Geisterschriftzeichen

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    Geisterschriftzeichen: Bedeutung und Lesung unbekannt
    Geisterschriftzeichen: Bedeutung und Lesung unbekannt

    Eigentlich ist es kein Wunder: Japanische Computer sowie ein paar Schriftzeichennachschlagewerke enthalten sogenannte 幽霊文字 yūrei moji (Geisterzeichen), die man mit dem Computer und nunmehr auch mit Handys schreiben kann – über die aber ansonsten nichts bekannt ist: Weder eine Lesung, noch eine Bedeutung oder Quellen, in denen dieses Schriftzeichen jemals vorkam. Bei der schieren Menge an Schriftzeichen kann so etwas schon mal geschehen. Die erste Sammlung von Schriftzeichen für den Computergebrauch wurde in den 1970ern kompiliert und war 1978 fertig. Der erste JIS-Code (JIS = Japanese Industrial Standard, das Pendant zur DIN in Deutschland). Die Schriftzeichen wurden von vier Quellen bezogen:

    1. 日本生命 (Nihon Seimei, Nippon Life Insurance Co.) – Japanischer Lebensversicherer, unter anderem als Quelle für Personennamen
    2. 情報処理学会 (Jōhō Shori Gakkai) Datenverarbeitungsgesellschaft
    3. 国土地理協会 (Kokudo Chiri Kyōkai) Gesellschaft für Landesgeographie, als Quelle für Ortsnamen
    4. 旧行政管理庁 (kyū Gyōsei Kanrichō) (ehemaliges) Verwaltungsamt.

    Heraus kam ein Zeichensatz von 6’879 Schriftzeichen sowie den lateinischen Buchstaben, den beiden japanischen Alphabeten und einiges mehr. Aus diesem ursprünglich JIS X 0208 oder auch ISO-2022-JP genannten Standard entwickelten sich verschieden kodierte Zeichensätze – Microsoft machte daraus Shift-JIS, Apple sein eigenes JIS, und dann gibt es da auch noch EUC-JP und ein paar andere, weniger bekannte Methoden. UTF-8 setzt sich zwar mehr und mehr durch, aber die anderen Standards sind noch immer oft zu finden.

    JIS wurde inzwischen drei Mal grundlegend überarbeitet, doch die sogenannten Geisterzeichen wurden nie (und werden wohl auch nie) gelöscht. Im Wesentlichen gibt es zwei Arten dieser Geisterzeichen: Solche, bei denen man ganz einfach keine Quellen findet, sowie jene, bei denen es zwar eine Quelle gibt, diese aber falsch zu sein scheint, sprich, in der Quelle hat sich früher irgendwann einmal jemand verschrieben. Ein Beispiel der ersten Gruppe ist 妛, bestehend aus den Radikalen „Berg“, „Eins“ und „Frau“. In Japan gibt es exakt einen Ortsnamen, der das Schriftzeichen 妛 (Akebi) benutzt – wie die „Eins“ (der waagerechte Strich in der Mitte) da hineingeraten ist, ist unklar. Insgesamt hat man soweit 12 Zeichen dieser Kategorie zugeordnet – so auch das Zeichen 駲 oben im Bild. Gibt es, aber gibt es gar nicht.

    Zur zweiten Kategorie zählen über einhundert Schriftzeichen, bei denen man heute davon ausgeht, dass es Varianten bestehender Zeichen sind – ob diese Varianten fälscherlichweise entstanden oder nicht ist dabei nicht mehr nachvollziehbar. 穃 zählt dazu – früher fand man dieses Zeichen auf einer Karte, doch heute wird der Ort mit 榕 geschrieben, und dies ist wahrscheinlich das richtige Zeichen.

    Das Phänomen der Geisterschriftzeichen ist faszinierend: Man stelle sich Wörter im Duden vor, neben denen steht: „Bedeutung und Herkunft des Wortes sind unbekannt“…

    7 COMMENTS

    1. Ich habe es oft anders herum. In irgendwelchen Schriften über Gärten tauchen Zeichen auf, deren Lesung ich auch kenne, aber mit dieser Lesung lassen sie sich nicht mit dem Computer schreiben. Manchmal findet man diese auch überhaupt nicht. Das ist frustrierend xD

    2. Ja, ich habe viel mit Personennamen zu tun, und da ist zum Beispiel „kotoeri“, der IME von Apple, einfach nur Mist. Beispiel 五十君 (Igimi). Geht einfach nicht. Müsste ich in dem Fall wirklich als spezielles Wort im Wörterbuch registrieren. Nervend. Da ist das IME von Windows wirklich wesentlich klüger, und es hat ein eigenes Wörterbuch für Namen.

      • Das kann ich toppen. Ich nutze privat Ubuntu und da schlägt mir das Programm fast immer das ausgefallenste Kanji zuerst vor. Letztens wollte ich ein ganz alltägliches Adjektiv schreiben, heraus kam ein totaler Quark gemischt aus Kanji, katakana und hiragana statt einem simplen 忙しい. Ein Update scheint das Problem zumindest für dieses Wort behoben zu haben, aber davor wollte der PC einfach nicht das simple Kanji von oben ausspucken, sondern i-so-ga-shi-i alles einzeln.

      • Hm… mein Name geht eigentlich auch nicht. Aber mein Mac und andere Applegeräte haben den inzwischen gelernt ohne dass ich ihn irgendwo registriert habe.. wie er das gelernt hat weiß ich aber nicht xD

    3. Die Lösung für den Mac heisst: Google 日本語入力 (https://www.google.co.jp/ime/)
      Auch erhältlich für Windows und dabei einiges besser als der eingebaute MS-IME.
      Den IME von Google gibt es seit bald 9 Jahren, mittlerweile in mehreren Dutzend Sprachen (https://www.google.com/intl/en-GB/inputtools/help/languages.html).
      Natürlich auch für Chrome als Extension und für Android (https://www.google.com/intl/en-GB/inputtools/try/).
      Selbst für iPhone/iPad und Linux gibt es Editionen. Zwar ist auf Linux etwas Bastelei nötig ist, aber das kennt man ja.

      Auf dem Mac befinden sich Einstellungen, Wörterbuch, Handschrift und Zeichentabelle im Ordner “/Applications/GoogleJapaneseInput”.

      Ein kurzer Test auf dem Mac zeigte folgende (als Hiragana eingegebene) Wörter als Soforttreffer in den korrekten Kanji:
      獰猛 どうもう doumou
      敷衍 ふえん fuen
      睥睨 へいげい heigei
      蒙昧 もうまい moumai
      吝嗇 りんしょく rinshoku
      諧謔 かいぎゃく kaigyaku
      静謐 せいひつ seihitsu
      一縷 いちる ichiru
      憐憫 れんびん renbin
      矍鑠 かくしゃく kakushaku
      没義道 もぎどう mogidou
      同床異夢 どうしょういむ doushouimu
      比翼連理 ひよくれんり hiyokurenri
      湯の辞儀は水になる ゆのじぎはみずになる yunojigihamizuninaru

      Auch 五十君 いぎみ igimi tauchte bei mir als Eintrag weiter unten in der Popup-Liste auf. Wobei sich dies bei einem anderen Gerät nicht wiederholen liess. Aber dafür ist das Programm kostenlos und hat keine steile Lernkurve wie z.B. die kostenpflichtige Software ATOK.

      Und zu guter Letzt: モンティ・パイソン もんてぃぱいそん monteipaison → Monty Python!
      Das ist jetzt fast schon zu gut – oder sagen wir beinahe unheimlich, Grosser Bruder!

      • Hmm, muss ich mal probieren. Wollte dem großen Bruder Google eigentlich nicht noch mehr zur Last fallen, aber da die eh schon alles wissen, ist es wahrscheinlich egal. 静謐… kannte ich noch nicht. Die obigen Beispiele funktionieren eigentlich alle bei mir auf dem Mac — es sind wirklich meistens die Namen, die mich in den Wahnsinn treiben.

    4. Na dann freue ich mich jetzt schon auf den Tag an dem ich Dir zum Kanji Kentei Level 1 gratulieren darf ;-) Sind ja nur 6’000 Zeichen…

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