Touristenrummel in Fuji-Goko und eine grausame Sage

    9
    1427
    Fuji-san - vom Kachikachiyama aus gesehen

    Gestern zog es uns mal wieder aus zur 富士五湖 Fuji-Goko – den 5 Seen des Mt. Fuji, einer Seenkette nördlich des Fuji-san. Das Ziel war dieses Mal der Kachikachi-Yama am östlichen Seeufer des 河口湖 Kawaguchi-ko genannten Sees. Dort fährt nämlich eine Seilbahn bis auf gut 1’000 Meter Höhe, und von dort hat man einen schönen Blick auf den Fuji-san und alles, was sich so am Fuße des Berges erstreckt, inklusive Fuji-Q-Highland, Autobahn und riesigen Übungsplätzen der japanischen Armee Selbstverteidigungskräfte.

    Plötzlich fanden wir uns im Mittelpunkt des Touristenrummels wieder: Unzählige Reisebusse standen herum, und tausende Besucher, die meisten aus China, viele aber auch aus den USA und Europa, rödelten mehr oder weniger zielstrebig durch die Gegend. So viele Ausländer habe ich schon lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen. Da an Orten wie diesem ein Restaurant wie das andere ist, kehrten wir einfach irgendwo ein, und plötzlich waren wir die einzigen Gäste. Zwei gelangweilte Angestellte, ältere Damen, händigten die Speisekarte aus. Schnell wurde gewählt – den Kindern verlangte nach Takoyaki (frittierte Teigbällchen mit Oktopusfüllung), für die Eltern gab es Hōtō – ein Gemüse-Miso-Eintopf mit sehr breiten Nudeln. Und siehe da: Die Takoyaki waren Tiefkühlkost, und die Hōtō konnte man nur mit viel Mühe schlechter hinbekommen. Immerhin waren die Preise sehr zivil. Richtig amüsant waren jedoch die beiden Angestellten, die sich in Hörweite über ihre einzigen Gäste unterhielten. Diese Gäste (sprich: wir) hatten kurz vorher wohlgemerkt das Essen auf Japanisch bestellt, und meine Gemahlin ermahnte auch in regelmäßigen Abstand den Sohnemann zum richtigen Benehmen. Auf Japanisch, natürlich. Und dennoch – die Angestellten merkten an,, ganz so als ob wir nicht da wären, wie schön doch das Töchterchen die Stäbchen hält, wie gut doch manche Ausländer neuerdings Japanisch sprechen und dergleichen. Ganz ungeniert. Ganz unverfroren.

    Meine Frau stammt aus Kyushu und hat einen etwas dunkleren Teint. Nichts Ungewöhnliches in Japan, aber es kam schon vor, dass sie mit dem indischen Hallo „नमस्ते“ begrüsst wurde oder jemand ihr Japanisch lobte. Für mich ist das freilich jedes Mal eine saukomische Angelegenheit. Dass sich aber Angestellte in einem Restaurant so hörbar über ihre einzigen Gäste unterhalten, habe ich in Japan auch noch nicht erlebt. Die Qualität des Essens war für japanische Verhältnisse ebenfalls schockierend – die Touristen, die dort reinstolpern, tun mir ehrlich leid. Aber mit der steigenden Zahl der Besucher werden wohl auch solche Orte zunehmen (nun gut, eigentlich gab es die schon immer…). Fazit: So schnell muss ich da nicht wieder hin. Aber der Anblick des Fuji-san ist von dort schon sehr beeindruckend.

    Doch was hat es mit dem カチカチ山 Kachikachi-Yama, auf gut Deutsch „Knisterberg“, auf sich? Hinter dem Namen steckt eine reichlich grausame Sage: Vor langer, langer Zeit lebte ein älteres Ehepaar in der Gegend, doch ein boshafter Tanuki (Marderhund – und eine beliebte Sagengestalt in Japan) machte den Alten das Leben schwer. Es spielte den beiden Streiche, fraß die mühsam ersparte Saat auf und dergleichen. Doch eines Tages stellte der Alte dem Tanuki eine Falle, und brachte das gefesselte Tier nach Hause. Seine Frau versprach ihm daraufhin, zum Abend eine deftige 狸汁 Tanuki-jiru (Tanukisuppe) zu kochen. Doch der Tanuki zog alle Register und überzeugte die alte Frau, dass er sich bessern und im Haushalt helfen werde. Kaum losgelassen, erschlug er die Alte – und machte aus ihr 婆汁 babā-jiru (Alte-Frau-Suppe), verwandelte sich in die Alte und setzte die Suppe dem Gatten zum Abendmahl vor. Dieser aß sie auf und erfuhr hernach, was er gerade verzehrt hatte. In seinem Zorn wandte er sich an einen befreundeten Hasen, da er sich selbst nicht im Stande sah, den Tanuki zu besiegen.

    Der Hase lud den Tanuki zum Reisig sammeln am Berg ein. Als der Tanuki das gebündelte Reisig auf dem Rücken trug, setzte der Hase das Reisig in Brand. Der Tanuki wunderte sich, woher das knisternde (auf Japanisch: „kachikachi“) Geräusch kommt, doch der Hase, nicht auf den Mund gefallen, beschwichtigte den brennenden Tanuki: Man sei hier am „Kachikachi-Berg“, und dort leben die Knistervögel, die eben ein solches Geräusch machen.

    Der Tanuki verbrannte sich schwer am Rücken, doch der Hase hatte gleich eine passende Medizin parat: Miso (eine Bohnenpaste), in die er Pfefferschoten mischte. Kaum hatte sich der Tanuki von den brennenden Schmerzen erholt, lud der Hase den Tanuki zum Fischen ein. Er präsentierte dem Tanuki ein Boot aus Holz und ein Boot aus Schlamm und sagte, dass man mit letzterem mehr Fische transportieren könne. Da der Tanuki für seine Gier bekannt war, wählte er natürlich das Boot aus Schlamm… und ertrank jämmerlich auf dem See.

    9 COMMENTS

    1. Ich liebe Hoto! Hab zum Glück noch nie eine schlechte erwischt. :)

      Tja … das mit dem Massentourismus wird irgendwie gerade überall schlimmer, aber in Japan ist es mir auch massiv aufgefallen. Und es nervt teilweise doch sehr. :(

      Die Sage kannte ich noch nicht. ^___^

    2. Ich hätte den alten Damen aber was erzählt. 無礼ババドモ。

      Meine Frau sieht zum Glück „normal“ aus, so dass wir uns mit dieser speziellen Sorte Mist nicht auseinandersetzen müssen.

      Witzig auch immer, wenn Japaner davon ausgehen, dass alle Japaner zwischen Hokkaido und Okinawa gleich aussehen.

    3. Ob sie sich jetzt direkt neben mir über mich auslassen oder es mir ins Gesicht sagen, ist mir eigentlich schon fast egal. Alte Leute meinen es ja meist nicht mal böse, und trotzdem, trotzdem, kann ich es nicht leiden.

      Mein Mann wurde ja während des Studiums in Europa manchmal von anderen Japanern gefragt, ob er wirklich aus Japan käme, er wäre so anders. Ihn hat es wohl nicht gestört, mir ist aber die Spucke weggeblieben. Japaner verbreiten ja gerne die Geschichte, dass sie das höflichste Land der Welt wären, aber was sie jemandem ins Gesicht sagen, der nicht japanisch ist oder wirkt, geht manchmal auf keine Kuhhaut. Gut, das tun andere Völker auch, aber die tun nicht so scheinheilig dabei. (Ich wurde auch schon von anderen Deutschen gefragt, ob ich denn wirklich aus Deutschland käme, ich hätte so einen seltsamen Akzent. Ich bin gebürtige Berlinerin, aber mein Nachname war vor und nach Eheschließung nie deutsch, und da kann man sich schon mal einen seltsamen Akzent einbilden. Oder ich habe wirklich einen – seltsame Deutsche, seltsamer Japaner, ein tolles Paar.)

      • Da ist sicherlich viel Einbildung dabei… aber das ist schon richtig, der Unterschied zwischen dem, was sich Japaner ins Gesicht sagen und was sie Nicht-Japanern ins Gesicht sagen (und fragen) ist schon immens. Und der Großteil ist sich dieses Unterschieds noch nicht einmal bewusst…

        • Wenn jemand ausländisch aussieht oder einen ausländischen Namen hat, dichtet die eigene Überzeugungskraft gleich mal einen ausländischen Akzent dazu. :’D (Oder böse, vielleicht hatte das Mädel auch noch nie Bayern verlassen und wusste nicht, wie andere Deutsche klingen.)

          Ja, oder? Wobei ich auch Japaner kenne, die extrem frech zu anderen Japanern sind, aber meistens doch eher nur zu Japanerinnen. Ich sage nur Christmas Cake etc.

    4. Eine japanische Interpretation zum Verhalten der Bedienung: „Obasans“ reden gerne und viel und machen das absichtlich in Hörweite, so loben sie auch japanische Kinder wie toll sie mit Stäbchen essen könnten und wie „kawaii“ sie sind.
      Mein GG wird auch manchmal gefragt, ob er Japaner ist. Ich denk, weil er halt nicht wie der typische Salaryman aussieht (Klamotten, Frisur)
      Vor kurzem hatte ich Besuch aus Deutschland, die machten so eine Gruppenrundreise, nach 5 Tagen wußten sie noch nicht, dass man in Japan nicht am Tisch bezahlt und sie hatten noch keinen ganz normalen Reis gegessen. Vielleicht war das ein Sonderfall, aber sie hatten Null Interesse am Essen und wollten (konnten) auch nicht mit Stäbchen essen.
      Der Sage nach wird in manchen Edelrestaurants im billigsten Supermarkt eingekauft für die Touristen, da die das eh nicht merken.
      Kachi-kachi mach ich einmal pro Monat mit den „Feuerhölzern“ (Hyoshigi)

    5. Ich war kürzlich mit meiner Frau in Nagasaki und wir waren ehrlich überrascht von der allgemein schlechten Qualität der Restaurants. Also, zumindest jene, die man in den kleinen Heftchen findet. Allesamt Orte, wo man zumeist Touristen findet. Entweder waren sie fürchterlich teuer oder das Essen von schlechter Qualität. Einzig ein kleiner Self-Service Izakaya, welcher in keinem Führer zu finden war, bot richtig leckeres und günstiges Essen.

      Einige Restaurants in Fukuoka und Kumamoto meiden wir inzwischen gänzlich, da man sich dort vor Touristen kaum noch retten kann. Zum Glück sind die Touristen in Fukuoka noch nicht bis Yakuin vorgedrungen. Wäre schade wenn ich meinen Yakitori Laden dort aufgeben müsste.

    Comments are closed.