ausgesetzt war, doch heute wurde bekannt, dass auch sie angeklagt werden soll – wegen Beihilfe. Und so sehr sie auch selbst Opfer ist: Sie musste gewusst haben, welchen Torturen ihre Tochter ausgesetzt war, und sie hätte vorher die Reißleine ziehen und fliehen müssen. Das ist sicher leichter gesagt als getan, aber eine Mitschuld wird schwer abzustreiten sein. In einer ersten Vernehmung des Vaters zeigte jener übrigens keinerlei Reue – es wären alles erzieherische Maßnahmen gewesen. Eine Obduktion des Kindes ergab zahlreiche Blutergüsse, darunter ein großer Bluterguss in der Bauchgegend. Die Mutter gab an, dass der Vater das Kind manchmal auch nachts aussperrte, und dass sie versucht hätte, ihn zu bremsen, doch er hätte einfach nicht auf sie gehört.

    Ein furchtbar tragischer Fall, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Instrumente zur Vermeidung eines solchen Falls eigentlich vorhanden waren. Der Hilfeschrei des kleinen Mädchens hätte lauter nicht sein können. Und dennoch geschah, was geschah. Was bleibt, ist die Wut auf den Vater, aber auch die Wut auf die Behörden, die offensichtlich nicht begriffen, was geschehen würde, wenn der missbrauchende Vater den Fragebogen in die Hände bekommt.

    Quellen: Siehe unter anderem hier (Englisch) und hier (Japanisch).

    7 COMMENTS

    1. Man kann jetzt nur rätseln was man tun und nicht tun konnte. Aus einer Sicht hinter dem Rücken der Eltern solche Fragebögen zu verbreiten füllt man sich als Eltern regelrecht verarscht, da man dem Kind der Gedanke aufgedrängt wird dem Eltern nicht zu trauen.

      Wenn man aber bedenkt, dass es Fälle wie dieses gibt, soll man wirklich frühzeitig genug in der Schule den Problemen der Kinder hörig werden und einfach durch den Verhalten eines Kindes.

      Die rechtlichen Mitteln in solchen Fällen sollen auch härter sein und meiner Ansicht nach ist die Behörde auch daran Schuld.

    2. Was für ein erschütternder Fall und dramatisches versagenden der Behörden. Ich hoffe, dass auch die Verantwortlichen in der Behörde zur Rechenschaft gezogen werden.

    3. Traurig, aber leider passiert es zu oft.
      Was die Verantwortlichen bei den Behoerden angeht, so wird es wie immer verlaufen: verbeugen, es zutiefst bedauern, nochmals 5 Sekunden verbeugen und das war es dann auch schon evtl, noch eine kleine Gehaltskuerzung). Leider kann man damit das Kind auch nicht mehr zum Leben erwecken. Gibt es eine 100%ige Moeglichkeit, so etwas zu verhindern? Ich denke nicht.

    4. Auch wenn ich dafür ggf. von einigen Hass ernten werde: Den Behörden kann man hier keinen großen Vorwurf machen. Selbst wenn es Anzeichen für Probleme in der Familie gibt, kann man nicht einfach mal auf Verdacht unzählige Familien zerreißen und da sollte man lieber einmal weniger, als einmal zu viel Hand anlegen. Dass solche Fälle vorkommen lässt sich bei Millionen Menschen auch nicht komplett verhindern. Vielleicht wurde in diesem Fall zu locker umgegangen, aber letztlich heißt es: Im Zweifel muss man sich für Freiheit entscheiden, weil es das ist, was uns Menschen ausmacht. Da eine Grenze zu ziehen, ist leichter gesagt, als getan, weil der potenzielle Schaden, der durch falsche Entscheidungen von Behörden ausgeht, immens ist.

      • Schön und gut. Aber dieser Fall war nun wirklich eindeutig. Welches Kind schreibt aus Spaß darüber, wie der eigene Vater einen Nachts verprügelt. Mit ein bisschen mehr Arbeit und rumfragen in der Nachbarschaft hätte man nun eindeutig mehr Informationen sammeln können.

        Dann noch der Geniestreich den Vater den anonymen (?!) Fragebogen einsehen lassen zu können falls Mutter und Kind das Einverständnis geben. Da kann man nur Rätseln, welche Logik in dem Moment durch den Kopf des Mitarbeiters/ den Mitarbeitern ging.
        Natürlich kann man hier den Behörden bei so einem unglaublichen Fehlverhalten einen Vorwurf machen.

      • Dem muss ich leider wiedersprechen, auch wenn ich Deinen Standpunkt verstehe. Aber die Fakten bleiben: Der Fragebogen wurde unter den Kindern mit dem Versprechen erteilt, dass dieser nicht an die Eltern weitergegeben wird. Die Entscheidung, diesen Fragebogen den misshandelnden Eltern, Genehmigung hin oder her, auszuhändigen, ist grob fahrlässig. Sicher, man könnte nun Vermutungen anstellen, ob das Kind noch leben würde, wenn der Fragebogen nicht ausgehändigt worden wäre. Und dennoch: Wären die Behörden der Sache konsequent nachgegangen, hätte das Kind nicht so schnell in die Familie zurückgeschickt werden dürfen. Ein kompetenter Sachbearbeiter/Anwalt hätte dies erkennen können – und das Kind würde noch leben.

    5. Bei uns bekommen die kinder die fragebögen die sie in der schule ausgefüllt haben mit nach hause um sie mit den eltern zu besprechen. Das ist manchmal nicht schlecht wenn es um mitschüler oder problemen mit lehrern geht weil sich die kinder vielleicht nicht trauen es in der schule zu schreiben. Aber den teil mit den eltern?! Fand ich letzes jahr schon komisch. Ob das woanders auch so gehandhabt wird? Vielleicht bekommen sie noch einen fragebogen in der schule, nur über die eltern? Das weiss ich nicht.

    Comments are closed.