Nuklearkatastrophe in Fukushima – die Sperrzone heute

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    Ehemalige Spielhalle im Sperrgebiet von Fukushima
    Ehemalige Spielhalle im Sperrgebiet von Fukushima

    Über sieben Jahre sind nun schon ins Land gegangen seit der Dreifach-Katastrophe vom 11. März 2011. Dreifach hart hat es dabei 浜通り Hamadōri, den Ostteil der Präfektur Fukushima, getroffen. Die Katastrophe begann mit einem Erdbeben der starken sechs auf der japanischen Skala (7 ist die höchste Stufe), gefolgt von einem verheerenden Tsunami, der wiederum bekanntermassen einen Super-GAU im AKW Fukushima I auslöste. 81’000 Menschen in der Gegend mussten die Region verlassen – in vielen Fällen fluchtartig. Das Interesse der ausländischen Medien war groß, aber wie es nun mal so ist, hört man mit zunehmender zeitlicher Entfernung immer weniger von der Lage vor Ort. Das Mißtrauen in die japanische Informationspolitik trägt sicherlich auch dazu bei, dass das Interesse verloren geht.

    Sperrgebiet - die Autobahn und die Staatsstrasse 6 verlaufen parallel von Nord nach Süd
    Sperrgebiet – die Autobahn und die Staatsstrasse 6 verlaufen parallel von Nord nach Süd

    Das Hauptanliegen der Regierung ist seit Jahren klar: Man möchte so vielen Bewohnern wie möglich die Rückkehr in die Heimat ermöglichen. Dahinter steckt sicherlich nicht nur reine Menschenliebe, sondern auch die Botschaft, die man senden möchte: Seht her, wir schaffen das (mit dem Hintergedanken: War doch alles nicht so schlimm. Also zurück zur Kernkraft!). So wurden stückweise bereits Orte freigegeben, die nach dem GAU vorerst zur Evakuierungszone gehörten, so zum Beispiel Namie oder große Teile von Tomioka. Eine 337 Quadratkilometer grosse Fläche wird jedoch auch jetzt noch, im Jahr 2018, als 帰還困難区域 kikan konnan kuiki bezeichnet – wörtlich „Heimkehr-problematisch-Gebiet“. Ein etwas euphemistischer Begriff, suggeriert er doch, dass es zwar ein Problem gibt, aber da ja Probleme immer irgendwie lösbar sind, wird man das schon irgendwie schaffen. Die Zone definiert sich durch die durchschnittliche Strahlungsbelastung. Überschreitet die jährliche Strahlenbelastung 20 Millisievert, gilt das Gebiet als (vorläufig) unbewohnbar. Die natürliche Strahlenbelastung liegt bei circa 2 Millisievert – es geht also um einen zehnfach höheren Wert.

    Geigerzähler: 2,64 µSv/h sind viel....
    Geigerzähler: 2,64 µSv/h sind viel….

    Seit geraumer Zeit sind jedoch wieder ein paar wichtige Strassen befahrbar, die direkt durch die Sperrzone führen – die Jōban-Autobahn, die Tokyo mit Sendai verbindet, sowie die Staatsstraße Nummer 6, die Iwaki im Süden von Ostfukushima mit Minamisōma nördlich des AKW verbindet. Auf letzterer dürfen aufgrund der hohen Strahlenbelastung jedoch keine Zweiräder fahren; Fußgängern ist der Zutritt ebenfalls verboten. Zudem sind alle Straßen, die von der Nr. 6 abgehen, abgesperrt und mit Posten versehen – wer dort hineinwill, braucht einen Passierschein. Besagte Straße führt gerade einmal 2 Kilometer am havarierten AKW vorbei. Lange sollte man und darf man auch nicht in der Zone aussteigen (wenige Minuten, nachdem ich ausgestiegen bin, kam bereits ein Polizeiwagen – das jedoch wieder umkehrte, als ich weiterfuhr).

    Die Sperrzone sieht natürlich immer noch wüst aus, und die Strahlung liegt bei mehr oder weniger konstanten 2 Mikrosievert pro Stunde – mein Geigerzähler schlug entsprechend in der gesamten Sperrzone Alarm, denn normal sind Werte um 0.1 Mikrosievert pro Stunde. Beim Durchfahren, wohlgemerkt – man muss nicht lange Suchen, um Werte von 10 Mikrosievert zu finden. Die Dekontaminierungsbemühungen machen dabei einen durchaus spürbaren Unterschied: Kaum fährt man zum Beispiel in den nun freigegebenen Ort Namie nur wenige Kilometer nördlich vom AKW ein, sinkt die Belastung nahezu schlagartig auf 0.12 Mikrosievert/Stunde.

    Eine von tausenden Straßensperren in Reaktornähe
    Eine von tausenden Straßensperren in Reaktornähe

    Im jetzigen Sperrgebiet hat man soweit erstmal alles so gelassen, wie es am 11. März 2011 nach dem Erdbeben war. Hier und da sieht man schwere Erdbebenschäden, andernorts ist die Natur mit Druck dabei, ihr Terrain zu erobern. Manche Läden sehen jedoch so aus, als ob man nur ein Mal Staub wischen und dann wieder eröffnen könnte. Das ist beachtlich. In nahezu jedem anderen Land der Erde wären die Gebäude geplündert und die Scheiben eingeworfen worden. Das soll nicht heissen, dass so etwas in Japan gar nicht geschah – es gab vereinzelte Berichte von Plünderungen nach dem grossen Beben.

    Die Maßnahmen in der Gegend sind beachtlich: Tausende, wenn nicht zehntausende Trucks sind unterwegs, um radioaktiv verseuchtes Material, meist Bode, abzutragen und zu Sammelzentren zu fahren. Zudem werden überall die Küstenschutzanlagen erneuert beziehungsweise verstärkt – die Gegend um den Reaktor ist eine riesengroße Baustelle. Und dennoch – laut dieser Quelle¹ betreffen die Maßnahmen gerade einmal 27 Quadratkilometer bzw. 8% der jetzigen Sperrzone – in den verbliebenen 92% hat man noch nicht einmal angefangen. Und das ist ja auch nur ein Teil der gewaltigen Herausforderungen. Schließlich wären ja da noch der Reaktor selbst sowie abertausende Tonnen hoch kontaminierten Wassers und Erdreiches.

    Dass man den Menschen so schnell wie möglich ihre Heimat zurückgeben möchte, ist schön und gut – doch auf der Agenda steht auch die sofortige Wiederbelebung der Landwirtschaft (Fukushima ist seit jeher stark landwirtschaftlich geprägt). Das bereitet Bauchschmerzen, allen Beteuerungen, dass die verbliebene Radioaktivität kein Problem darstelle, zum Trotz.

    ¹ Siehe hier

    3 COMMENTS

    1. Die japanische Regierung um Hern Abe, sowie die Betreiber des AKWs haben (nicht nur) die japanische Bevoelkerung von Anfang an im unklaren gelassen, um es einmal hoeflich auszudruecken. Zuerst hiess es, es waere garnicht so schlimm, eine Kernschmelze haette nicht stattgefunden und man haette alles unter Kontrolle. Wie weit diese Kontrolle richtig war kann man auch an Deinem Bericht erkennen. Leider ist es verboten sich oeffentlich negativ dazu zu aeussern. Als ich einen entsprechenden Bericht damals bei dem hiesigen „Stadtmagazin“ eingereicht hatte, wurde ich mehr oder weniger hoeflich daraufhingewiesen, dass das doch nicht ein willkommener Artikel waere. Dennoch bleibe ich dabei: soweit wir es verhindern koennen (bewusst), kommt bei uns kein „Essen aus Fukushima Landen“ auf den Tisch. Beteuerungen hin oder her. Sollen sich die Verantwortlichen zuerst einmal selbst an dieses gedeckte Tischlein setzen.

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