Alt und Neu beim Schreinfest

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    Was in Japan immer wieder faszinierend ist, ist die scheinbar mühelose, erstaunlich reibungsfreie Verquickung von alt und neu. Reibungsfrei in dem Sinne, das es kaum jemanden gibt, der sich darüber beschwert. Es gilt allen als normal. Das kann ich alljährlich beim Sommerfest meines „Hausschreins“ feststellen. Der Schrein („jinja“) ist sehr klein und liegt auf einem Hügel versteckt. Ein ganz normaler Schrein, der keinen einzigen Besucher aus der Ferne anziehen würde. Dabei ist er angeblich wohl schon über 850 Jahre alt, aber das hat bei Schreinen ja eine andere Bedeutung als bei Kirchen in Deutschland zum Beispiel – die stehen ja in der Regel ja dann wirklich 850 Jahre lang mehr oder weniger unverändert rum, während Schreine immer wieder erneuert werden. Meistens jedenfalls.

    Das örtliche Schreinfest ist beinahe eine Leistungsschau – eine Bühne für Ältere und Jüngere, die dort ihre Künste vorstellen. Um das ganze angenehm zu machen, gibt es auch immer eine Freßmeile (dieses Jahr sogar mit Dönerstand!), Spielzeuge zum Kaufen für die Kleinen und frische Getränke, darunter auch Bier. Eintritt kostet das ganze niemals, und wenn man seit Jahren in der Gegend wohnt, braucht man keine zwei Meter laufen, bis man jemanden trifft, den man kennt.

    Auf der Bühne vor dem Schrein geht es dann hoch her: Nach diversen Begrüßungsreden und dem schreineigenen, traditionellen Tanz treten Wadaiko-Gruppen der nahegelegenen Schulen auf (Wadaiko = japanische Trommeln), gefolgt von Hip-Hop-Tanzgruppen, Schulchören und so weiter. Dieses Mal trat gar ein (faszinierend langweiliger) Berufszauberer auf, gefolgt von einer hysterischen Enka-Sängerin (Enka = japanische Schlager) und… das war neu, eine AKB48-ähnlichen Girlband. Nun gut, es waren nur vier, aber die Schiene war die gleiche: Kurze Röcke und Kawaii³ Das Gehopse und Gefiepe kann man mögen, muss man aber nicht. Und siehe da: Die 4 Mädchen aus Kawasaki hatten sogar ihre eigene, sabbernde Fanschar mit dabei, die nach ein paar Liedern richtig aufdrehten.

    Laute Hip-Hop-Musik mit entsprechenden Tanzeinlagen im Schrein. Völlig normal, und keiner, die alten Leute schon gar nicht, regt sich über die Musik oder die Mode auf. So läßt es sich doch miteinander leben!

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