„Dunkler Tourist“ bringt Fukushima-Verantwortliche in Rage

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    Seit einiger Zeit macht eine Doku der etwas anderen Art von sich Reden – „Dark Tourist“ heisst die Reihe, und sie wurde von Netflix produziert beziehungsweise gekauft. Dort reist David Farrier, ein neuseeländischer Reporter mit einem erfrischend trockenen Humor, zu etwas außergewöhnlichen Reisezielen – oftmals Orte, an denen es eine Tragödie gab, oder aber Orte für Menschen mit einem Sinn für’s Makabre. Reiseziele für „Dark Tourists“ eben. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich den Mann nicht verstehen kann. Auf meinen Reiserouten lagen auch einige außergewöhnliche Orte wie zum Beispiel Vukovar oder Transnistrien und dergleichen.

    Auch in Japan hat sich der Dark Tourist umgesehen, und seine Wahl fiel – das ist alles andere als überraschend – auf die Sperrzone um das 2011 havarierte Atomkraftwerk in Fukushima, sowie auf den „Selbstmordwald“ von Aokigahara. Im Falle von Fukushima schloss er sich einer kleinen Reisegruppe an – fast alles westliche Reisende, und ausnahmslos mit Geigerzähler bestückt. Das makabre an dieser Szene: Die Touristen werden mit zunehmender Strahlung immer nervöser und brechen die Tour letztendlich sogar ab. Zwar hatten sie höhere Strahlenwerte erwartet, aber nicht so hohe. Nun ja. Ob dieser Naivität kann man getrost staunen, aber die Botschaft dahinter ist bitterernst: Weite Teile der einstigen Sperrzone wurden jüngst freigegeben, da die Strahlenwerte angeblich in einen toleranten Bereich zurückgegangen sind. Doch natürlich ist die Strahlung nicht überall gleich stark, so dass man auch in diesen angeblich sicheren Zonen Werte jenseits von Gut und Böse misst. Wer dorthin reist, sollte sich dessen bewusst sein. Und man sollte sich auch dessen bewusst sein, dass dort Menschen arbeiten – jahrelang, wohlgemerkt.

    In einer weiteren Szene mutmasst unser dunkler Tourist bei einem Essen in der AKW-nahen Stadt Namie, dass das Essen möglicherweise auch belastet sein könnte.

    Berichten¹ zufolge überlegt nun die Präfekturregierung von Fukushima, zusammen mit dem Ministerium für Wiederaufbau gerichtlich gegen Netflix und den Reporter vorzugehen, da man befürchtet, dass die Folge die Präfektur und ihre Bewohner verleumde und damit schädige. Was für ein Blödsinn! Aus Sicht der Verantwortlichen macht das zwar Sinn, da man ja seit der Katastrophe redlich bemüht ist, alles kleinzureden. Doch anstatt beleidigt irgendwelche Reporter und Programmdirektoren vor den Kadi zu zerren, sollte man sich lieber der Kritik stellen und die Dinge darstellen, wie sie sind (beziehungsweise von unabhängigen Institutionen darstellen lassen), um Klarheit zu schaffen – ohne Panikmache, aber auch ohne Verharmlosung. Denn so viel steht fest: Man gibt sich wirklich große Mühe, dass Problem in den Griff zu bekommen. Doch es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht von heute auf morgen zu packen ist.

    ¹ Siehe unter anderem hier.

    1 COMMENT

    1. Ich denke (und so steht es auch in zahlreichen Publikationen geschrieben), dass wohl noch Jahrzehnte vergehen werden, bis alles halbwegs normal ist. Aber auch da habe ich so meine Bedenken (siehe Chernobyl). Und die japanischen „Oberen“, sowie die Herren bzw. Damen von TEPCO halten sich hinsichtlich konkreter und wahrheitsgetreuer Aussagen wie schon von Anfang an sehr zurueck. Ist doch immer schoen, wenn dann Aussenstehende „unangenehme“ Punkte aufzeigen.

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